23.12.2021

Kohle für den Sozialismus (Teil 3 von 3)

Schwarze Pumpe im Lausitzer Revier sowie Mölbis nahe Borna im Mitteldeutschen Revier sind Orte die sicherlich nicht jedem sofort ein Begriff sind. Beiden gemein sind die bis heute prägende Auswirkungen des Braunkohlebergbaus in der DDR. In unserer dreiteiligen Serie haben wir uns beide Orte einmal angesehen…

 

 

Teil 3: Malerische Orte, fehlende Arbeitsplätze

 

Den Schwung der Wende mitnehmen – nach jahrelangem Raubbau an Natur, aber auch den Menschen – das sollte die Devise nach der Wiedervereinigung werden, war lange aber vollkommen undenkbar. Wie sollte man seine Interessen vertreten, wenn dies staatlich unterdrückt wird? In Mölbis war es die Kirche, die sich hinter eine Bewegung stellte, den Menschen eine lebenswerte Heimat zu geben. Umweltgottesdienste und als Wallfahrten deklarierte Demonstrationen wurden damit kreativ legitimiert. Gegen die wirtschaftlichen Interessen und natürlich auch den Anspruch vieler Bewohner, ihren Arbeitsplatz erhalten zu wollen, war es dennoch schwierig, Zeichen zu setzen. So sammelte die Kirche für die Modernisierung Espenhains auf einer „Wallfahrt“ Geld ein und versuchte, die SED Führung somit in eine entsprechende Richtung zu lenken, die SED zur Instandsetzung des inzwischen maroden Kombinats zu bewegen, aber ohne Erfolg. Die Wiedervereinigung Deutschlands brachte Tempo in alles: Den Menschen vor Ort wurde Gehör geschenkt, gemeinsam nach Lösungen gesucht.

 

Dank zahlreicher Fördermittel gelang es in Mölbis, Stück für Stück den Ort neu aufzubauen und das Dorf im südlichen Speckgürtel Leipzigs zu einem Ort zu gestalten, in dem junge Familien sich gerne niederlassen. Wo früher von Schadstoffen zerfressene und mit Dreck bedeckte Häuser standen, findet man heute Einfamilienhäuser, sozialen Wohnungsbau, Teiche, Wälder und Seen – Mölbis hat sich zum Naherholungsgebiet gemausert. Aus den ehemaligen Gruben ist nach der Flutung der Störmthaler See entstanden. Der Ort, der in der DDR als unbewohnbar galt, blüht seit Jahren auf, etwa 600 Bewohner leben inzwischen wieder in dem Dorf am Rande Leipzigs.

 

Wermutstropfen dieser Entwicklung: Die Arbeitsplätze, die durch die Stilllegung der Tagebauten und angeschlossenen Industrien, weggefallen sind, konnten oftmals nicht aufgefangen werden. So hört man nicht selten in Ortschaften wie Mölbis „früher hatten wir jede Menge Dreck aber Geld, heute sind wir gesund, aber uns fehlt das Geld zum Leben“. Aber auch hier ist Licht am Ende des Tunnels: Während um die Jahrtausendwende die Arbeitslosenquote mit mehr als 20% enorm war, ist sie in Mölbis inzwischen auf Bundesschnitt angekommen. Die Instandsetzung der Espenhainer Industrieanlagen war aufgrund des jahrelangen Verschleißes und der nicht mehr vorhandenen Wirtschaftlichkeit der Anlage im Gesamtkomplex der Braunkohlegewinnung- und verstromung nicht sinnvoll darstellbar. Es blieb nur, die Anlage nach und nach abzuschalten. Am 27. August 1990 war mit dem Stilllegen des letzten Schwelofens der Industriekomplex Espenhain Geschichte. Viele Menschen wanderten ab, andere orientierten sich vor Ort neu.  

 

Im Mitteldeutschen und Lausitzer Braunkohlerevier wird voraussichtlich noch bis 2038 Kohle abgebaut werden. In der Lausitz liegt die Förderung derzeit bei rund 60 Millionen Tonnen jährlich, im Mitteldeutschen Revier bei rund 18 Millionen Tonnen. Genutzt wird die Kohle hauptsächlich zur Verstromung in den angeschlossenen Heizkraftwerken. Malocht wird also weiterhin in den verbliebenen Tagebaugebieten, die Bagger graben noch nach dem schwarzen Gold der Erde. Für Mölbis ist dieses Kapitel bereits Geschichte, neue wurden aufgeschlagen.

 

Und auch wenn sich nicht jeder Traum in Mölbis verwirklicht hat und die Abwägung Arbeitsplatz gegen lebenswertes Wohnen immer eine moralische bleiben und ein Dilemma sein wird, hat Mölbis, das nur 15 Kilometer südlich von Leipzig liegt, den Strukturwandel angenommen und will ihn erfolgreich weiter umsetzen. Leipzig als Metropole boomt, junge Familien zieht es raus aufs Land – Mölbis hat wieder eine Perspektive, auch ohne die Braunkohle. Aber die Braunkohle gehört zur Geschichte des Ortes und der der Menschen. Dies nicht zu vergessen, ist auch ein Bestreben in Mölbis und eine Respektsbekundung gegenüber denen, die in den Tagebauten malocht haben. Auch deshalb gibt es in der Orangerie des Dorfes, die in den letzten Jahrzehnten aufwendig saniert worden ist, eine kleine Fotoausstellung. Sie zeigt, wie schwarz und grau Mölbis einst war – sie erinnert aber eben auch an die alte Heimat, an alte Lebensgeschichten und verleiht der Vergangenheit Wertigkeit.  

 

 

Titelbild: Gunther Tschuch, Ausschnitt aus Luftbild Zerre (Spreetal, Saxony, Germany, left) and two solar farms on the area of former power plant Kraftwerk Trattendorf (Spremberg, Brandenburg, Germany, right), 2018, CC BY-SA 4.0