15.11.2021

Autor Lukas Rietzschel im Interview

Lukas Rietzschel ist ein Kind der Oberlausitz. Und so verwundert es kaum, dass er seine Geschichten und Protagonist*innen in das Braunkohlerevier der Oberlausitz transferiert. Mit dem 1994 in der Nähe der Lessingstadt Kamenz geborenen Autor konnten wir über den anstehenden Strukturwandel in der Lausitz sprechen…
 

Herr Rietzschel, in den letzten Wochen, auch im Zuge der Bundestagswahlen am 26. September, kam in den Medien wieder verstärkt das Thema Osten, DDR-Vergangenheit und alles, was damit zusammenhängt zur Sprache. Sie sind mit 27 Jahren ein Nachwende-Kind, aber widmen sich in Ihrem Buch „Raumfahrer“, das Ende Juli erschienen ist, genau dieser Thematik. Was treibt Sie an, ein solches Thema zu bearbeiten?

 

Ich habe den Eindruck, dass es ein großes Bedürfnis in der ostdeutschen Gesellschaft gibt, über die DDR und über die Jahre des Umbruchs zu reden, über Erfahrungen, Geglücktes, Gescheitertes. Das sammle ich und nehme es auf, auch weil es etwas mit mir zu tun hat. Sie haben recht, die DDR habe ich nicht erlebt, aber meine Eltern und Großeltern. Und die Frage ist dann ganz einfach: „Wie war das für euch?“ „Was ist, aus eurer Sicht, damals passiert?“ Und waren die Erschütterungen vielleicht so groß, dass ich noch etwas davon spüre?

 

 

Das Buch beschreibt sehr eindringlich das Schicksal der Familie Kern bzw. Baselitz zwischen Ende des 2. Weltkrieges bis in die Wendezeit hinein und spielt in Ihrer Heimat Kamenz. Gleichzeitig spiegelt die Geschichte aber auch ein ganzes System, eine Geschichte einer ganzen Nation wieder, greift dabei Themen wie die Stasi, das Vertuschen einer Fahrerflucht und einschneidende Erlebnisse, die zu Brüchen in den Lebensläufen der Menschen geführt haben, auf. Der Tenor der Leserschaft hierzu ist unisono, dass die Schilderungen maximal authentisch sind. Wie ist es Ihnen gelungen, dass sich so viele Menschen darin wiederfinden, obwohl Sie selbst das alles gar nicht erlebt haben?

 

Das ist die Arbeit aus vielen Gesprächen und langwierigen Recherchen. Sie müssen sich vorstellen, ein Bild, rein optisch, von der DDR zu entwerfen, ist relativ einfach. Über Fotos und Filme lässt sich das ganz gut rekonstruieren. Aber für einen Roman brauchen sie mehr. Da müssen sie schildern können, wie etwas gerochen hat, wie es sich angefühlt hat, geschmeckt. Nur dann wird es wirklich authentisch und nachvollziehbar. Und genau diese Sinnlichkeit musste ich in den Anekdoten meiner Gesprächspartner finden.

 

 

Das Bild, das Sie zeichnen, ist an vielen Stellen getragen von Schmerz und Verbitterung zu den Entwicklungen rund um die Wiedervereinigung Deutschlands. Nun steht gerade die Lausitz zum zweiten Mal vor einem großen Umbruch. Denn mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung im Jahr 2038 werden viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und die Region ihren einstigen Motor. Zahlreiche Menschen treibt deshalb die Sorge um, dass die Lausitz vergessen werden könnte im Strukturwandelprozess. Wie nehmen Sie dies wahr, wenn Sie in Ihrer Heimat unterwegs sind und Kontakt mit den Menschen vor Ort haben?

 

Das Bild, das ich wahrnehme, ist zwiespältig. Da sind natürlich einerseits jene, die große Bedenken vor dieser zweiten, so wird es ja oft beschrieben, Deindustrialisierung seit der Wiedervereinigung haben. Und auf der anderen Seite stehen Menschen, die sagen, dass sich neben der Kohle doch schon längst andere Wertschöpfungsketten etabliert haben, die nun endlich einmal mehr in den Blickpunkt rücken und gefördert werden sollten. Man kann im Zuge der medialen Berichterstattung ja schnell den Eindruck gewinnen, die ganze Lausitz sei von der Kohle abhängig, als gäbe es hier keine anderen Berufe außer Bergmann und Bergfrau. Die Lausitz wird nicht vergessen, das sehen wir doch an all dem Geld, das in den nächsten Jahren in die Region gesteckt werden soll. Und Ideen zur Verwendung haben wir hier genug. Darauf können wir vertrauen.

 

 

In einem Ihrer Interviews erklärten Sie, dass die Radikalisierung der jungen Menschen im Osten oft darauf basiert, dass die Elterngeneration eine Verbitterung über die Nachwendejahre verspüre und quasi weitervererbe. Also weniger selbst gemachte Erfahrungen der Grund dieser Entwicklung ist, als das, was Generationen weiter tragen. Wie kann man dem entgegen wirken? Vor allem auch im Zuge des Strukturwandels, um vielleicht damalige Fehler auszumerzen oder den Umbruch diesmal einfach besser zu gestalten?

 

Was ich da gesagt habe, bezieht sich unmittelbar auf die 90er Jahre, auf eine Phase also, die von einem Umbruch gekennzeichnet war, die so nicht vergleichbar ist mit Jahren davor oder danach. Vielleicht müssen wir es so betrachten: Erst durch die Erfahrungen mit der Treuhand ist auf politischer Seite das Bewusstsein entstanden, den heutigen Strukturwandel nicht allein dem Markt zu überlassen. All die Beteiligungsformate und Ideenwettbewerbe rund um den Kohleausstieg sind auch vor dem Hintergrund der Abwicklung der DDR-Industrie zu verstehen. Ohne das Wissen um die mitunter auch missglückte Transformation der 90er Jahre würde heute nicht so viel Geld in die Kohleregionen fließen, da bin ich mir sicher.

 

 

Im Zentrum des Bemühens um den Strukturwandel stehen natürlich der Erhalt vorhandener Wirtschaft und das Schaffen neuer Arbeitsplätze in komplett neuen Wirtschaftssektoren. Sehr wahrnehmbar sind hier die Stimmen der Bürger, die durch das Ende des Braunkohletagebaus ihre Arbeitsplätze in den Revieren verlieren und Alternativen zu ihren bisherigen Jobs einfordern. Betroffen ist aber auch die junge Generation, die nach Perspektiven sucht, um in der Region zu bleiben. Wo sehen Sie hier Ansätze oder auch Chancen, um die jungen Menschen zu erreichen und einzubinden?

 

Es muss klar kommuniziert werden, dass sich die Region wandeln wird, wie sich auch die Gesellschaft und die Welt ringsum verändert. Der Ausstieg aus der Kohle bedeutet ja auch das Ende eines Industriezeitalters, das geprägt war von Öl, Kohle, Eisen und Stahl. Ein Großteil des deutschen Wohlstandes und unserer Wirtschaftskraft fußen in diesem Industriezeitalter. Nun ist es Zeit für neue Ideen, neue Wertschöpfungsketten. Dafür brauchen wir das Know-How, die Ideen und den Willen zur Veränderung der jungen Generation.

 

 

Sie sagten einmal, das Schweigen über die Vergangenheit sorge bei den Menschen dafür, dass sie sich durch das quasi Negieren ihrer Lebensgeschichte ausgegrenzt fühlen. Ist ein Schlüssel, um die Menschen auf dem Weg des nun anstehenden Wandels mitzunehmen, das Thematisieren der Brüche der Vergangenheit? Und braucht es dazu neben der Politik nicht auch die Kultur und Literatur?

 

Absolut! Ich glaube, dass Kunst und Literatur im Besonderen Räume für Erinnerung, Erfahrung und Austausch öffnen kann. Ich bemerke das nach eigentlich fast jeder Lesung, wie wichtig es den Leuten ist, sich und ihre Geschichten mitzuteilen.

 

 

In dem Prozess des Strukturwandels versucht Sachsen die Bevölkerung aktiv mit einzubinden. Welche Themenschwerpunkte würden Sie in der Lausitz setzen, um der Region ein neues, zukunftsfähiges Gesicht zu geben?

 

Die Transformation der Industrie ist die eine Sache, die andere ist die Veränderung der Landschaft. Überall auf der Welt wird noch Kohle abgebaut und irgendwann wird man sich auch in anderen Ländern die Frage stellen, wie man nun mit all den Löchern und Gruben umgehen soll. Die Lausitz, als größte künstliche Seenplatte Europas, kann da sicherlich Einiges erzählen. Worauf ich hinaus will: Hier wurden in den letzten Jahren ja bereits Erfahrungen gemacht, die auch in anderen Regionen dieser Welt von Nutzen sein können. Wäre ich ein findiger Geschäftsmann, würde ich daraus Profit schlagen.

 

 

Im Fokus der Politik werden oft die Themen Wissenschaft, Gesundheit und Tourismus genannt. Was ist im Bereich der Kultur und Literatur denkbar für die Lausitz denkbar?

 

Kunst entsteht immer und überall. Entscheidender sind die Orte und Möglichkeiten, sie zu zeigen und darüber ins Gespräch zu kommen. Wenn wir an die Entwicklung der Region denken, dürfen wir nicht nur an Geld denken, an Wirtschaftskreisläufe, sondern auch an all die Bereiche, die sich nicht finanziell ermessen lassen. Dazu gehören Orte, an denen sich Menschen treffen können, austauschen, begegnen. Und damit meine ich nicht irgendwelche Einkaufszentren. Bitte keine Einkaufszentren mehr!

 

 

Nun sind Sie in der Lebensphase, in absehbarer Zeit selbst eine Familie gründen zu können und geben an, sich in der Region verwurzelt zu fühlen und bleiben zu wollen. Wie würden Sie Ihre Lausitz 2038 zeichnen, um sie attraktiv für Ihre Kinder und Enkel zu gestalten?

 

Meine Lausitz 2038 würde sich von meinem Deutschland, meinem Europa, meiner Welt 2038 nicht sonderlich unterscheiden. Ich möchte, dass meine Kinder und Enkel in einer lebenswerten Welt aufwachsen können, friedlich und frei, in einer intakten Natur.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Foto: Christine Fenzl