23.06.2021

Interview mit Landrat Henry Graichen (Landkreis Leipzig)

Am 28. Juni 2021 tagt in Neukieritzsch erstmalig der Regionale Begleitausschnuss des Mitteldeutschen Reviers. Den Vorsitz hat Henry Graichen, Landrat des Landkreises Leipzig, inne. Im Interview haben wir mit Ihm über die anstehende Sitzung sowie die Ziele und Chancen des Reviers gesprochen.

 

Herr Graichen, Sie sind Landrat des Landkreises Leipzig und Vorsitzender des Regionalen Begleitausschusses (RBA) im Mitteldeutschen Revier. Welche konkreten Ziele haben Sie sich für die Aufgabe des Vorsitzenden des RBA gesetzt?

Im Regionalen Begleitausschuss werden Investitionen bewertet und empfohlen, die dem Mitteldeutschen Braunkohlereviers beim Strukturwandel helfen sollen. Erstes Ziel dabei ist, die Wettbewerbsfähigkeit der Region nachhaltig zu verbessern. Meine Aufgabe ist es diesen Prozess zu steuern und gemeinsam mit den Mitgliedern des RBA die wirkungsvollsten Projekte für eine nachhaltige Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf den Weg zu bringen. Strukturwandel im Mitteldeutschen Revier kann nicht von Dresden aus organisiert werden. Dies zu kommunizieren und umzusetzen wird ebenfalls wichtiger Bestandteil der Aufgabe sein.

 

Bis zur Konstituierung des RBA war es ein langer, teilweise auch steiniger Weg. Es galt Gesetze zu gestalten und festzulegen. Wie haben Sie diesen Prozess wahrgenommen?

Der Prozess bis zum Start des RBA war deutlich zu bürokratisch! Nachdem im letzten Sommer die gesetzliche Grundlage durch den Deutschen Bundestag geschaffen war, startete der Freistaat Sachsen sehr schnell mit dem Handlungsprogramm und der Förderrichtlinie. Diese Dynamik gilt es aufrecht zu erhalten. Obwohl es ein Programm ohne Vorlage und Erfahrung ist, können wir aktuell von einer soliden aber sicher noch lernfähigen Struktur sprechen. Nach dem Durchlauf von mehreren Förderprojekten sollten wir evaluieren, was effizienter geht.

 

Der RBA dient unter anderem ja auch dazu, den Menschen in den Revieren über entsprechende Interessenvertreter eine aktive Beteiligung an den Projekten zu sichern. Welche Signale haben sie in den ersten Wochen von den Mitgliedern des RBA wahrgenommen? Wie liefen die ersten Beratungen?

Die kommunalen Vertreter und die Vertreter der Interessengruppen sind sehr engagiert und ambitioniert den Strukturwandel in Mitteldeutschland zu einem Erfolgsmodell zu machen. Viele spüren die historische Dimension des Prozesses und fühlen sich verpflichtet die Wirtschaftskraft der Region zu erhöhen und die Wirtschaftsstruktur nach dem Ende der Braunkohle zu diversifizieren. Die Konstituierung fand ausschließlich mit den beschließenden Mitgliedern statt. Die beratenden Mitglieder haben sich bisher nur digital verständigt. Beide Runden verliefen sehr sachlich und waren von einem ganzheitlichen Ansatz der Entwicklung der Region geprägt.

 

Nun steht Ende Juni die erste Sitzung des RBA an, in dem konkret über Projekte beraten und beschieden wird. Im Mitteldeutschen Revier stehen hierzu 18 kommunale Projekte auf der Agenda. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in diese Sitzung?

Ich freue mich auf diese erste Sitzung des RBA und erwarte eine sachliche und inhaltliche Diskussion, welche den Blick auf das Ziel nicht aus den Augen lässt. Ich erwarte auch ein regionales Verantwortungsgefühl und Selbstbewusstsein bei der Erfüllung der Aufgaben.

 

Der Strukturwandel wird die Menschen in den Revieren viele Jahre beschäftigen. Welche Etappenziele setzen Sie sich und wie wollen Sie die Menschen auf diesem Weg mitnehmen?

Die Menschen beschäftigen viele Fragen. Wie wird nach 2038 die Grundlast der Elektroenergiezeugung erfolgen? Wie werden, neben dem Sektor der Energiewirtschaft, die anderen Sektoren ihren Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgase leisten? Bleiben wir ein industriell attraktiver Standort und wie kann unser Wirtschaftskreislauf nachhaltig umgestellt werden. Sicher sind die meisten Fragen nicht regional zu beantworten, aber einen Beitrag werden wir im Strukturwandel für unser Mitteldeutsches Revier leisten können. In diesem Prozess wird es wichtig sein, dass die Akteure transparent agieren und die Projekte nach ihrer Wirkung ausgewählt werden.

 

Wenn Sie zu Gesprächen in Ihrem Landkreis unterwegs sind, sprechen Sie die Menschen oft auf das Thema „Strukturwandel“ an und was bewegt die Menschen am meisten? Ist es eher die existenzielle Angst, vor dem was kommt? Oder ist es vielleicht auch an vielen Stellen eine Trauer, dass ein großer Abschnitt enden wird – gar eine Art zumindest gefühlter Identitätsverlust, weil die Kohle jahrzehntelang den Puls der Region bestimmt hat?

Die Menschen im Landkreis Leipzig wissen, dass es eine „Tagebaugeneration nach 2040“ nicht geben wird. Dazu sind die Flächen in der dicht besiedelten Region nicht vorhanden. Insofern schauen die Menschen sehr hoffnungsvoll und positiv auf die Möglichkeiten des Strukturwandels und die neuen Chancen, welche sich ergeben. Dies bedeutet eben auch Verantwortung für uns, den Strukturwandel zu nutzen und unsere Region besser und wettbewerbsfähiger aufzustellen. Viele Menschen kennen noch die Situation aus 1990er-Jahren. Diese Zeit war ein regelrechter Strukturbruch. Binnen kurzer Zeit verschwanden fast 80.000 Industriearbeitsplätze in der Braunkohle, die Arbeitslosigkeit stieg weit über 20 Prozent und die Suizidquote in der Region Borna war die höchste im Freistaat Sachsen. An uns liegt es nun, einen erneuten Strukturbruch zu verhindern und einen wirklichen Strukturwandel zu gestalten.

 

Sie selbst sind in Borna geboren und haben sicherlich auch ganz spezielle Erinnerungen an den Tagebau mit all seinen Begleiterscheinungen. Welche ganz persönlichen Berührungspunkte hatten Sie in Ihrer Kindheit oder Jugend hierzu?

Ich habe die bergbauliche Veränderung der Region persönlich erlebt. Viele Bekannte und Verwandte arbeiteten und arbeiten in der Braunkohlewirtschaft. Dörfer, welche mir als Kind gut bekannt waren, gibt es heute nicht mehr. Eine neue Landschaft mit neuer Lebensqualität ist entstanden. Das Leipziger Neuseenland steht als eine positive Marke und ist positiv besetzt und national bekannt. Was die Menschen in der Region in den letzten Jahren geleitestet haben, und wie positiv sich das Bild gewandelt hat, macht mich stolz auf meine Heimat und die hier lebenden und arbeiteten Menschen!

 

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, den Strukturwandel nach Ihren eigenen Vorstellungen umzusetzen, wo würden Sie im Mitteldeutschen Revier ihre Schwerpunkte setzen?

Veränderungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Wir sollten aufgeschlossen für Veränderungen sein und diese in unserem Sinn steuern. Insofern ist es mein Hauptanliegen die Region wettbewerbsfähig auch für kommende Strukturänderungen aufzustellen. Dazu ist es wichtig, dass eine leistungsfähige öffentliche Infrastruktur existiert. Schnelle Anbindungen aus der Region nach Leipzig. Der Aufbau von Wissenschaft und Forschung wird helfen, diese Kompetenz in der Region zu stärken und der Wirtschaft mit den Unternehmen zur Verfügung zu stehen um neue Produkte und Dienstleistungen wirtschaftlich tragfähig zu entwickeln und Existenzgründungen erfolgreich zu begleiten.

 

2038 sind Sie knapp über 60 Jahre alt. Bestenfalls ist der Strukturwandel dann gelungen. Wie genau stellen Sie sich das Mitteldeutsche Revier 2038 vor, wenn Sie es vor Ihrem geistigen Auge sehen?

Das Mitteldeutsche Revier wird zum Ende des nächsten Jahrzehnts eine wirtschaftliche starke Region sein. Die Infrastruktur im Revier ist wettbewerbsfähig ausgebaut und ermöglicht eine wachsende Entwicklung. Der Tourismus ist als wirtschaftliche Basis wichtig und ermöglicht der Region ein dynamisches und positives Marketing. Das Mitteldeutsche Revier ist weiterhin ein attraktiver Standort für die Industrie und sichert damit gute Einkommen für die Menschen.

 

Wir bedanken uns für das Interview, Herr Landrat Graichen.

 

 

Bild: Portrait Henry Graichen, entnommen von: https://www.facebook.com/HenryGraichen/