16.12.2021

Kohle für den Sozialismus (Teil 2 von 3)

9. November 1989 – Die Welt stand vor einem großen gesellschaftspolitischen Wandel, vor allem im Osten Europas. Die Deutsche Demokratische Republik lag am Boden, die Mauer fiel und das geteilte Deutschland sollte wieder zu einem Staat zusammenwachsen. Auch in Schwarze Pumpe und in Mölbis änderte sich vieles schlagartig.

 

Teil 2: Die Wende, für Mensch und Umwelt

 

Modern und zukunftsfähig – „blühende Landschaften“ versprach der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) den Bürgern der sogenannten neuen Bundesländer. Umweltschutz war inzwischen „en vogue“ und die Abnehmer für die Kohle fehlten zunehmend – der einstige Motor der DDR kam immer mehr ins Stocken. Die Welt veränderte ihr Denken.

 

Bis zur Wende waren rund 300 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr gefördert worden, diesen Bedarf gab es nicht mehr und die Kritik am Tagebau wurde lauter. Die knapp 100.000 Kumpel in Mittel- und Ostdeutschland, die einstigen sozialistischen Helden, verloren mit diesem Umdenken sukzessive ihre Jobs. Nur wenige Kraftwerke wurden an neue Umweltstandards angepasst und entsprechend modernisiert. Dazu gehörte in den 90er Jahren auch „Schwarze Pumpe“, das Ende der 80er Jahre noch als „größte Dreckschleuder der DDR“ verschrien war. Aber durch die Modernisierung liefert die Anlage bis heute ihren Beitrag dazu, dass immer noch etwa ein Fünftel des deutschen Stroms aus Braunkohlekraftwerken kommt. Der „Klimakiller“ Braunkohle liefert somit weiterhin einen wesentlichen Teil unserer heutigen Stromversorgung und die Alternativen, um den enormen Strombedarf einer Industrienation, wie Deutschland es ist, zu decken, müssen noch geschaffen werden.

 

Was längst geschehen ist in den letzten Jahrzehnten seit der Wende: Die Regionen um die Kraftwerke blühen auf. Es war ohne Zweifel nicht sofort das „blühende Deutschland“, das Kohl versprochen und sich die Bürger der DDR erhofft hatten. Aber aus einstigen Orten, in denen niemand mehr leben wollte, weil sie unter den Abgasen und der Verschmutzung der Kraftwerke litten, sind Orte entstanden, in denen die Menschen gerne und gesund leben. Beispielhaft zu nennen wären hier Mölbis und Bitterfeld. Beides Ortschaften, die nach der Wende Berühmtheit erlangten, weil sie als schmutzigste Orte der DDR auserkoren wurden. „Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt“, spottete man sogar schon in der DDR über die Gemeinde. Weil der Staat aber nichts von Umweltschutz hielt und sich ihn auch nicht leisten konnte, litten die Menschen, deren Orte nah an den Kraftwerken und in entsprechenden Windschneisen lagen unter unglaublichen Belastungen. Mölbis, der Ort im Schatten der maroden, auf Verschleiß fahrenden Industrieanlagen des in den 1930er Jahren entstandenen Kombinats Espenhain, hatte eine Luftbelastung unvorstellbaren Ausmaßes: Täglich wurden in Espenhain 4 Tonnen Teeraerosole, 20 Tonnen Schwefeloxid, 4,4 Tonnen Schwefelwasserstoff, 1,6 Tonnen Ammoniak und 1,6 Tonnen Merkaptane ungefiltert in die Luft geblasen – Leidtragende waren die Bewohner von beispielsweise Mölbis, die dem Ort nach und nach den Rücken kehrten. Lebten nach dem Ende des 2. Weltkriegs noch mehr als 1.000 Menschen in dem Ort, waren es zur Wende lediglich runde 350 Einwohner und der Ort war der Devastierung geweiht.  

 

„Devastierung“ war in vielen Regionen rund um Tagebaugebiete das Schreckgespenst schlechthin. Bedeutete es doch, dass die Menschen ihre Heimat verloren, weil die Bagger mit ihren großen Schaufelrädern die Kohle aus der Erde buddeln sollten und Ortschaften regelrecht verschlangen. Mehr als 300 Dörfer sind in Gesamtdeutschland bis heute devastiert worden, fast die Hälfte davon alleine in der Lausitz, und nur wenige schafften es, sich diesem Eingriff zu widersetzen. Mölbis gelang es im Zuge der Wiedervereinigung. Während den Einwohnern im SED Staat niemand Gehör schenken wollte, Demonstrationen generell verboten waren, kam durch die Wende neuer Schwung in diese Bewegung.

 

Titelbild: Waltraud Grubitzsch, Braunkohleveredelungswerk Espenhain, Bundesarchiv, Bild 183-1990-0713B-021 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA 3.0