13.10.2021

Der optimistische Blick der Sorben auf die Zukunft

Das sorbische Wort Domowina bedeutet Heimat. Mit Heimat verbindet die sorbische Gemeinschaft in Deutschland insbesondere das heute als Lausitzer Braunkohlerevier bekannte Gebiet in Sachsen und Brandenburg. Seit März 2011 ist Dawid Statnik Vorsitzender des Bundes Lausitzer Sorben – der Domowina…

 

Im Interview mit der SAS spricht Dawid Statnik über den optimistischen Blick der Sorben in beiden Bundesländern auf den laufenden Strukturwandel in der Region.

 

 

Herr Statnik, von etwa 60.000 Sorben und Wenden, die es gibt, leben etwa zwei Drittel in Sachsen, ein Drittel in Brandenburg. In der DOMOWINA organisieren sich aktuell hiervon etwa 7.500 Sorben. Den Vorsitz haben Sie seit vielen Jahren inne, wurden erst im Juni erneut gewählt und haben hierbei eben als Kern Ihres künftigen Wirkens erstmals auch das Thema Strukturwandel klar benannt. Was genau hat Sie bewogen, dieses Thema auf Ihre Agenda zu setzen?

 

Es ist der erste Strukturwandel der Region in der langen Geschichte des sorbischen Volkes, der uns wieder nach vorne bringen kann – sprachlich und kulturell. Erstmals ist das Sorbische in der breiten Öffentlichkeit und in der Fachwelt als Alleinstellungsmerkmal der Lausitz anerkannt. Das bedeutet, dass alles, was die sorbischen / wendischen Merkmale stärkt, zugleich die ganze Lausitz stark macht.

 

 

Sie sind in diesem Zusammenhang auch als beratendes Mitglied im Regionalen Begleitausschuss (RBA) der Lausitz. Was erhoffen Sie sich von diesem Gremium bzw. der Arbeit im RBA?

 

Ich erhoffe mir, dass die ganze Strukturwandel-Debatte „geerdet“ wird. Zurzeit stehen in der öffentlichen Diskussion auf der einen Seite Spekulationen um Großprojekte und auf der anderen Seite Klagen insbesondere von Seiten der Kommunen, die sich nicht genug einbezogen fühlen, im Fokus. Letztlich entscheidet die Wirksamkeit des Regionalen Begleitausschusses darüber mit, ob die Bevölkerung vor Ort den Strukturwandel als etwas wahrnimmt, in dem man selbst auch Akteur ist.

 

 

In einem Ihrer Interviews sprachen Sie davon, dass Sie es bedauern, dass der Strukturwandel der Lausitz nicht im Gesamten vollzogen wird, sondern die Länder Brandenburg und Sachsen zumindest dem Papier nach getrennte Wege gehen, um diese Jahrhundertaufgabe zu bewältigen. Wo sehen Sie hier Probleme aufkommen?

 

Wir haben zum Beispiel bei sorbischen/wendischen Projekten in beiden Ländern ein grundverschiedenes Förderregime. Uns als Gesamtlausitzer Organisation ist es wichtig, dass über die Grenzen hinweg gedacht wird. Das gilt auch für die Kooperation mit unseren polnischen und tschechischen Nachbarn. Die Lausitz ist diesbezüglich nicht allein eine sorbisch-deutsche Angelegenheit.

 

 

Wenn man versucht, Strukturwandel und den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur zusammenzubringen, wo sehen Sie Schwerpunkte, die bis 2038 gesetzt werden sollten?

 

Für uns stehen die regionalen Sprachräume im Mittelpunkt. Es gibt in allen Teilen der Lausitz Leuchttürme des Sorbisch-/Wendisch-Sprechens, deren Ausstrahlung in die Fläche wir befördern wollen. Nieder-, Obersorbisch und das Schleifer Sorbisch sind der originäre Klang der Heimat und zugleich als slawische Sprache der Schlüssel zur Verständigung mit Hunderten Millionen Menschen in unserer Nachbarschaft.

 

 

Viele Menschen gerade in der Lausitz haben die Sorge, dass der Strukturwandel nicht gelingen könnte und die Lausitz regelrecht vergessen sein wird, wenn 2038 die Kohleverstromung endet. Nehmen Sie diese Sorgen unter den Sorben ebenfalls wahr?

 

Bei den Sorben überwiegt in erster Linie natürlich die Freude über das Ende der Abbaggerung unserer Dörfer, wir haben schließlich über 130 Siedlungen durch den Braunkohletagebau verloren. Gleichwohl haben seit Anbeginn der Kohleförderung auch viele Sorben in der Kohle gearbeitet und in dieser Industrie Fortschritt und Wohlstand gesehen. Die Sorge jetzt ist, dass die Braunkohle-Industrie schneller verschwindet als ein gleichwertiger Ersatz wächst.

 

 

Thema des Strukturwandels ist neben der Thematik „Arbeitsplätze“ immer auch die Frage, wie man die Menschen in der Region halten und wie man die Zahl der Rückkehrer in die Region steigern kann. Ist das auch ein Thema der Sorben?

 

Sagen wir mal so: Wo die sorbische Sprache den Alltag prägt, ist die Abwanderung seit Anfang der neunziger Jahre geringer gewesen als woanders, weil für diese Menschen der Heimatverlust durch Umzug besonders eklatant spürbar ist. Es gibt zudem mittlerweile viele Rückkehrer, die gemerkt haben, dass man anderswo zwar mehr verdienen kann, das Gehalt aber trotzdem nicht fürs eigene Haus der Familie reicht. Ich glaube, dass die größten Hemmnisse bei der Rückkehr inzwischen weniger ökonomische, als soziokulturelle Faktoren sind. Es ist zurzeit leider nicht so, dass die Lausitz von außen als besonders weltoffen und als spannende Zukunftswerkstatt wahrgenommen wird.

 

 

Nun ist der Strukturwandel gewiss eine gigantische Aufgabe und Herausforderung, in die sich die Menschen vor Ort erst rein finden müssen. Aber gleichzeitig ist es doch für die Menschen vor Ort auch die Chance, an der Zukunft ihrer Heimat aktiv mitzugestalten. Dinge zu verbessern, die man derzeit als Defizit beklagt. Was braucht es Ihrer Meinung nach, um die Zukunftssorgen kleiner werden zu lassen?

 

Weniger Nostalgie. Verglichen mit epochalen Umbrüchen in der Vergangenheit tauschen wir Sorgen auf hoher Komfortstufe aus. Wer vor dem Hunger wegen karger Ernten als Bauer in den Bergbau geflüchtet war und dann mitansehen musste, wie zugleich alles, was ihm lieb und teuer war, von der Industrialisierung zermalmt wurde, hätte gerne unsere Debatten über Defizite in beispielsweise Mobilfunknetzen gehabt. 

 

 

Sicherlich wird es der gesamten Thematik auch nicht gerecht, nur nach vorne zu schauen, ohne die Geschichte mit einfließen zu lassen. Sie sprachen den Verlust der Heimat und gewachsener Ortschaften an. 137 Orte in der Lausitz fielen bis dato dem Kohlebagger zum Opfer. Haben Sie Ideen, wie man es schaffen kann, Zukunft und Rückschau miteinander zu verknüpfen?

 

Wir haben vorgeschlagen, mit schwimmenden Bojen an die untergegangenen Orte im Lausitzer Seenland zu erinnern. Und natürlich gehört auch eine konsequente Berücksichtigung der sorbischen Sprache in gleicher Größe wie das Deutsche im Wegweiser-System zum Standard der Lausitz, der noch längst nicht realisiert ist. Es gibt dankenswerterweise nicht nur das öffentlich zugängliche Archiv verschwundener Orte in Horno/Rogow, heute zu Forst/Baršć gehörig, nachdem das Dorf selbst den Kohlebaggern zum Opfer fiel. Sondern inzwischen gibt es auch zahlreiche Erinnerungsorte, deren Schaffung auch vom Bergbauunternehm unterstützt worden sind. Die beste Verknüpfung von Zukunft und Rückschau ist die Revitalisierung sorbischer Sprache und Kultur. 

 

 

Wir stellen fest, dass es unheimlich wichtig sein wird, die Menschen auf diesem Weg mit einzubinden – sie in die Kommunikation mit zu integrieren, ihnen zuzuhören, um Verständnis auch da zu schaffen, wo es möglicherweise gegenteilige Meinungen gibt. Sehen Sie in der Lausitz hier besondere Spannungsfelder beispielsweise zwischen den Gruppen, die dem Tagebau verbunden sind, und den Gruppen, die den Kohleausstieg gerne noch weiter beschleunigen würden?

 

Ich sehe ein grundsätzliches, inzwischen auch politisch stark artikuliertes Spannungsfeld, in dem der Kohleausstieg nur ein Thema ist, neben Corona, Migration, Gender und vielen anderen. In dieses aktuelle kulturkämpferische Getümmel stürzen wir uns als Domowina aber nicht, dafür sind wir zu nachhaltig aufgestellt, wir denken schließlich in Generationen. Wir haben, als vor zehn Jahren in beiden Bundesländern noch gewaltige Tagebauerweiterungen geplant wurden, gesagt: Wir wollen stattdessen den mittelfristigen Ausstieg aus der Kohleverstromung. Nun kommt er, und nun muss es auch mal gut sein, wir legen nicht nach. 2038 entspricht faxt exakt unserer alten Forderung, bis 2040 den Kohleabbau zu beenden.

 

 

Bis dato war die Braunkohle das Gold der Lausitz. Wenn Sie die Lausitz 2038 gestalten dürften, wie würde „Ihre“ Lausitz dann aussehen? Womit sollte der Wohlstand der Lausitz in 20 Jahren gewährleistet werden?

 

Mit Mehrsprachigkeit und IT-Programmierkunst. Es gibt auffallend viele junge sorbische IT-Spezialisten. Wir haben heute noch Webstühle, aber zu touristischen Zwecken; kein Mensch käme auf die Idee, auf diesem Weg die Bevölkerung bekleiden zu wollen. Heute wird man nicht mehr durch neue große Maschinen reich und berühmt, sondern der Erfolg liegt in Verkleinerung, Digitalisierung. „Smart“ soll Technik sein, damit sie reizvoll ist. Zur Lausitz gehört die technologische Findigkeit, so wurde der Tischcomputer von einem Sorben erfunden, Nikolaus Joachim Lehmann / Mikławš Joachim Wićaz. Ich bin überzeugt, dass die Lausitz auch in Zukunft das Zeug fürs Erfinden von Weltneuheuten hat.

 

 

Dźakuju so! Lieber Herr Statnik.