08.12.2021

Kohle für den Sozialismus (Teil 1 von 3)

Schwarze Pumpe im Lausitzer Revier sowie Mölbis nahe Borna sind Orte die sicherlich nicht jedem sofort ein Begriff sind. Beiden gemein sind die bis heute prägende Auswirkungen des Braunkohlebergbaus in der DDR. In unserer dreiteiligen Serie haben wir uns die Geschichte der beiden Orte einmal angesehen…

 

 

Teil 1: Es stinkt nach Pumpe! – Schwarze Pumpe gestern, heute, morgen

 

»Von der duftenden Seife bis zur leuchtenden Ansteckblume, vom heißen Rasierwasserspender bis zum schimmernden Tafelkerzenleuchter, von der farbfrohen Frühstücksbutterdose bis zur bezaubernden Langspielplatte« – Im Spätsommer 1955 war es einer dieser Sätze, die den Menschen in der DDR die Bedeutung des Braunkohleabbaus vor Augen führen sollten. Die SED hatte die Kohle längst als Motor der DDR ausgemacht. Zwei Drittel des Primärenergiebedarfs und 88% der Stromerzeugung deckte sie ab und war wichtigstes Grundprodukt der Chemieindustrie. Der für die Schwerindustrie zuständige Minister der DDR, Fritz Selbmann, hatte zur Grundsteinlegung des Kraftwerks „Schwarze Pumpe“ den klassischen Spatenstich abgelehnt und eine Planierraupe eingefordert, um dem Vorgang eine noch größere Bedeutung symbolisch zu verleihen. Die Nationalhymne lief, als Selbmann mit der Planierraupe auf das Gelände von „Schwarze Pumpe“ knatterte. Ökonomische Zwänge, der Wunsch nach Autarkie und später auch die Erdölkrise trieben die Staatschefs der DDR an, den Tagebau immer weiter auszubauen. Die Braunkohle hielt die DDR über viele Jahre am Laufen. Ob Strom, Dampfkraft, Koks, Teer, Öl oder auch Treibstoffe – der Ursprung von allem war die Braunkohle. In „Schwarze Pumpe“ sollten aus 32 Millionen Tonnen Braunkohle, 2,5 Millionen Tonnen Koks für die Brikettherstellung, 3,5 Milliarden Kubikmeter Gas, 476 Megawatt Strom und 75.000 Tonnen Mittelöl gewonnen werden.

 

Das Braunkohlevorkommen Gesamtdeutschlands gehörte zu den größten der Welt. Noch heute lagern geschätzte 40 Milliarden Tonnen Braunkohle im Boden der Republik. Die Förderung und industrielle Verarbeitung begann im 19. Jahrhundert und trug durch die industrielle Revolution auch zur Verstädterung Deutschlands bei. Während des 2. Weltkriegs verstärkte das NS-Regime den Boom der Braunkohle. Sie wollten die Kohle nicht mehr nur zur Energiegewinnung einsetzen, sondern erkannten den Nutzen auch für andere Bereiche. So stieg der Bedarf sukzessive an und blieb auch in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende im geteilten Deutschland enorm.

 

„Schwarze Pumpe“ war hierbei eines der Vorzeigeobjekte der DDR. Ehrgeizige Ziele verfolgte der Staat mit diesem Kraftwerk. Und während die DDR Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts finanziell am Boden lag, wies „Schwarze Pumpe“ 1989 noch einen Gewinn von 789,3 Millionen DDR Mark aus und war damit vermutlich das letzte Prestigeobjekt eines maroden Staates. Rund um das Werk hatten sich über die Jahre beispielsweise in Hoyerswerda Einwohnerzahlen von ehemals 7.700 auf 70.000 erhöht. Davon arbeiteten allein 15.000 Menschen direkt in „Schwarze Pumpe“.

 

Aber so leistungsstark das Kraftwerk war, so schädigend war es für die Umwelt. Der Abbau hinterließ Mondlandschaften, die nur spärlich rekultiviert worden sind. Die DDR war in Teilen regelrecht durchlöchert vom Braunkohleabbau. Die Anwohner in direkter Nähe der Abbaustätten klagten über Atemwegserkrankungen. „Es stinkt nach Pumpe“ – hieß es in der Lausitz beispielsweise. Je nach Windrichtung konnte man trotz Sonnenscheins kaum bis zur nächsten Straßenecke blicken. Kurzum: Die gesundheitlichen Folgen und die Ausmaße der Umweltschäden waren enorm. Schließlich waren in der DDR alle Anlagen nur auf Produktion und schließlich auch Verschleiß ausgelegt, der Einsatz effektiver Filteranlagen beispielsweise wurde vernachlässigt. Für Modernisierungen fehlten der DDR der Wille und die nötigen Devisen.

 

Dann kam die Wende und mit der Wende auch ein Umbruch und Umdenken…

 

Titelbild: Unbekannter Fotograf: Arbeiter des Kombinat “Schwarze Pumpe” beim Festakt zur Eröffnung des Kombinats am 01.09.1955, Bundesarchiv, Bild 183-32626-0012 / CC-BY-SA 3.0