06.01.2022

Interview mit Christoph Scholze

Christoph Scholze ist voller Tatendrang, Sportsgeist und unbändigem Optimismus. Mit Ihm, dem ehemaligen Innovationsmanager bei Siemens Energy Innovationscampus und heutigem Niederlassungsleiter bei der GRANTIRO Initiative GmbH, konnten wir über die Lausitz und ihre Potenziale sprechen…

 

 

Herr Scholze, Sie haben sich einen Namen als Innovationsmanager bei Siemens Energy gemacht und sind im Laufe des Jahres 2021 zu Grantiro gewechselt, bleiben damit aber Ihrer Heimat, nämlich der Lausitz treu. Was begeistert Sie an der Lausitz?

 

Es ist vor allem die Vielfalt. Geografisch gibt es alles, was das Herz begehrt. Eine der atemberaubendsten Gebirgslandschaften Europas im Süden bis hin zur vom Bergbau geprägten Landschaft im Norden. Auch die hohe Kompetenzdichte im Mittelstand, beispielsweise im Maschinen- u. Anlagenbau, der Energietechnik und bei Kunststoff und Leichtbau verarbeitenden Unternehmen ist aller Ehren wert. Und dass nahezu jede wissenschaftliche Einrichtung, die Rang und Namen hat in Deutschland, sich in der Lausitz niedergelassen hat, kann sich doch ebenfalls sehen lassen. Alles einmal zusammen gedacht, sprechen wir von ziemlich einzigartigen Gegebenheiten, derer wir uns noch stärker bewusst werden müssen.

 

 

Die Lausitz steht nach der Widervereinigung Deutschlands vor mehr als 30 Jahren nun vor einem erneuten Einschnitt, nämlich dem Strukturwandel im Zuge des Kohleausstiegs. In absehbarer Zeit werden die letzten Braunkohletagebaue verschwinden. Welche Erinnerungen haben Sie an den Bergbau in der Lausitz?

 

Der Bergbau beschreibt in der Lausitz eine ganze Epoche. Eine Epoche, die den Menschen in der Region über mehr als einhundert Jahre eine Identität und enge Verbundenheit zu ihrer Heimat gegeben hat. Menschen, die gewohnt und bereit waren, hart zu arbeiten. Menschen, die lösungsorientiert und erfinderisch agierten. Um den Bergbau herum ist ein leistungsfähiges Wirtschaftssystem gewachsen, und innerhalb dieses Systems wurde ein gewisser Wohlstand geschaffen. Die Lausitzer sind zurecht stolz auf das Erreichte. Die große Herausforderung ist es jetzt, diesen Stolz nicht zu brechen, indem man die Bedürfnisse und die Ängste der Menschen nicht ernst nimmt oder glaubt zu wissen, was die Region jetzt braucht. Angst war schon immer ein schlechter Berater und schlägt oft in Wut und Misstrauen um. Die Vergangenheit zeigt, dass die Menschen in der Lausitz Mut, Innovationskraft und Verantwortungsgefühl haben. Diese Tugenden gilt es, jetzt zu nutzen, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten.

 

 

Für die Menschen der Region ist dieser bevorstehende Wandel, wie Sie selbst sagen, verbunden mit sehr vielen Ängsten. Beherrscht wird vieles von der Frage nach neuen Arbeitsplätzen. Gleichwohl klagt die Region heute bereits über einen Fachkräftemangel. Wie kann man Ihrer Meinung diesen Problemen begegnen?

 

Grundsätzlich mögen wir Menschen keine Veränderungen. Veränderungen in so einem Ausmaß bedeuten immer ein Stück weit, die Komfortzone verlassen zu müssen. Wenn dann noch das Gefühl dazu kommt, dass wir verändert werden und nicht selbst den Veränderungsprozess gestalten, dann entstehen schnell Angst und Ablehnung. Wir benötigen jetzt ein schnelles, transparentes und vor allem glaubhaftes Aufzeigen der Chancen, die für uns im Strukturwandel stecken. Das muss jedoch weit darüber hinausgehen, dass wir den Menschen immer nur erzählen, wieviel Geld jetzt in die Region fließen wird. Wir benötigen da eher eine einladende und vor allem inspirierende Art. Wir müssen Mut machen und Formate anbieten, sich einzumischen und jeder sollte sich eingeladen fühlen, seine Kompetenz einzubringen. Und dann braucht es natürlich die Entwicklung der Alternativen. Hier mache ich mir jedoch inhaltlich eigentlich keine Sorgen. Wir müssen eher schnell in den Prozess kommen, gute Projekte zu entwickeln. Die, die das können, sitzen heute nicht in Verwaltungen und Amtstuben. Sie sitzen in den Unternehmen und den Instituten. Die Frage ist also, wie wir Kommunen mit Projektentwickler zusammenbringen, um an dieser Stelle die Qualität in den Projekten noch einmal massiv zu steigern. Das Maß müssen in erster Linie Wertschöpfung und damit Arbeitsplätze in der Region sein. Das vermisse ich noch und da müssen wir schnell besser werden.    

 

Naja, und die Fachkräftesituation haben wir ja in der Lausitz nicht exklusiv. Da sprechen wir über eine deutschlandweite Herausforderung. Deshalb müssen wir eben das attraktivste Umfeld und die spannendsten Aufgaben präsentieren. Ich bin mir sicher, dass wir da echt was zu bieten haben. Dafür müssen wir aber endlich mal anfangen, den Strukturwandel als Chance zu vermarkten und nicht immer als Damoklesschwert unserer Heimat zu verkaufen.

 

Außerdem plädiere ich hier immer für ein grundsätzliches Umdenken. Weg von klassischen Berufsbildern – hin zu einem neuen Rollenverständnis. Menschen nicht ausschließlich nach Abschlüssen zu bewerten, sondern ihre Leidenschaften und Fähigkeiten einfließen zu lassen. Wir würden neben deutlich mehr Flexibilität vor allem Qualität durch mehr Zufriedenheit erzeugen. 

 

 

Nun kann man, wenn man die Medienlandschaft zum Thema „Strukturwandel in der Lausitz“ verfolgt, zwei Tendenzen erkennen: Einerseits ist die Berichterstattung eher negativ geprägt zu dem, was die Politik versucht hat, in den letzten Monaten anzuschieben. Zum anderen liest man viel von den Problemen der sogenannten Babyboomer-Generation, die in den nächsten Jahren aus dem Arbeitsleben austreten wird, aber die Sorgen und Nöte der jungen Menschen gehen etwas unter. Wie erleben Sie das?

       

Um diese Frage zu beantworten müssen wir uns erstmal noch einmal bewusst machen, was dieser Strukturwandel eigentlich ist und bedeutet. Hier wird eine gesamte Region transformiert. Eine Region, die eh schon ein hohes Maß an Strukturschwäche aufweist, und so oder so in einen Strukturwandel gegangen wäre. Der Kohleausstieg verschärft die Situation jetzt zusätzlich. Wir sprechen deshalb von einer echten Mammutaufgabe. Es ist schier unmöglich, gerade zu Beginn eines solchen Prozesses, alles richtig zu machen. Deswegen stört mich auch dieses ständige Genörgel und Gemecker. Das ist leider aber auch typisch Deutsch. Dieses Streben nach Perfektion und Fehler machen bedeutet, gleichermaßen zu versagen. Hier braucht es ein Umdenken hin zu einer neuen Fehlerkultur. Fehler machen, erkennen, analysieren, Maßnahmen ableiten und dadurch besser werden. Weg vom so genannten Finger Pointing, hin zum gegenseitigen Unterstützen und gemeinsamen Handeln. Ja, es waren nicht alle Entscheidungen glücklich. Und ja, ich glaube, wir müssen gerade im Prozess noch nachbessern. Aber alle Schuld immer nur in der Politik zu verorten, ist mir persönlich zu einfach. Ein jeder Bürger hat doch die Pflicht sich einzubringen, wenn er die Möglichkeit hat. Zumindest ist das für mich auch Teil meines demokratischen Verständnisses. Lassen sie es uns gemeinsam angehen, noch mehr in den Dialog zu kommen und vor allem auch noch mehr Verantwortung in die Region selbst geben.

 

Bei den Sorgen und Nöten der jungen Menschen fällt mir nur eins ein: Daran sind wir selbst schuld! Wir trauen ihnen ja nichts zu und geben keine Verantwortung an diese Generation ab. Junge Menschen wollen sich verwirklichen und wollen vor allem eigene Fußabdrücke hinterlassen. Wo bitte soll dies besser funktionieren als gerade jetzt bei uns in der Lausitz? Warum trauen wir der Jugend nicht zu, ihre Heimat zu gestalten? Wir werden überrascht sein, wie belebend es für den Prozess sein wird. Wir müssen sie nur lassen.

 

 

„Strukturwandel“ ist ein sehr großes Wort, das sämtliche Facetten des Lebens umfasst. Den Entscheidern in der Politik und Wirtschaft ist inzwischen sehr wohl bewusst, dass es gelingen muss, die Menschen in der Region zu behalten und Auswärtige und Abgewanderte wieder für die Lausitz zu gewinnen. Als Innovationsmanager, wie kann man den Menschen Lust und Spaß daran vermitteln, hier aktiv an der eigenen Zukunft mitgestalten zu können?

 

Ich persönlich verstehe mich selbst immer als Angebot. Das beinhaltet vor allem die Fähigkeit, nicht nur „haben zu wollen“, sondern auch „geben zu können“. Wenn uns das als Region gelingt, werden wir diese Einladung zum Mitgestalten auch glaubhaft aussprechen können. Außerdem sollten wir nicht zu bescheiden sein. Wir müssen laut und selbstbewusst berichten, was wir vorhaben. „Wir befinden uns in einem der größten Umbrüche der letzten einhundert Jahre. Wir werden einzigartige Ergebnisse hervorbringen. Jetzt ist der Zeitpunkt, Teil dieses einzigartigen Prozesses zu sein.“ Zum Schluss hilft aber all das Geklapper nichts, wenn es uns nicht gelingt, ein hohes Maß an Bürgerbeteiligung zu ermöglichen. Das wird der Schlüssel zum Erfolg sein.

 

 

Nun beklagen die Lausitzerinnen und Lausitzer zurecht, dass mit dem Verlust der Braunkohle als Motor der Region ein Stück Identität verloren geht. Über Jahrzehnte war die Lausitz Motor der ehemaligen DDR und natürlich auch der BRD. Neben der Idee, Forschungsinstitute anzusiedeln, gibt es auch vielerorts Ideen, die Lausitz zu einer Leuchtturm-Region der erneuerbaren Energien zu entwickeln. Wie sehen Sie hierfür die Chancen?

 

Aus Identität wird eben irgendwann „nur“ noch Tradition. Wichtig ist, das Etablieren einer neuen Kultur von „Traditionsbewusst, aber offen für ANDERS und NEU“. Getreu dem Motto „Schuster bleib bei deinen Leisten“ wäre es jedoch fatal, sich nicht mit dem Thema Energie zu beschäftigen. Die Lausitz hat die passende Infrastruktur und einzigartige Kompetenzen bei der Energieerzeugung, Speicherung und Verteilung. Was wollen wir mehr? Eine der aktuell größten Herausforderungen der Menschheit besteht darin, Menschen auf der ganzen Welt den Zugang zu erneuerbarer Energie zu ermöglichen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass heute noch eine Milliarde Menschen garkeinen Zugang zu Energie haben. Wir haben die Kompetenzen, Technologien dafür zu entwickeln und zumindest ein Teil der Lösung zu sein. Dazu müssen wir aber auch unser regionales Geschäftsmodell anpassen. Wir müssen uns zu einer Region der Lösungsanbieter entwickeln, um wirtschaftlich an globalen Märkten zu partizipieren.

 

 

Der Strukturwandel ist, da gibt es sicherlich keine zwei Meinungen zu, ein Prozess der viele Jahre dauern wird, ehe er so umgesetzt sein wird, dass aus einer Chance etwas Großes und Zukunftsfähiges geworden ist. Wie stellen Sie sich die Lausitz 2038 vor, wenn sie einem Kind ein Bild der Lausitz beschreiben müssten?

 

Kindgerecht? Oje, das ist nicht trivial. Ich versuche es mal am Beispiel meiner sechsjährigen Tochter: 2038 leben in der Lausitz viele glückliche Menschen, die stolz auf das Erreichte zurückblicken. Autos fahren von ganz allein und Roboter und Drohnen sind ein ständiger Begleiter in unserem Leben. Naja, und Oma und Opa werden weit über 100 Jahre, weil die Region Vorreiter und Technologieführer bei einigen Gesundheits- und Medizinthemen ist. Ich glaube das würde ihr so ganz gut gefallen.

 

Es ist sicher schwer diesen Prozess und mögliche Ergebnisse kindgerecht zu erklären, aber ich glaube fest an eine großartige Zukunft unserer Heimat. Ich glaube auch an weltweite Aufmerksamkeit und großes Wirtschaftswachstum, weil wir gelernt haben, schnell und unkonventionell Lösungen zu entwickeln – gespiegelt an den Herausforderungen der Menschheit. Die Lausitz ist 2038 ein Eldorado für Startups und Wissenschaftler aus aller Welt. Eine Region, die sich stetig neu erfinden kann und Innovationsfähigkeit zu ihrer Kernkompetenz entwickelt hat. So oder so ähnlich sehe ich m

 

 

 

Vielen Dank Herr Scholze für das Interview!