07.12.2021

SAS-Geschäftsführer Jörg Mühlberg im Interview

Das Jahr 2021 geht mit großen Schritten seinem Ende entgegen. Für den Strukturwandelprozess in den sächsischen Teilen des Lausitzer und des Mitteldeutschen Reviers war 2021 ein bedeutsames Jahr. Im Interview zieht SAS-Geschäftsführer Jörg Mühlberg sein persönliches Jahresfazit…

 

 

Herr Mühlberg, wie fällt Ihr Fazit zum Jahr 2021 aus?

 

Ich denke, dass das Jahr für alle, die am Strukturwandel beteiligt sind und ihn zu einem erfolgreichen Prozess werden lassen möchten, alles in allem ein gutes Jahr gewesen ist. Natürlich ist noch nicht alles optimal verlaufen, aber wir konnten wichtige Impulse für den Strukturwandel in den beiden Reviere setzen.

 

 

Welche Impulse sind das?

 

Lange Zeit war der Strukturwandel ein rein bürokratischer Akt und die Menschen konnten in den Medien lediglich verfolgen, was die Politik plant, an Gesetzen verabschiedet und welche Visionen verfolgt werden. Aber die Menschen vor Ort waren außen vor. Durch das Implementieren der Regionalen Begleitausschüsse (RBA), die sich im Frühjahr konstituiert und über das Jahr verteilt bereits zweimal getagt haben, existiert nun ein Beteiligungsprozess. Wir sind alle bestrebt, die Menschen vor Ort einzubinden und ihre Vorstellungen, Wünsche und Ideen aufzugreifen. Nur wenn das gelingt, wird auch der Strukturwandel erfolgreich vollzogen werden können.

 

 

Sie sprachen selbst davon, dass nicht alles gelungen ist. Wo sehen Sie für die kommenden Jahre noch Anpassungsbedarf?

 

Wir befinden uns in einem sich ständig den Gegebenheiten anzupassenden Verfahren. Das hat den Nachteil, dass es immer mal wieder Nachsteuerungen im Förderverfahren gibt und geben wird, aber es hat andererseits auch den Vorteil, dass man Dinge, bei denen wir im laufenden Verfahren merken, dass sie nicht optimal laufen, nachjustieren können. So haben wir beispielsweise nach den ersten Sitzungen der RBAs aus dem Gremium den Hinweis bekommen, dass sich gerade die beratenden Mitglieder noch mehr Informationen zu den jeweils zur Abstimmung stehenden Verfahren wünschen. Im Vorlauf der zweiten Sitzungen haben wir demzufolge Vorstellungsrunden eingeplant, in denen die Vorhaben in der Tiefe erläutert und Fragen beantwortet worden sind. Das hat sich aus meiner Sicht auch bewährt und wird in unserem Terminzyklus künftig Standard sein.

 

 

Die Menschen in den betroffenen Regionen verbinden den Strukturwandel in erster Linie mit dem Schaffen neuer Arbeitsplätze. Deshalb wird oft Kritik geübt nach dem Motto „was hat eine neue Kita mit Strukturwandel zu tun?“. Können Sie hier nochmal kurz für Klarheit sorgen?

 

Natürlich ist es korrekt, dass unter dem Begriff Strukturwandel in erster Linie Sorge dafür getragen werden soll, dass für die Menschen, deren Arbeitsplätze durch den Ausstieg aus der Kohleverstromung wegfallen werden, neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Mit den durch den Bund bereitgestellten Geldern im Rahmen des Investitionsgesetztes Kohleregionen (InvKG) können aber keine Arbeitsplätze direkt gefördert werden, sondern wir kümmern uns auf kommunaler Ebene darum, die weichen Faktoren des Strukturwandels positiv zu gestalten. Schlussendlich ist es so, dass die Ansiedlung großer Firmen nur dann gelingen wird, wenn den Investoren klar ist, dass die Infrastruktur vorhanden ist, um auch entsprechende Fachkräfte ansiedeln zu können. Ohne diese standortweichen Faktoren kann man heutzutage keinen Investor davon überzeugen, Geld in die Hand zu nehmen und Arbeitsplätze in der Region zu schaffen. Die Regionen müssen zu Orten mit hoher Lebensqualität werden, wenn wir Fachkräfte anlocken und halten wollen. Dabei muss uns auch der Spagat zwischen Jung und Alt gelingen – Lösungen für Familien muss es genauso geben, wie Lösungen für diejenigen, die gut versorgt im Alter dort leben möchten.

 

 

Sie sprechen hier ein Spannungsfeld an: Wir haben die Menschen, die sich beispielsweise sehr stark für den Klimaschutz engagieren, Jugendliche, die beispielsweise für „Fridays for Future“ demonstrieren gehen. Andererseits sind da die Menschen, die seit Jahrzehnten mit der Braunkohle verhaftet sind und Angst haben, ein großes Stück ihrer Identität zu verlieren, wenn die Förderbänder in naher Zukunft still stehen. Nehmen Sie diese Problematik wahr und wie muss man damit umgehen, wenn man 2038 von einem erfolgreichen Strukturwandel sprechen möchte?

 

Dialog – nur im Dialog kann man solchen unterschiedlichen Positionen gerecht werden. Nur wenn wir als Menschen miteinander sprechen, finden wir Lösungen. Wir müssen denen, die Jahrzehnte im Bereich der Braunkohle gearbeitet haben, das Gefühl geben, dass wir ihren Einsatz wertschätzen, um Ihre Ängste wissen und ihren Belangen gerecht werden. Man darf diese Verbundenheit mit der Kohle nicht kleinreden, es ist schließlich auch ein Gefühl für die eigene Heimat, ein Lebenswerk der Betroffenen.

 

Gleichzeitig müssen wir aber auch ganz klar sagen, dass der Klimaschutz aktiv betrieben werden muss, wenn wir den künftigen Generationen ein erfülltes Leben auf der Erde noch ermöglichen wollen. Dazu brauchen wir neue Energiegewinnung und –speicherung auf Basis der entsprechenden Technologien.

 

Das ist im ersten Schritt natürlich ein Einschnitt in das Leben der Menschen in den Revieren, aber es ist auch eine unglaubliche Chance. Wir schaffen zukunftsfähige Regionen, die beispielgebend für Europa und die Welt sein können. Wenn uns dieser Wandel gelingt – weg von den fossilen Energien hin zu klimaneutralen Energien – und wir dann auch einen hohen Lebensstandard und Wertschöpfung in den Regionen geschaffen haben, dann können die Menschen doch stolz sein auf diese Entwicklung. Das sollten wir alle uns immer vor Augen halten.

 

 

Nun sind das alles Visionen, die den Menschen vor Ort noch sehr weit weg vorkommen.

 

Ja, das kann ich durchaus verstehen. Wir müssen die ersten Vorhaben aus dem Jahr 2020 und auch 2021 schnellstmöglich umsetzen, damit der Strukturwandel greifbar wird. Gibt es erste Vorhaben, die erfolgreich abgeschlossen wurden, dann wird das Vertrauen in den Prozess kommen. Zudem bin ich für die Zukunft zuversichtlich, dass wir das Umsetzungstempo kontinuierlich steigern werden, weil sich Abläufe, sowie die notwendigen Vorlaufleistungen im Rahmen des Förderverfahrens etabliert haben. Darüber hinaus wird eine Schwerpunktsetzung erfolgen: Beispielsweise im Bereich der Kreislaufwirtschaft oder auch als Energie- und Gesundheitsmodellregionen.

 

 

Welche Schwerpunkte sehen Sie hier genau?

 

Bisher lag der Fokus in der Lausitz ganz klar auf der Braunkohle und den angeschlossenen Betrieben. Wenn wir den Wandel hin zu erneuerbaren Energien realisieren, kann der Energiesektor weiterhin ein Schwerpunkt der Region sein – ob das der Wasserstoff ist oder andere Energieformen muss man abwarten. Das sind Themen, die wir im Bereich des Multiprojekmanagements als SAS entwickeln und begleiten. Aber auch die Themen Tourismus, Gesundheitswesen und die Forschung sehe ich in beiden Revieren stark vertreten.

 

 

Damit zeichnen Sie aber schon ein sehr klares Bild der sächsischen Braunkohlereviere für die Jahre nach dem Ausstieg aus der Braunkohle.

 

Ich beschäftige mich seit zwei Jahren mit dem Strukturwandel und habe auch ein eigenes Bild, wie ich mir die Lausitz und das Mitteldeutsche Revier 2038 vor meinem inneren Auge vorstelle. Ich möchte, dass dem Lebenswerk der Menschen in den Revieren Rechnung getragen wird. Diese Wertschätzung sollten wir alle selbstredend haben und darauf basierend den Prozess des Wandels mit Sorgfalt und Einsatz vollziehen. Und wenn ich mir dann die beiden Regionen vorstelle, sehe ich pulsierende, zukunftssichere und fortschrittliche Städte und Gemeinden, in denen alle Generationen sich wohlfühlen und gemeinsam leben können.

 

 

Vielen Dank, Herr Mühlberg!