20.09.2021

Die Bergfrau und Ihr Bagger: Silke Butzlaff im Interview

Silke Butzlaff ist als Geräteführerin auf dem kolossalen Eimerkettenbagger im Tagebau Welzow-Süd für die Lausitz Energie Bergbau AG tätig. Sie ist eine der wenigen Frauen in diesem Beruf und sie geht diesem mit Leidenschaft seit über 30 Jahren nach. Mit dem Kohleausstieg beginnt auch für sie ein neues Lebenskapitel.

 

Im Gespräch mit der SAS gibt sie Auskunft über ihre Zukunft, ihre Sicht auf den Kohleausstieg und die Chancen die sich für ihre geliebte Lausitz beiderseits der Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg im anstehenden Strukturwandel ergeben werden.

 

 

Frau Butzlaff, Menschen, die sich mit dem Thema Strukturwandel und hierbei speziell mit den Belangen des Tagebaus in der Lausitz beschäftigen, kennen Sie inzwischen als „DIE Baggerfahrerin“ schlechthin. Können Sie uns ein wenig mitnehmen, wie das alles begann und sich in den letzten Monaten entwickelt hat?

 

Nun ja, ich bin insgesamt schon seit über 30 Jahren im Bergbau tätig und sitze im Grunde den größten Teil dieser Zeit auf ein und demselben Bagger. Es handelt sich hierbei um einen der ältesten noch im Betrieb befindlichen Eimerkettenbagger und ja, das ist wirklich vom Gefühl her mein Bagger. Diese Verbundenheit mit diesem Bagger, mit meinem Beruf, der Region und den Menschen vor Ort hat mich dazu gebracht, mich für unsere Belange verstärkt einzusetzen. Gerade auch vor dem Hintergrund des Kohleausstiegs 2038.

 

 

Wenn wir ganz an den Anfang zurückkehren, war Bagger fahren schon als Kind Ihr Traumberuf?

 

Nein. Ich habe zwar als Kind nicht mit Puppen gespielt, sondern eher mit Dingen, die für Jungs typisch sind, aber es war nicht so, dass ich davon träumte, auf einem Bagger zu sitzen, wenn ich groß bin. Das hat sich erst mit dem Ende meiner Schulzeit ergeben, als ich vor der Frage der Berufswahl stand. Und als ich dann meinen heutigen Bagger zum ersten Mal gesehen habe, da kam dieser unbedingte Wunsch auf, diesen Bagger zu steuern. Aber wirklich auch nur diesen. Und das habe ich mir dann, obwohl ich eine Frau bin und Frauen in diesem Beruf eher die Seltenheit, als die Regel sind, erfüllt und es bis heute nie bereut.

 

 

Sie sprachen eben selbst an, dass im Zuge des sogenannten Kohlekompromisses, verbunden mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung sich Ihr persönliches Engagement nochmals intensiviert hat. Was genau hat sie dazu gebracht, sich hier so stark einzubinden?

 

Zu allererst finde ich es wichtig, an dieser Stelle nochmal zu untermauern, dass auch mir natürlich die Umwelt und der Erhalt dieser wichtig ist. Mein Engagement und das meiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter stellt nicht in Abrede, dass den Umweltbelangen ein verstärktes Augenmerk gewidmet werden muss, damit auch für die kommenden Generationen ein gutes Leben auf unserem Planeten möglich sein wird. Allerdings möchten wir, dass auch die Belange unseres Berufs und der Menschen in der Region Rechnung getragen wird. Ich möchte meinen Anteil dafür leisten, dass eben das nicht vergessen wird und die Lausitz eine tolle Zukunft haben wird.

 

 

Haben Sie den Eindruck, dass das vergessen wird oder in den Überlegungen keine Rolle spielt?

 

Nein, das so pauschal zu behaupten, wäre auch nicht fair. Aber oftmals ist das Verständnis des Gegenübers nicht so stark ausgeprägt oder man hat sich nicht so wirklich intensiv mit unseren Gedanken und Sorgen auseinandergesetzt, wie man das tun könnte und wir es uns wünschen. Ich sehe aber auch, dass das ein Geben und Nehmen ist. Dieser Austausch muss natürlich von beiden Seiten gewollt sein und gesucht werden. Das kann nie einseitig funktionieren. Auch wir müssen zuhören und verstehen und am Ende muss es ein Weg sein, der für uns alle gut ist.

 

 

In einem Ihrer Interviews haben Sie angemerkt, dass es nun zwar den Plan gäbe, 2038 mit der Kohleverstromung zu enden, aber der Plan in Ihren Augen nicht zu Ende gedacht ist. Wo sehen Sie die Hauptdefizite?

 

Eine Tatsache, die wohl niemand in Abrede stellen kann, der sich ehrlich mit den Fakten auseinandersetzt, ist doch, dass Deutschland bisher auf die Kohle angewiesen ist, wenn wir keinen kompletten Blackout riskieren wollen. Die Kohle wird als Grundlast in unserem Energiesystem gebraucht. Eine echte Alternative sehe ich da bisher nicht, zumal die Regierung zuletzt ja bereits einräumen musste, dass der Bedarf an Strom noch viel höher ist und sein wird, als man bisher kalkuliert hatte. Hier braucht es Antworten.

 

 

Antworten fordern Sie mit Ihrer Initiative zum Erhalt des Tagebaus aber auch für die Zukunft der vielen Beschäftigten des Bergbaus ein.

 

Ja. Es braucht Jobalternativen, vor allem für die, deren Arbeitsleben bestenfalls noch eine ganze Weile andauern soll. Ich persönlich habe für meine Jahre bis zum Renteneintritt einen klaren Plan gefasst, aber viele meiner Kolleginnen und Kollegen wissen nicht, wohin beruflich ihr Weg führen könnte. Die Alternativen, die es für sie geben könnte, weil es Pläne dazu in der Politik gibt, sind oftmals unter den Menschen doch noch gar nicht bekannt. Da fehlt es an Kommunikation.  

 

 

Wie sieht Ihr Plan aus?

 

Ich werde natürlich bis zum letztmöglichen Tag auf meinem Bagger bleiben, lasse mich jedoch bereits jetzt auf ein anderes Modell umschulen. Mir graut aber, ehrlich gesagt, vor diesem allerletzten Tag auf meinem Bagger. Das wird sehr, sehr traurig für mich sein.

 

 

Wir hatten kürzlich ein Gespräch mit einer Vertreterin einer Jugendinitiative aus dem Mitteldeutschen Revier. Sie schilderte ebenfalls, dass es oftmals einfach daran hapert, den gegenüber und seine Wünsche und Belange zu verstehen. Sie erfahren für Ihr Engagement auch nicht nur Zuspruch. Wie gehen Sie damit um?

 

Das trifft mich selbstverständlich, schließlich stehe ich nicht für fragwürdige Ideologien oder Strömungen ein, sondern setzte mich eigentlich nur für meinen Beruf, meine Heimat und meine Mitmenschen ein. Und unser Engagement geht weit über das Thema Braunkohle hinaus. Als im Juli die furchtbare Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen war, haben wir uns sofort zu einer Hilfsaktion zusammengetan und in kürzester Zeit Spenden gesammelt und mit einem LKW nach NRW geschickt.

 

 

Sie pflegen also auch Kontakte in die anderen Braunkohlereviere?

 

Ja, wir sind wie eine große Familie und da hat es uns natürlich berührt, als wir die Bilder der Flutkatastrophe gesehen haben. Zumal im Tagebau Inden (Nordrhein-Westfalen) leider auch ein Kohlekumpel in der Flut sein Leben gelassen hat.

 

 

Wenn man nochmal auf den Strukturwandel schaut, wie nehmen Sie die Bemühungen der Länder Brandenburg und Sachsen wahr?

 

Ich denke schon, dass beide Bundesländer darum kämpfen, dass der Strukturwandel gelingen wird. Durch den Umstand, dass die Lausitz in beiden Bundesländern liegt, nimmt man manchmal wahr, was Brandenburg an Projekten umsetzen will. Tagsdrauf liest man vielleicht wieder etwas für die sächsischen Regionen. Auch wenn ich Sprembergerin bin und damit zu Brandenburg gehöre, trenne ich das emotional nicht, sondern in erster Linie bin ich Lausitzerin. Deshalb freue ich mich auch, wenn wir Zuspruch aus Sachsen erhalten oder mit uns der Dialog gesucht wird über die Landegrenzen hinweg. Schlussendlich ist der Strukturwandel in der Lausitz nur zu schaffen, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

 

 

Wir wollen ja künftig weiter Ihre Wege verfolgen und mit Ihnen in Kontakt bleiben – auch wenn der Tag ansteht, an dem Sie Ihren Bagger verlassen werden. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, welches Erinnerungsstück Sie sich mitnehmen werden?

 

Oh ja, das ist gar nicht so einfach, schließlich steckt da irgendwie auch mein ganzes Leben drin. Wer noch nicht auf so einem Gerät gewesen ist, kann sich vermutlich gar nicht vorstellen, wie es darin aussieht. Aber schlussendlich ist es ein Stück Lebensraum und wird immer ein Großteil meiner Lebensgeschichte sein. Deshalb werde ich ganz gewiss die eine oder andere materielle Erinnerung mitnehmen. Aber noch mehr sind natürlich in meinem Gedächtnis gespeichert.

 

 

Vielen Dank, liebe Silke Butzlaff, für das Interveiw!