Telekommunikationstechniker, Referent, Rapper. Lars Katzmarek aus der Lausitz vereint viele Fähigkeiten und Talente auf sich. Mit eindringlichen Beats und tiefgründigen Worten käpft er musikalisch für den Strukturwandel in seiner Herzensregion. Im Interview konnten wir uns über all jenes austauschen…

 

Herr Katzmarek, Sie sind Angestellter der LEAG und machen sich stark für die Belange der Beschäftigten im Tagebau und den Zuliefererbetrieben in der Lausitz. Sie vertreten hierbei den Part des Nachwuchses und bringen deren Belange in das Themenfeld des Strukturwandels mit ein. Was genau treibt Sie an, sich hierfür zu engagieren?

 

Die Zukunft der Lausitz hängt maßgeblich vom Gelingen des Strukturwandels ab. Das bedeutet konkret das Schaffen gut bezahlter, gewerkschaftlich gesicherter Industriearbeitsplätze, der volle Zugriff und sinnvolle Einsatz unserer Fördermittel für die Lausitz und die Umsetzung das Planungsbeschleunigungsgesetzes. Wenn daraus endlich greifbare Resultate entstehen ist das der Saatboden für eine lebenswerte und zukunftsgerichtete Lausitz. Ich kämpfe für diese Vision, weil ich die Landflucht der jungen Generation seit Jahren erlebe und auch die Hilflosigkeit der Nachwendezeit, innerhalb der eigenen Familie, hautnah gespürt habe.

 

 

Sie sprechen die Vergangenheit an. Dann gehen wir nochmal ein gutes Stück zurück in die Geschichte und Tradition des Braunkohletagebaus. Wir hatten vergangene Woche mit dem Autor Lukas Rietzschel gesprochen, der sich intensiv mit der DDR Vergangenheit und speziell eben mit der Lausitz in seinen Büchern beschäftigt. Er erklärte uns, er spreche viel mit Zeitzeugen, um für sich das Bild so stimmig als möglich zu bekommen. Haben Sie eigene Erinnerungen oder eine familiäre Geschichte, die Sie bewogen haben, beruflich in den Bergbau zu gehen?

 

Der Bergbau hat schon meinen Eltern eine Heimat gegeben, das prägt ein Kind dann selbstverständlich. Für mich war die Energiebranche ein „sicheres Pferd“. Damals galt der Grundsatz: Fängst du in der Kohle an, kannst du dort auch in Rente gehen. Mit diesem Wissen im Gepäck standen früher dazwischen eigentlich nur noch das Bewerbungsgespräch und die Unterzeichnung des Ausbildungsvertrages. Im Hinterkopf hatte ich so vage aber auch das Nachwende-Thema: Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit und politische Versprechen, die sich so, wie sie uns gesagt wurden, nicht bewahrheitet haben. Zumindest nicht alle. In der eigenen Familie hat es beispielsweise meine Mutter erwischt: Plötzlich vor dem nichts stehend hat sie mehrfach um weitere Bildungswege gekämpft. Nach erfolgreichen Abschlüssen folgten dann ein paar Jahre Beschäftigung bis auch diese Stellen, in der sonst schon strukturschwachen Lausitz, ebenfalls ersatzlos gestrichen worden sind. Das ist unglaublich demotivierend und darf sich so nicht wiederholen.  

 

 

Wenn man die Medienlandschaft hier in Sachsen in den letzten Wochen und Monaten verfolgt, ist das beherrschende Thema die Sorge, dass die Region vergessen werden könnte mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung. Spricht man beispielsweise aber in Nordrhein-Westfalen mit Betroffenen des Strukturwandels, erlebt man es ganz häufig, dass die Bestrebungen der Lausitz und das, was in der Vergangenheit schon erreicht worden ist, sehr positiv wahrgenommen, teilweise sogar als beispielhaft gesehen werden – vor allem was den Umgang mit der Tradition des Bergbaus betrifft. Wie erklären Sie sich, dass es hier einen eklatanten Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung gibt?

 

Zwischen „politischen Versprechen“ und „erlebbaren Realitäten“ klafft bisher noch eine große Lücke. Was nach außen hin wie eine Erfolgsgeschichte aussieht, ist für die Kolleginnen und Kollegen oft eine bittere Pille. Versprechungen für Infrastruktur, wie Gleisausbau und Investitionen in Industrieparks werden mit Bauzeiten von bis zu einem Jahrzehnt versehen. Das Bahnwerk in Cottbus beispielsweise, was wirklich eine sehr gute Industrie und Chance für die Region ist, schafft 1000 neue Jobs. Das ist prima, aber es wird dann schnell vergessen, dass noch 7000 Jobs fehlen, die bisher ersatzlos wegfallen. Und da rede ich noch nicht einmal von den Zulieferern und Dienstleistern, welche auch einen maßgeblichen Anteil an der Energieindustrie in der Lausitz haben und die ebenfalls eine Perspektive brauchen. Gerade auch für die kleineren Betriebe müssen Lösungen gefunden werden. Perspektiven für alle, da schließe ich jeden mit ein.  

 

 

Zweifelsfrei war die Braunkohle der Motor der DDR und trägt auch heute noch dazu bei, dass die Energie-Grundversorgung in Deutschland gesichert ist. Nichtsdestotrotz wird in absehbarer Zeit die Kohleverstromung hierzulande enden. Welche Schwerpunkte können Sie sich für die Region hierbei vorstellen?

 

Als Region mit „Energiekompetenz“, die wir ja nun zweifelsfrei haben, sollten wir etwas aus unserem Fachwissen machen. Innovationskraftwerke mit Bündelung von Gas, Wasserstoff, Sonne und Windenergie zu einem grundlastfähigen Kraftwerk wäre beispielsweise eine Schlüsselidee für die Energieprobleme der Zukunft. Bau, Betrieb und Forschung rund um das Thema Wasserstoff besitzt ebenfalls das Potential für eine Zukunftsindustrie. Man darf ja nicht vergessen, dass Deutschland einen hohen Energieverbrauch hat, allein schon durch die Industrie, und die Kohle hier immer noch enorm viel davon abdeckt. Abschalten ist das Eine, aber die Alternative braucht es ja auch. Darüber hinaus könnte ich mir ein großes Reallabor für Bergbaufolgelandschaften vorstellen. Wir könnten ein Vorbild für die Energiewende sein, aber ein noch größeres für den Strukturwandel weltweit. Das wäre dann etwas, worauf wir absolut stolz sein könnten.

 

 

Berufe im Bereich des Bergbaus haben in vielen Familien heute noch eine starke Tradition. Wenn man mit Jugendlichen in den Regionen, die vom Strukturwandel betroffen sind bzw. sein werden, spricht, nimmt man immer noch eine starke Verbundenheit mit der Kohle wahr und muss befürchten, dass neue berufliche Perspektiven noch nicht wahrgenommen werden. Wie können wir es schaffen, dass wir diese neuen Möglichkeiten, die sich bieten werden, an diese Generation transportieren, um sie in der Region zu halten?

 

Der Zusammenhalt unter den Kumpel ist einmalig. Die Menschen, welche im Bergbau Arbeiten, gehen mit größter Präzision und Sorgfalt an ihre Tätigkeiten. Sie sorgen jeden Tag für eine durchgehende Kohleförderung und liefern so sichere und bezahlbare Energie. In der Diskussion um den Klimaschutz kann man schnell das Gefühl bekommen, dass wir Bergleute der große Feind der Umwelt sind. Das wird uns allen aber nicht gerecht. Wir haben immer gute Arbeit geleistet, haben unseren Anteil daran, dass Deutschland eine große Industrienation ist und wir tragen auch unseren Anteil am Klimaschutz bei. Um die jungen Menschen in der Region zu halten, müssen sich Chancen für die Regionen schneller bilden. Wir brauchen keine Versprechen, die acht oder gar zwölf Jahre für ihre Verwirklichung benötigen, sondern schnelle Umsetzungen und auch passende Umschulungsangebote. Da wurde uns viel versprochen, was nun zügig realisiert werden muss, damit unsere Lausitz nicht weiter ausblutet.  

 

 

Sicherlich ist in den Prozessen um die Wiedervereinigung nicht alles optimal verlaufen und die Menschen in der Lausitz erlebten tiefe Einschnitte auch in ihren Lebensgeschichten. Aber kann der Strukturwandel, der nun vor der Türe steht, nicht auch als Chance gesehen werden, die Lausitz als zukunftsweisende und fortschrittliche Region innerhalb Europas zu etablieren? Als eine Chance, den Lebensraum, in dem man in den nächsten Jahrzehnten leben wird, selbst mitgestalten zu können?

 

Absolut! Dafür werbe ich in jedem Gespräch, gerade mit den Kolleginnen und Kollegen. Der Schrecken der vergangenen Jahre ist allerdings nicht so einfach zu korrigieren. Dafür soll auch mein Song „unsere Perspektive“ massiv mobilisieren und aufrütteln. Wir haben diese einmalige Chance und ich lade alle dazu ein, sie aktiv mit zu gestalten. Egal ob als Techniker, Betriebsrat oder Künstler. Wenn ich Menschen dazu motivieren kann, sich einzusetzen, lohnt sich jede investierte Minute. Es geht schließlich um unsere Heimat und unsere Zukunft.

 

 

2038 – wenn wir uns in das Jahr beamen könnten und uns dort zu einem Interview treffen würden, wie sieht die Lausitz dann aus? Was wünschen Sie sich, wie Ihre Kinder und Enkel die Lausitz dann erleben werden?

 

Als eine absolut lebenswerte Region mit vielen Chancen. Ein blühender und auf Zukunft ausgerichteter Energiesektor, ein Wasserstoffcluster, ein gut ausgebautes Bahnnetz, Wartungs- und Forschungsindustrie, eine ausgeprägte Forschung mit der BTU – einfach ein schillerndes Beispiel eines gelungenen Strukturwandels innerhalb und außerhalb der europäischen Grenzen, mit der einmalig genutzten Gelegenheit denjenigen eine Perspektive gegeben zu haben, die einst gegangen sind und zurückkehren wollen. Das wäre mein Herzenswunsch!

 

 

Vielen Dank für das gute Gespräch!

 

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Foto: Martin Ha Matz

 

Musikvideo zum Song „Unsere Perspektive“: https://youtu.be/oj1ysSBci6c

 

Die steigenden Corona-Infektionszahlen hatten die Veranstalter der 1. Lausitz-Konferenz zum Thema „Kreislaufwirtschaft“ vergangene Woche zum Handeln gezwungen. Statt einer Präsenzveranstaltung in der Lausitzhalle Hoyerswerda konnte kurzfristig einen digitale Veranstaltung organisiert werden…

 

Eilends wurde umgeplant und umstrukturiert, sodass die Konferenz pünktlich am Montag 9 Uhr mit den Grußworten von Schirmherr Thomas Schmidt, Staatsminister für Regionalentwicklung des Freistaat Sachsen, beginnen konnte. Er untermauerte in seinen Grußworten die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft für die Zukunft und im Speziellen für die Lausitz: »Die Kreislaufwirtschaft bringt große Chancen für die Lausitz, einen neuen Wirtschaftszweig zu etablieren, der ein hohes Potenzial sowohl für Wachstum als auch für daraus entstehende Arbeitsplätze hat. Die Nachfrage nach Rohstoffen steigt weltweit immer mehr. Gleichzeitig sinkt ihre Verfügbarkeit. Damit kommt dem Recycling in Zukunft eine wachsende Bedeutung zu.«

 

Erstmals trafen sich Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf Initiative von Prof. Dr. Ing. Michael Beckmann (TU Dresden), um sich dem breiten Feld der „Circular economy“ zu widmen. In Plenarvorträgen und Ausführungen zu Best Practice Beispielen erläuterten Experten wie beispielsweise Alexandra Engelt (DIN – Deutsches Institut für Normung e. V.), Dipl.-Ing. Jens Markowski (BTU Cottbus-Senftenberg) und Prof. Dr.-Ing. habil. Lothar Kroll (TU Chemnitz) die Risiken und Chancen im Bereich der Kreislaufwirtschaft. Sie stellten konkrete Projekte vor, die für die Lausitz beispielhaft sein können und mit dem Wissen um eine bevorstehende Ressourcenknappheit vor allem im Energiesektor entscheidend sein werden. Denn gerade für die Lausitz, die in den kommenden Jahren den Strukturwandel weg vom Braunkohleabbau hin zu neuen zu etablierenden Wirtschaftszweigen realisieren muss, kann in dieser Entwicklung auch eine enorme Chance sein. Eine Vision, die Prof. Dr. Ing. Michael Beckmann in seiner Anspache versuchte zu visualisieren: »In Hoyerswerda steht dann das modernste Rohstoffzentrum Deutschlands. Da werden Baustoffe, seltene Erden, Metalle aus Abfällen zurückgewonnen. Nördlich von Bautzen tobt das Leben in riesigen Gewächshausplantagen. Dort werden Proteine für die Pharmaindustrie aus Pflanzen gewonnen. Die Spreewälder Banane ist genauso bekannt wie die Spreewälder Gurke und alles betreiben wir mit Solar- und Windenergie. Zwischen den Städten und Kommunen fahren autonome Shuttles. In den Dörfern gibt es Schulen und Kitas, die neu gebaut werden, weil dort jetzt ganz viele junge Mitarbeiter von Unternehmen und Wissenschaftsstandorten hinziehen und diese Region für sich entdecken.«

 

Zwischenzeitlich verfolgten weit über 200 Gäste die Beiträge, konnten über den Chat auch ihre Fragen an die Redner stellen, ehe am Nachmittag eine Podiumsdiskussion über den Status Quo des Strukturwandels der Lausitz debattierte. Vertreter aus Brandenburg und Sachsen machten deutlich, dass der Strukturwandel über Landesgrenzen hinweg gedacht und umgesetzt werden muss. Dass Lösungen gefunden werden müssen für die eine Lausitz, auch wenn zwei Bundesländer Projekte anschieben. Vertreter der Kommunen und Politik unterstrichen aber auch, dass der Austausch und die Kommunikation in den letzten Monaten stets rege geführt worden ist, um diesen Prozess im Schulterschluss positiv gestalten zu können. Und genau diesen Schulterschluss, den gemeinsamen Austausch versicherten sich alle Beteiligten auch für die kommenden Jahre und verabredeten sich bereits für 2022 zu einer 2. Diskussion rund um das Thema „Circular Economy“.

 

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Torsten Ruban-Zeh (Bürgermeister Stadt Hoyerswerda)

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Seit 2016 fördert das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) mit der Innovationsinitiative #mFUND Forschungs- und Entwicklungsprojekte rund um digitale datenbasierte Anwendungen für die Mobilität 4.0. Über eine finanzielle Förderung hinaus unterstützt mFUND die Vernetzung…

 

… unterschiedlicher Akteure aus Politik, Wirtschaft und Forschung mit Hilfe von zahlreichen Veranstaltungsformaten. Bisher wurden im Rahmen des Modernitätsfonds mFUND bereits über 300 Projekte gestartet. Das Investitionsgesetz Kohleregionen (InvKG), mit dessen Hilfe der Strukturwandelprozess erfolgreich gestaltet werden soll, wird durch mFUND nun um ein weiteres Förderprogramm ergänzt. Das Förderprogramm „Digitalisierung und datenbasierte Innovationen für Mobilität 4.0 und Daseinsvorsorge in den Braunkohlerevieren“ fördert zu folgenden Themenbereichen:

 

  • Innovations-, Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in einer Kohleregion
  • Vorhaben von Institutionen, mit Hauptsitz in einer Kohleregion,
  • Vorhaben, die zum Strukturwandel in einer Kohleregion beitragen.

 

Fördermittel: Die Förderquote beträgt bis zu 70 %. KMU-Zuschläge sind möglich.

 

Antragsberechtigt sind Unternehmen, insbesondere KMU sowie juristische Personen des öffentlichen Rechts. Der zweite Förderaufruf erfolgte am 20. Oktober 2021 und hat eine Laufzeit bis zum 31. Januar 2022. Eine entsprechende Informationsveranstaltung ist für den 12. Januar 2021 geplant.

 

→ Förderrichtlinie „mFUND“ Zweiter Förderaufruf

→ Projekte aus dem mFUND Programmmodul „Strukturwandel in den Kohleregionen“

Lukas Rietzschel ist ein Kind der Oberlausitz. Und so verwundert es kaum, dass er seine Geschichten und Protagonist*innen in das Braunkohlerevier der Oberlausitz transferiert. Mit dem 1994 in der Nähe der Lessingstadt Kamenz geborenen Autor konnten wir über den anstehenden Strukturwandel in der Lausitz sprechen…
 

Herr Rietzschel, in den letzten Wochen, auch im Zuge der Bundestagswahlen am 26. September, kam in den Medien wieder verstärkt das Thema Osten, DDR-Vergangenheit und alles, was damit zusammenhängt zur Sprache. Sie sind mit 27 Jahren ein Nachwende-Kind, aber widmen sich in Ihrem Buch „Raumfahrer“, das Ende Juli erschienen ist, genau dieser Thematik. Was treibt Sie an, ein solches Thema zu bearbeiten?

 

Ich habe den Eindruck, dass es ein großes Bedürfnis in der ostdeutschen Gesellschaft gibt, über die DDR und über die Jahre des Umbruchs zu reden, über Erfahrungen, Geglücktes, Gescheitertes. Das sammle ich und nehme es auf, auch weil es etwas mit mir zu tun hat. Sie haben recht, die DDR habe ich nicht erlebt, aber meine Eltern und Großeltern. Und die Frage ist dann ganz einfach: „Wie war das für euch?“ „Was ist, aus eurer Sicht, damals passiert?“ Und waren die Erschütterungen vielleicht so groß, dass ich noch etwas davon spüre?

 

 

Das Buch beschreibt sehr eindringlich das Schicksal der Familie Kern bzw. Baselitz zwischen Ende des 2. Weltkrieges bis in die Wendezeit hinein und spielt in Ihrer Heimat Kamenz. Gleichzeitig spiegelt die Geschichte aber auch ein ganzes System, eine Geschichte einer ganzen Nation wieder, greift dabei Themen wie die Stasi, das Vertuschen einer Fahrerflucht und einschneidende Erlebnisse, die zu Brüchen in den Lebensläufen der Menschen geführt haben, auf. Der Tenor der Leserschaft hierzu ist unisono, dass die Schilderungen maximal authentisch sind. Wie ist es Ihnen gelungen, dass sich so viele Menschen darin wiederfinden, obwohl Sie selbst das alles gar nicht erlebt haben?

 

Das ist die Arbeit aus vielen Gesprächen und langwierigen Recherchen. Sie müssen sich vorstellen, ein Bild, rein optisch, von der DDR zu entwerfen, ist relativ einfach. Über Fotos und Filme lässt sich das ganz gut rekonstruieren. Aber für einen Roman brauchen sie mehr. Da müssen sie schildern können, wie etwas gerochen hat, wie es sich angefühlt hat, geschmeckt. Nur dann wird es wirklich authentisch und nachvollziehbar. Und genau diese Sinnlichkeit musste ich in den Anekdoten meiner Gesprächspartner finden.

 

 

Das Bild, das Sie zeichnen, ist an vielen Stellen getragen von Schmerz und Verbitterung zu den Entwicklungen rund um die Wiedervereinigung Deutschlands. Nun steht gerade die Lausitz zum zweiten Mal vor einem großen Umbruch. Denn mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung im Jahr 2038 werden viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und die Region ihren einstigen Motor. Zahlreiche Menschen treibt deshalb die Sorge um, dass die Lausitz vergessen werden könnte im Strukturwandelprozess. Wie nehmen Sie dies wahr, wenn Sie in Ihrer Heimat unterwegs sind und Kontakt mit den Menschen vor Ort haben?

 

Das Bild, das ich wahrnehme, ist zwiespältig. Da sind natürlich einerseits jene, die große Bedenken vor dieser zweiten, so wird es ja oft beschrieben, Deindustrialisierung seit der Wiedervereinigung haben. Und auf der anderen Seite stehen Menschen, die sagen, dass sich neben der Kohle doch schon längst andere Wertschöpfungsketten etabliert haben, die nun endlich einmal mehr in den Blickpunkt rücken und gefördert werden sollten. Man kann im Zuge der medialen Berichterstattung ja schnell den Eindruck gewinnen, die ganze Lausitz sei von der Kohle abhängig, als gäbe es hier keine anderen Berufe außer Bergmann und Bergfrau. Die Lausitz wird nicht vergessen, das sehen wir doch an all dem Geld, das in den nächsten Jahren in die Region gesteckt werden soll. Und Ideen zur Verwendung haben wir hier genug. Darauf können wir vertrauen.

 

 

In einem Ihrer Interviews erklärten Sie, dass die Radikalisierung der jungen Menschen im Osten oft darauf basiert, dass die Elterngeneration eine Verbitterung über die Nachwendejahre verspüre und quasi weitervererbe. Also weniger selbst gemachte Erfahrungen der Grund dieser Entwicklung ist, als das, was Generationen weiter tragen. Wie kann man dem entgegen wirken? Vor allem auch im Zuge des Strukturwandels, um vielleicht damalige Fehler auszumerzen oder den Umbruch diesmal einfach besser zu gestalten?

 

Was ich da gesagt habe, bezieht sich unmittelbar auf die 90er Jahre, auf eine Phase also, die von einem Umbruch gekennzeichnet war, die so nicht vergleichbar ist mit Jahren davor oder danach. Vielleicht müssen wir es so betrachten: Erst durch die Erfahrungen mit der Treuhand ist auf politischer Seite das Bewusstsein entstanden, den heutigen Strukturwandel nicht allein dem Markt zu überlassen. All die Beteiligungsformate und Ideenwettbewerbe rund um den Kohleausstieg sind auch vor dem Hintergrund der Abwicklung der DDR-Industrie zu verstehen. Ohne das Wissen um die mitunter auch missglückte Transformation der 90er Jahre würde heute nicht so viel Geld in die Kohleregionen fließen, da bin ich mir sicher.

 

 

Im Zentrum des Bemühens um den Strukturwandel stehen natürlich der Erhalt vorhandener Wirtschaft und das Schaffen neuer Arbeitsplätze in komplett neuen Wirtschaftssektoren. Sehr wahrnehmbar sind hier die Stimmen der Bürger, die durch das Ende des Braunkohletagebaus ihre Arbeitsplätze in den Revieren verlieren und Alternativen zu ihren bisherigen Jobs einfordern. Betroffen ist aber auch die junge Generation, die nach Perspektiven sucht, um in der Region zu bleiben. Wo sehen Sie hier Ansätze oder auch Chancen, um die jungen Menschen zu erreichen und einzubinden?

 

Es muss klar kommuniziert werden, dass sich die Region wandeln wird, wie sich auch die Gesellschaft und die Welt ringsum verändert. Der Ausstieg aus der Kohle bedeutet ja auch das Ende eines Industriezeitalters, das geprägt war von Öl, Kohle, Eisen und Stahl. Ein Großteil des deutschen Wohlstandes und unserer Wirtschaftskraft fußen in diesem Industriezeitalter. Nun ist es Zeit für neue Ideen, neue Wertschöpfungsketten. Dafür brauchen wir das Know-How, die Ideen und den Willen zur Veränderung der jungen Generation.

 

 

Sie sagten einmal, das Schweigen über die Vergangenheit sorge bei den Menschen dafür, dass sie sich durch das quasi Negieren ihrer Lebensgeschichte ausgegrenzt fühlen. Ist ein Schlüssel, um die Menschen auf dem Weg des nun anstehenden Wandels mitzunehmen, das Thematisieren der Brüche der Vergangenheit? Und braucht es dazu neben der Politik nicht auch die Kultur und Literatur?

 

Absolut! Ich glaube, dass Kunst und Literatur im Besonderen Räume für Erinnerung, Erfahrung und Austausch öffnen kann. Ich bemerke das nach eigentlich fast jeder Lesung, wie wichtig es den Leuten ist, sich und ihre Geschichten mitzuteilen.

 

 

In dem Prozess des Strukturwandels versucht Sachsen die Bevölkerung aktiv mit einzubinden. Welche Themenschwerpunkte würden Sie in der Lausitz setzen, um der Region ein neues, zukunftsfähiges Gesicht zu geben?

 

Die Transformation der Industrie ist die eine Sache, die andere ist die Veränderung der Landschaft. Überall auf der Welt wird noch Kohle abgebaut und irgendwann wird man sich auch in anderen Ländern die Frage stellen, wie man nun mit all den Löchern und Gruben umgehen soll. Die Lausitz, als größte künstliche Seenplatte Europas, kann da sicherlich Einiges erzählen. Worauf ich hinaus will: Hier wurden in den letzten Jahren ja bereits Erfahrungen gemacht, die auch in anderen Regionen dieser Welt von Nutzen sein können. Wäre ich ein findiger Geschäftsmann, würde ich daraus Profit schlagen.

 

 

Im Fokus der Politik werden oft die Themen Wissenschaft, Gesundheit und Tourismus genannt. Was ist im Bereich der Kultur und Literatur denkbar für die Lausitz denkbar?

 

Kunst entsteht immer und überall. Entscheidender sind die Orte und Möglichkeiten, sie zu zeigen und darüber ins Gespräch zu kommen. Wenn wir an die Entwicklung der Region denken, dürfen wir nicht nur an Geld denken, an Wirtschaftskreisläufe, sondern auch an all die Bereiche, die sich nicht finanziell ermessen lassen. Dazu gehören Orte, an denen sich Menschen treffen können, austauschen, begegnen. Und damit meine ich nicht irgendwelche Einkaufszentren. Bitte keine Einkaufszentren mehr!

 

 

Nun sind Sie in der Lebensphase, in absehbarer Zeit selbst eine Familie gründen zu können und geben an, sich in der Region verwurzelt zu fühlen und bleiben zu wollen. Wie würden Sie Ihre Lausitz 2038 zeichnen, um sie attraktiv für Ihre Kinder und Enkel zu gestalten?

 

Meine Lausitz 2038 würde sich von meinem Deutschland, meinem Europa, meiner Welt 2038 nicht sonderlich unterscheiden. Ich möchte, dass meine Kinder und Enkel in einer lebenswerten Welt aufwachsen können, friedlich und frei, in einer intakten Natur.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Foto: Christine Fenzl

Angesichts der Entwicklung der Inzidenz in Sachsen sind wir zu dem Entschluss gekommen, die 1. Lausitzkonferenz “Circular Economy & Strukturwandel” nicht wie geplant in Präsenz durchzuführen. Die Strukturentwicklung und die Ausbildung einer zirkulären Wirtschaft sind sehr wichtige Themen, die keinen Aufschub zulassen…

 

Daher möchten wir Sie zu einer etwas modifizierten Veranstaltung am Montag, den 15.11.2021, im Online-Format einladen. Alle Beiträge sowie die Podiumsdiskussion werden wie geplant durchgeführt.

 

Sie finden das modifizierte Programm auf der Website der TU Dresden sowie am Ende dieses Beitrages. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie sich am Montag im online Format zuschalten und damit das dringende Anliegen der Strukturentwicklung in unserer Region unterstützen.

 

Den Zugang zur Zoom-Konferenz finden Sie hier: https://tu-dresden.zoom.us/j/81915850000?pwd=WEQ3UTZoOXloR2RpVFFZRmh5UWtYUT09

 

Worum geht es?

Mit dem „European New Green Deal“ sind Veränderungen verbunden, die uns national und ganz besonders auch in unserer Region, der Lausitz, große Chancen bieten. Ressourcenschutz, klimaneutrale Energiebereitstellung, Gesellschaftlicher Zusammenhalt sind Stichworte dafür, die Inhalte lassen sich jedoch nur im gemeinsamen Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik gut und schnell erreichen. Fragen und Risiken müssen durch interdisziplinäre, ressort- und länderübergreifende Zusammenarbeit gelöst und vermindert werden. Jetzt und hier haben wir die Gelegenheit zu zeigen, welches Potenzial in einer zirkulären Wirtschaft für die Gesellschaft steckt: Lokal vernetzen – global verändern.

 

Mit der Auftaktveranstaltung zur Konferenzreihe „Wissenschaft trifft Wirtschaft“ wollen wir den Austausch, die Netzwerkbildung, die gegenseitige Information über best practice Beispiele weiter unterstützen. Hochrangige Vertreter aus der Politik beider Bundesländer, Sachsen und Brandenburg, haben ihre Teilnahme zugesagt. Seien auch Sie dabei und diskutieren Sie miteinander. In einem Schauraum besteht die Möglichkeit bereits laufende Projekte, aber auch Projektideen und Kooperationsangebote vorzustellen und mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu diskutieren.

 

Die Konferenz wird von der Technischen Universität Dresden und der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung organisiert. Im Sinne des gemeinsamen Miteinanders wurden zahlreiche Partner aus Sachsen und Brandenburg bereits jetzt eingebunden. Die Konferenz steht unter der Schirmherrschaft des Staatsministers für Regionalentwicklung im Freistaat Sachsen, Herrn Thomas Schmidt.

 

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.

 

Programm

Schirmherrschaft:

Thomas Schmidt, Sächsischer Staatsminister für Regionalentwicklung

 

08:30   
Online-Registrierung
09:00
Eröffnung
Prof. Dr. Ing. Michael Beckmann, TU Dresden
09:10  
Grußworte

Torsten Ruban-Zeh, Oberbürgermeister der Stadt Hoyerswerda

Thomas Schmidt, Sächsischer Staatsminister für Regionalentwicklung

Dr. Klaus Freytag, Lausitz-Beauftragter des Ministerpräsidenten, Land Brandenburg

  Plenarvorträge
09:40 Circular Economy – Regeln, Normen, Standards
Alexandra Engelt, Senior Projektkoordinatorin Geschäftsfeldentwicklung Circular Economy DIN e. V.
10:10 Circular Economy & New Green Deal
Dr. Nils Geißler, Abteilungsleiter für Energie und Klimaschutz im Sächsischen Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft
10:30 Kaffeepause
11:00

 

Circular Economy – Risiken und Chancen
Prof. Dr.-Ing. Michael Beckmann, TU Dresden
11:15 Living Circular Economy: Rückgewinnung, Aufbereitung und Wiedereinsatz von wertvollen Materialien aus Lithium-Ionen-Traktionsakkumulatoren
Dipl.-Ing. Jens Markowski, BTU Cottbus-Senftenberg, Fachgebiet Aufbereitungstechnik und
Prof. Dr. rer. nat. Jörg Acker, BTU Cottbus-Senftenberg, Fachgebiet Physikalische Chemie
11:30 CircEcon – Landesprojekt als Initialkern für die Circular Economy
Prof. Dr.-Ing. habil. Lothar Kroll, TU Chemnitz
11:45 Strukturentwicklung am Beispiel des Standortes Freiberg
Erich Fritz, Vorstand Innovation Kreislaufwirtschaft Sachsen e. V.
12:00
Mittagspause
13:00 Best Practice Ansätze zum Strukturwandel & Circular Economy

Ein Weg zum klimaneutralen Bauen, Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Manfred Curbach

Verfahrenstechnisches Reallabor in Schwarze Pumpe – Firma Nagel, Dipl.-Ing. Torsten Nagel

Aluminiumrecycling – ein Beitrag zum zirkulären Wirtschaften, Markus Reissner, PreZero Dual GmbH

Rekultivierungseinsatz von Robotern
Prof. Dr. rer. nat. Uwe Aßmann
Prof. Dr. Gianaurelio Cuniberti

Prof. Dr.-Ing. Diana Goehringer
Prof. Dr. Ronald Tetzlaff

14:00
Podiumsdiskussion zu aktuellen Fragen aus dem Networking
  Podiumsgäste:

  • Christine Herntier, Bürgermeisterin der Stadt Spremberg
  • Gunda Röstel, Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH und Mitglied im Rat für nachhaltige Entwicklung
  • Bettina Voßberg, Geschäftsführerin Packwell GmbH & Co. KG Schwepnitz
  • Jörg Huntemann, Beauftragter für Strukturentwicklung in der Lausitz und in der Region Leipzig im Sächsischen Staatsministerium für Regionalentwicklung
  • Dr. Klaus Freytag, Lausitz-Beauftragter des Ministerpräsidenten, Land Brandenburg
  • Jörg Mühlberg, Geschäftsführer Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

Moderation: Uta Deckow, Leiterin Politikredaktion beim MDR Sachsen

15:45
Zusammenfassung

In der heutigen Sitzung des Regionalen Begleitausschusses im Mitteldeutschen Revier auf Schloss Hartenfels in Torgau lagen sechs Projekte zum Entscheid vor. Alle sechs mit einem Gesamtvolumen von etwa 52 Millionen Euro (Bundesmittel) wurden positiv beschieden und priorisiert…

 

Touristische Infrastruktur und Daseinsfürsorge im Zentrum der Vorhaben

 

Ende Juni votierte der Regionale Begleitausschuss (RBA) in seiner ersten Sitzung in Neukieritzsch für insgesamt 18 Vorhaben. In der heutigen Sitzung auf Schloss Hartenfels in Torgau lagen dem Gremium sechs weitere Projekte zum Entscheid vor. Alle sechs Vorhaben mit einem Gesamtvolumen von etwa 52 Millionen Euro (Bundesmittel) wurden positiv beschieden und priorisiert.

 

Der Fokus der heutigen Vorhaben lag auf den Bereichen der touristischen Infrastruktur und der Daseinsfürsorge. Ähnlich wie im Lausitzer Revier in der vergangenen Woche legt das Mitteldeutsche Revier seinen Schwerpunkt auch auf Projekte, die dazu dienen, Menschen in der Region zu halten und bestenfalls sogar Menschen dafür zu gewinnen, ins Mitteldeutsche Revier zurückzukehren oder hier neu anzusiedeln.

 

Henry Graichen, Vorsitzender des RBA und Landrat des Landkreis Leipzig: »Wir haben mit unseren Entscheidungen Vorhaben den Weg geebnet, die ganz klar das Leben der Menschen in der Region im Blick haben. Neben dem Schaffen neuer Arbeitsplätze wird das Gelingen des Strukturwandels nämlich auch davon abhängen, dass die Menschen sich in unserer Region wohlfühlen, gerne dort leben und ihre Zukunft dort planen und sehen können. Die Projekte der Daseinsfürsorge, die wir heute in Augenschein und positiv verabschiedet haben, sind hierfür prädestiniert.«

 

Das Gremium diskutierte die vorliegenden Projekte intensiv und konstruktiv in einer mehrstündigen Sitzung. Neben der Daseinsfürsorge standen auch Projekte der touristischen Infrastruktur zur Abstimmung. »Das Mitteldeutsche Revier hat sich bereits in den letzten Jahren über den Tourismus einen Namen machen können. Mit unserer Neuseenlandschaft haben wir in den letzten beiden Jahren, in denen Urlaub in Deutschland wieder in Mode gekommen ist, unglaublich viele Touristen hierher gelockt. Viele davon sind so begeistert gewesen, dass sie wieder kommen möchten, was bei uns natürlich auch den Anspruch fördert, im touristischen Sektor weitere Vorhaben umzusetzen und die Region in diesem Bereich noch breiter aufzustellen. Dazu brauchen wir auch eine entsprechende Infrastruktur, die wir mit den heute verabschiedeten Projekten ausbauen wollen«, erklärte Graichen.

 

→ Liste der positiv votierten Vorhaben

 

Hintergrund:

 

Die sechs kommunalen Vorhaben, über die heute im Rahmen des RBA entschieden worden ist, sind nach der »Förderrichtlinie für Zuwendungen nach dem Investitionsgesetz Kohleregionen – RL InvKG« qualifiziert und priorisiert worden. Der Regionale Begleitausschuss hat hierbei die Kernaufgabe inne, am Projektauswahlverfahren mitzuwirken. Die durch den RBA positiv beschiedenen Vorhaben werden nun dem Freistaat Sachen und dem Bund zur endgültigen Entscheidung vorgelegt. Die nächste Sitzung des RBA im Mitteldeutschen Revier ist für den 15. Juni 2022 terminiert. Die durch die Landkreise vorgeprüften Projektvorschläge, die nach dem Wunsch des Projektträgers diesen 3. RBA erreichen sollen, müssen bis spätestens 29. November 2021 bei der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS) eingereicht werden. Projektvorschläge der Landkreise, die durch die SAS in Zusammenarbeit mit der Landesdirektion Sachsen vorgeprüft werden müssen, mussten bis spätestens 1. November 2021 bei der SAS eingereicht werden. Projektvorschläge, die nach diesen Stichtagen bei der SAS eingehen, werden für die folgenden Sitzungen bearbeitet und qualifiziert.

 

Henry Graichen: »Ich habe ein wirklich gutes Gefühl, wenn ich sehe, was wir in diesem Jahr für den Strukturwandel angeschoben haben und das ist ja erst der Beginn. Wir werden auch weiterhin, da bin ich mir sicher, tolle Projekte bekommen und umsetzen. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, klar zu sagen, dass wir die Zeit bis 2038 brauchen werden, um die Region fit zu machen, für die Zeit nach dem Kohleausstieg. Deshalb halte ich Diskussionen über einen frühzeitigen Ausstieg für fehl am Platz – ganz davon ab, dass die Menschen in der Region Verlässlichkeit brauchen. Da sind wir uns auch im RBA absolut einig.«

 

Fotogalerie

Schloss Hartenfels Torgau

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Der Regionale Begleitausschuss im Mitteldeutschen Revier tagt heute (Mi., 10. November 2021) in Torgau auf Schloss Hartenfels. Anschließend wird Landrat Henry Graichen (Landkreis Leipzig) in einer Pressekonferenz über die Ergebnisse berichten. Die PK wird ab 12:30 Uhr von Muldental TV übertragen…

 

Am 15. November 2021 findet in der Lausitzhalle Hoyerswerda, als Auftaktveranstaltung zur Konferenzreihe »Wirtschaft trifft Wissenschaft«, die 1. Lausitzkonferenz »Circular Economy & Strukturwandel in der Lausitz« statt. Gekrönt wird die Konferenz von einer prominent besetzten Podiumsdiskussion…

 

Der Einstieg in die Konferenzreihe beginnt mit einem Thema, das Synergien und Integration in höchstem Maße bietet: dem zirkulären Wirtschaften. Mit dem »European New Green Deal« sind Veränderungen verbunden, die uns national und ganz besonders auch in unserer Region, der Lausitz, große Chancen bieten. Ressourcenschutz bei gleichzeitig steigender Nachfrage nach Rohstoffen, klimaneutrale Energiebereitstellung, Gesellschaftlicher Zusammenhalt sind nur einige wenige Stichworte der Kreislaufwirtschaft – die Inhalte jedoch lassen sich nur im gemeinsamen Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik erreichen. Mit der 1. Lausitzkonferenz zum Thema »Circular Economy & Strukturwandel in der Lausitz« wird der Austausch, die Netzwerkbildung, die gegenseitige Information über Best Practice Beispiele unterstützt und gefördert. Damit werden wichtige Bausteine zur Netzwerkentwicklung für den strukturellen Wandel in der Lausitz geschaffen.

 

Die Konferenz wird von der TU Dresden und der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung organisiert. Im Sinne des gemeinsamen Miteinanders sind zahlreiche Partner aus Sachsen und Brandenburg eingebunden. Die Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft des Staatsministers für Regionalentwicklung im Freistaat Sachsen, Herrn Thomas Schmidt:»Die Kreislaufwirtschaft bringt große Chancen für die Lausitz, einen neuen Wirtschaftszweig zu etablieren, der ein hohes Potenzial sowohl für Wachstum als auch für daraus entstehende Arbeitsplätze hat. Die Nachfrage nach Rohstoffen steigt weltweit immer mehr. Gleichzeitig sinkt ihre Verfügbarkeit. Damit kommt dem Recycling in Zukunft eine wachsende Bedeutung zu. Mit dem Projekt ‚CircEcon‘, das aus unserer Zukunftsinitiative simul+ hervorgegangen ist und das wir weiter intensiv unterstützen, haben die Universitäten Chemnitz, Dresden und Freiberg sowie die Hochschule Zittau-Görlitz den Grundstein dafür gelegt, die Lausitz zu einem innovativen und international anerkannten Zentrum der Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Für die Konferenz habe ich gern die Schirmherrschaft übernommen. Ich bin sicher, sie wird der Entwicklung neuer und hochwertiger Arbeitsplätze in der Lausitz wichtige Impulse geben.«

 

Im Rahmen der Veranstaltung findet eine Podiumsdiskussion zu aktuellen Fragestellungen aus dem Netzwerk statt. An der Podiumsdiskussion nehmen teil:

 

Christine Herntier,
Bürgermeisterin der Stadt Spremberg

 

Gunda Röstel,
Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH und Mitglied im Rat für nachhaltige Entwicklung

 

Bettina Voßberg,
Geschäftsführerin Packwell GmbH & Co. KG Schwepnitz

 

Jörg Huntemann,
Beauftragter für Strukturentwicklung in der Lausitz und in der Region Leipzig im Sächsischen Staatsministerium für Regionalentwicklung

 

Dr. Klaus Freytag,
Lausitz-Beauftragter des Ministerpräsidenten, Land Brandenburg

 

Jörg Mühlberg,
Geschäftsführer Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

 

Die Moderation übernimmt Uta Deckow, Leiterin der Politikredaktion beim MDR Sachsen.

 

Die Podiumsdiskussion findet am Montag, 15. November 2021 14:00 Uhr, in der Lausitzhalle Hoyerswerda, Lausitzer Platz 4, 02977 Hoyerswerda, statt.

 

Um vorherige Anmeldung an veranstaltung.ing@tu-dresden.de wird gebeten.

 

Pandemiebedingt ist die Teilnahme nur für geimpfte und genesene Personen möglich. Bitte halten Sie einen entsprechenden Nachweis bereit. Wir sind verpflichtet dies vor Beginn der Veranstaltung zu prüfen. Bitte denken Sie auch an Ihren medizinischen Mund-Nasen-Schutz, der in den Innenräumen verpflichtend zu tragen ist, und an den erforderlichen Mindestab-stand während des Termins.

 

Informationen für Journalisten:
Prof. Dr. Michael Beckmann
Tel.: 0351 463-32786
E-Mail: michael.beckmann@tu-dresden.de

In einem Doppelinterview mit der SAS blicken Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, und Clemens Schülke, Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung Leipzig, auf die anstehenden Herausforderungen des Strukturwandels für die Messe- und Bachstadt sowie das umliegende Mitteldeutsche Revier…

 

Als Oberbürgermeister der Stadt Leipzig sind Sie auch Mitglied des Regionalen Begleitausschusses (RBA) des Mitteldeutschen Reviers. Wie fällt lhr Fazit aus, wenn Sie auf die Monate seit der Einigung auf den sogenannten Kohlekompromiss blicken?

 

Burkhard Jung: Die Umsetzung des Strukturstärkungsgesetzt unter Einbeziehung der Akteure ist eine umfassende Aufgabe. Um sie zu erfüllen wurden in Sachsen komplexe Strukturen aufgebaut und mit der Umsetzung begonnen. Das zeigt sich z. B. anhand des schnellen Starts der Pilotprojekte, der zeitnahen Erarbeitung der Förderrichtlinien und der raschen Einrichtung der Gremien. Kritisch sehe ich die fehlende länderübergreifende Anbindung an die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland.

 

 

Herr Schülke, nun wird Strukturwandel in den deutschen Kohlerevieren eher weniger mit einer Metropole wie Leipzig in Verbindung gebracht. Können Sie uns erläutern, wo genau in Leipzig der Strukturwandel sich bemerkbar macht?

 

Clemens Schülke: Zum einen ist Leipzig unmittelbar vom Strukturwandel betroffen, da viele Mitarbeiter der Braunkohleindustrie ihren Wohnsitz in Leipzig haben. Zum anderen, spüren Unternehmen der Zuliefererindustrie, von denen in Leipzig mehrere vertreten sind, längst rückläufige Auftragszahlen. Ebenso machen der Großindustrie wie z. B. den Leipziger Gießereien die steigenden Energiekosten zu schaffen und verschlechtern ihre Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten. Auf diese Art und Weise ist Leipzig unmittelbar vom Strukturwandel betroffen, auch wenn keine Kohle im Stadtgebiet abgebaut wird.

 

 

Eine Metropole hat, ganz andere Probleme zum Thema Strukturwandel zu bewältigen, als eine kleine ländliche Gemeinde. Wie kann es gelingen, bis 2038 für alle diese unterschiedlichen Bedürfnisse Lösungen zu finden, Herr Jung?

 

Burkhard Jung: In Zukunft werden die ländlichen Regionen mit den Zentren Leipzig und Halle stärker zusammenwachsen. Entscheidend dafür ist u. a. eine bessere Verkehrsanbindung der ländlichen Regionen. Der Ausbau des mitteldeutschen S-Bahn-Netz wird einen wesentlichen Beitrag hierfür leisten. Mit dieser Maßnahme und weiteren Projekten im Bereich Infrastruktur und darüber hinaus, soll es gelingen die Lebensqualität der gesamten Region zu erhöhen und Arbeitsplätze sowohl in den Zentren aber auch in den umliegenden Regionen zu halten, zu schaffen und erreichbar zu machen, was wiederum auch der Stadt Leipzig zu Gute kommt.

 

 

Wollen Sie, Herr Schülke, hier in Leipzig spezielle Schwerpunkte im Strukturwandel setzen? Wenn ja, welche sind das?

 

Clemens Schülke: Stärken stärken, das ist unser Ziel. Die Stadt Leipzig setzt auf die Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze auf akademischer und nicht akademischer Ebene in den Zukunftsfeldern Biotechnologie, Medizintechnik sowie Medizindienstleistungen, Automotive und IT. Auch die Bildung spielt eine zentrale Rolle. Sie bildet die Grundlage für innovative Gründer und gut ausgebildete Fachkräfte.

 

 

Natürlich ist der Strukturwandel eine gigantische Aufgabe und die Menschen in beiden Revieren haben durchaus die Sorge, ob es gelingen wird, ihn erfolgreich zu gestalten. Was ist aus Sicht des Oberbürgermeisters der Stadt Leipzig entscheidend dafür, dass wir 2038 auf rund zwei erfolgreiche Jahrzehnte zurückblicken, die den sächsischen Revieren eine tolle Zukunft eröffnen?

 

Burkhard Jung: Entscheidend wird sein, ob es gelingt das Revier nachhaltig und im gesellschaftlichen Konsens auf einen positiven wirtschaftlichen Wachstumspfad auszurichten. Die Erreichung der drei zentralen Ziele – Begeisterung, Gestaltung und Umsetzung der Regionalentwicklung – wird ausschlaggebend sein und zeigen, ob es gelungen ist, den Strukturwandel zu meistern statt ihn hinzunehmen oder gar zu übersehen.

 

 

Herr Schülke, kürzlich gab es in der Landeshauptstadt Dresden einen flachendeckenden Stromausfall. Eine der direkten Folgen war, dass den Menschen vor Augen geführt worden ist, wie sehr man von Strom abhängig ist – im privaten Umfeld, aber vor allem auch in der Industrie, den Krankenhäusern, dem Nahverkehr – einfach überall. Unter anderem in den sozialen Netzwerken kursierten dann schnell Wortmeldungen, dies sei ein Vorgeschmack auf 2038, wenn die Kohleverstromung ende. Wie glauben Sie, dass Sie Leipzig bis 2038 aufstellen können, um den Ausstieg wirklich umsetzen zu können, ohne dass der Strom knapp wird?

 

Clemens Schülke: Die Kolleginnen und Kollegen der Leipziger Stadtwerke arbeiten intensiv daran, die Stromerzeugung sowohl auf der Basis von Erdgas-Kraft-Wärme-Kopplung aber auch auf Basis regenerativer Energien deutlich stärker in und für Leipzig auf die Beine zu stellen. Leipziger Stromversorgung bleibt aber eng verknüpft mit der gesamtdeutschen Versorgungslage. Die Stadt Leipzig hat sich bereits 2018 entschieden, die Wärmeerzeugung von der Braunkohle abzukoppeln. Wichtig ist, vor einer Abschaltung von Kohlekraftwerken für Ersatz zu sorgen, am besten durch erneuerbare Erzeugungskapazitäten. Das ist aber ein weiter Weg. Bis dahin kann auch Erdgas als ein umweltfreundlicherer Energieträger auf Kohlenstoffbasis eine wichtige Rolle spielen. Perspektivisch jedoch mehr und mehr ergänzt durch grünen Wasserstoff.

 

 

Herr Jung, wenn Sie sich vorstellen, dass Sie 2038 durch Leipzig und das Umland spazieren, wie soll es lhrer Meinung nach aussehen?

 

Burkhard Jung: Bei einem Spaziergang durch das Leipziger Umland 2038 wünsche ich mir durch Bergbaulandschaft zu gehen, in der die Natur in aller Vielfalt und Diversität erlebt werden kann. Ich wünsche mir, dass die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Leipzig, der umliegenden Kommunen und ihre Gäste die verloren geglaubten Landschaften zurückerobern. Ich sehe eine lebenswerte Region mit einer prosperierenden Wirtschaft, Kultur, Bildung, Wissenschaft und Naherholungsgebieten.

 

 

In erster Linie wird Strukturwandel mit Arbeitsplatzschaffung und -sicherung verbunden. lst es aber nicht auch so, dass man – wenn man diesen langwierigen Prozess betrachtet – beispielsweise die Bedürfnisse der Jugend in den Fokus setzen muss, damit es gelingt, den Wegzug aus dem Umland zu verhindern, Herr Schülke?

 

Clemens Schülke: Der Prozess der Bewältigung des Strukturwandels zielt ja darauf ab, heute die Weichen für zukünftige Generationen zu stellen, damit auch sie lebenswerte Bedingungen vorfinden. Dabei spielen die angesprochenen Arbeitsplätze eine entscheidende Rolle. Aber zur Lebensqualität gehört weitaus mehr, wie z. B. intakte Natur, soziale Stabilität und ein familienfreundliches Umfeld.

 

 

Vielen Dank, Herr Oberbürgermeister Jung und Herr Schülke, für das Doppelinterview.

 

 

Bildquelle Portraits: Stadt Leipzig

Nachdem Ende Juni 2021 in Weißwasser im Rahmen der ersten Sitzung des Regionalen Begleitausschusses 40 kommunale Projekte positiv beschieden worden sind, tagte das Gremium am 3. November zum zweiten Mal. 14 Vorhaben galt es diesmal zu bewerten. 13 davon wurden positiv beschieden…

Die positiv votierten und im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel sowie anhand von Scoringwerten priorisierten Strukturwandel-Projekte haben ein Gesamtvolumen von rund 120 Millionen Euro (Bundesmittel). Ein Projekt wurde zur Weiterqualifizierung zurückgestellt. Der Schwerpunkt der positiv beschiedenen Vorhaben lag heute auf dem Bereich der Daseinsfürsorge, aber auch Projekte des Tourismus, der Forschungs- und der wirtschaftsnahen Infrastruktur standen zur Diskussion.

 

 

Birgit Weber, Vorsitzende des RBA und Beigeordnete des Landkreises Bautzen: »Der Strukturwandel gelingt dann, wenn die Menschen in der Region spüren, dass Vorhaben greifbar umgesetzt werden und ihren Belangen gerecht werden. Da sind wir heute wieder einen Schritt weiter gekommen und haben Projekte positiv verabschiedet, die dem Strukturwandel der Lausitz und den Menschen in der Region dienen werden. Die Mehrzahl der Projekte hatte dieses Mal ganz zentral die Menschen und einen lebenswerten Raum im Fokus. Damit wollen wir erreichen, dass die Menschen in den Regionen gehalten werden oder bestenfalls sogar zurückkehren.«

 

 

Wie bereits im Juni setzte sich das Gremium intensiv und konstruktiv mit den einzelnen Vorhaben in einer mehrstündigen Sitzung auseinander. Neben der Daseinsfürsorge standen auch Projekte zur Abstimmung, die ihren Beitrag zur Klimaneutralität leisten werden und beispielsweise als Leuchtturmprojekte alternativer Antriebsformen dienen werden. »Im Vorlauf dieser Sitzung waren die Projekte den Mitgliedern des RBA vorgestellt worden, sodass wir uns ein sehr umfassendes Bild machen konnten. Nichtsdestotrotz gab es natürlich auch heute Diskussionsbedarf, schließlich geht es um weitreichende Entscheidungen für eine ganze Region. Aber wir haben hier Entscheidungen getroffen, die für die Region richtungsweisend sind. Die Lausitz kann einmal mehr zeigen, dass sie innovativ und fortschrittlich ist.«, erklärte Weber.

 

→ Liste der positiv votierten Vorhaben

 

 

Hintergrund:

 

Die 14 kommunalen Vorhaben, über die heute im Rahmen des RBA entschieden worden ist, sind nach der »Förderrichtlinie für Zuwendungen nach dem Investitionsgesetz Kohleregionen – RL InvKG« qualifiziert und priorisiert worden. Der Regionale Begleitausschuss hat hierbei die Kernaufgabe inne, am Projektauswahlverfahren mitzuwirken. Die durch den RBA positiv beschiedenen Vorhaben werden nun dem Freistaat Sachen und dem Bund zur endgültigen Entscheidung vorgelegt. Die nächste Sitzung des RBA in der Lausitz ist für den 1. Juni 2022 terminiert. Die durch die Landkreise vorgeprüften Projektvorschläge, die nach dem Wunsch des Projektträgers diesen 3. RBA erreichen sollen, müssen bis spätestens 29. November 2021 bei der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS) eingereicht werden. Projektvorschläge der Landkreise, die durch die SAS in Zusammenarbeit mit der Landesdirektion Sachsen vorgeprüft werden müssen, mussten bis spätestens 1. November 2021 bei der SAS eingereicht werden. Projektvorschläge, die nach diesen Stichtagen bei der SAS eingehen, werden für die folgenden Sitzungen bearbeitet und qualifiziert.”

 

Birgit Weber: »Der Strukturwandel ist kein Sprint, sondern ein Marathon, aber ich hoffe und wünsche mir, dass wir hier etwas Positives anschieben, das für die Lausitzerinnen und Lausitzer auch zu spüren ist.«

 

 

Fotogalerie

Bernd Lange (Landrat des Landkreises Görlitz)

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Seit 2015 ist Kai Emanuel Landrat des Landkreises Nordsachsen. Seither lenkt der begeisterte Fahrradfahrer und Handballfan die Geschicke der Region im Mitteldeutschen Revier. In einem sportlich flotten Interview konnten wir mit ihm über seine Sicht auf den Strukturwandel in seinem Landkreis sprechen…

 

Herr Emanuel, Sie sind Landrat des Landkreises Nordsachsen und Mitglied des Regionalen Begleitausschusses (RBA) des Mitteldeutschen Reviers (MR). Was geht Ihnen als erstes durch den Kopf, wenn Sie das Wort „Strukturwandel“ hören oder lesen?

 

Braunkohle, Tagebaue, verlorene Orte, menschliche Schicksale, neue Hoffnungen, große Chancen …

 

 

In den Medien tauchen Berichte über den Strukturwandel der Lausitz in einer gewissen Regelmäßigkeit auf. Das Mitteldeutsche Revier hingegen ist diesbezüglich etwas stiller, alles wirkt so, als seien sich die Protagonisten hier oftmals sehr einig und würden im Einvernehmen miteinander agieren. Wie sehen Sie das?

 

Diese Wahrnehmung ist richtig. Im Mitteldeutschen Revier wird sehr einvernehmlich und zielorientiert agiert.

 

 

Der RBA dient unter anderem ja auch dazu, den Menschen in den Revieren über entsprechende Interessenvertreter eine aktive Beteiligung an den Projekten zu sichern. Wie groß ist in Ihrer Region das Interesse an den Entscheidungen zum Strukturwandel und welches Feedback haben Sie in den letzten Wochen erhalten?

 

Förderfähig sind ausschließlich kommunale Projekte. Die Beteiligung und Kommunikation findet also in den Städten und Gemeinden statt. Ich bekomme als Feedback, dass dort sehr engagiert diskutiert, entwickelt und gestaltet wird.

 

 

Ehe die ersten Projekte durch den RBA gegangen sind, gab es die viel zitierte Turboliste mit Projekten aus dem Jahr 2020. Aus Ihrem Landkreis hat bereits der automatisiert fahrende Bus in Rackwitz den positiven Förderbescheid erhalten und befindet sich in der Umsetzung. Wie geht es mit dem Projekt voran?

 

Das Projekt liegt im Plan, das fahrerlose automatisierte Shuttle – Abkürzung: FLASH – „erlernt“ derzeit das Fahren unter Praxisbedingungen zwischen S-Bahnhof Rackwitz und Schladitzer Bucht. Nächstes Jahr startet der Pilotbetrieb mit Fahrgästen. Danach wird das Shuttle in das reguläre Linien- und Tarifnetz des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes integriert – für uns ein innovatives, zukunftsweisendes Verkehrsangebot im ländlichen Raum.

 

 

Haben Sie für Ihren Landkreis vor, spezielle Schwerpunkte bei den Projekten des Strukturwandels zu setzen? Wenn ja, welche sind das?

 

Mein Credo bleibt: Erst Infrastruktur, dann Strukturwandel. Dazu gehört, das Mobilitätsversprechen für den ländlichen Raum einzulösen. Mit der Anschaffung eines batteriebetriebenen Schienenfahrzeugpools wird es beispielsweise gelingen, das Mitteldeutsche S-Bahn-Netz dorthin zu erweitern, wo bisher kein Oberleitungsdraht hängt. Die Stärkung der Glas-, Keramik- und Baustoffindustrie im Landkreis ist ein weiterer Schwerpunkt, den wir mit dem GlasCampus Torgau frühzeitig in Angriff genommen haben. Hier wollen wir die nächsten Schritte gehen und beispielsweise mit einem GlasLab die Aus- und Weiterbildung auf die nächste Stufe heben.

 

Nun ist nach dem RBA auch immer vor dem RBA und die Vorbereitungen zum Treffen des Gremiums laufen bereits auf Hochtouren. Was erwarten Sie für den November-Termin?

 

Ich gehe davon aus, dass weitere spannende Projekte auf den Tisch kommen.

 

 

Der Strukturwandel ist, das gilt selbstverständlich für beide Reviere und auch über die Landesgrenzen hinaus, kein Sprint, sondern ein Marathon. Welche Etappenziele haben Sie sich ganz speziell für Ihren Landkreis gesetzt?

 

Das lässt sich nicht verallgemeinern. Jedes Projekt hat seinen eigenen Fahrplan und damit auch seine eigenen Etappenziele, die wir Schritt für Schritt erreichen wollen.

 

 

Haben Sie hierbei genaue Vorstellungen, wie es Ihnen, aber auch allen anderen beteiligten Akteuren gelingen kann, die Menschen auf diesem Weg aktiv einzubinden? Haben Sie hier Ideen, wie sie spezielle Gruppen – beispielsweise Jugendliche – in diesen Prozess integrieren wollen?

 

Projekte auch tatsächlich umzusetzen, ist die beste Art und Weise, Menschen dafür zu begeistern und einzubinden.

 

 

Der Strukturwandel endet bekanntlich nicht an den Landesgrenzen. Im Fall des MR sprechen wir hierbei von Sachsen-Anhalt, das ebenfalls mit dem Strukturwandel beschäftigt ist. In der Lausitz hat sich die Lausitzrunde mit Vertretern aus den Kreisen und Städten Sachsens und Brandenburgs etabliert. Wie funktioniert bei Ihnen der Austausch mit Ihren Kolleginnen und Kollegen in Sachsen-Anhalt? Haben Sie ähnliche Formate?

 

Neben den direkten Kontakten zwischen den Landräten funktioniert der Austausch vor allem über die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland.

 

 

2038 werden Sie genau 70 Jahre alt sein. Was würden Sie gerne Ihren Enkelinnen und Enkeln über den Strukturwandel erzählen und wie sieht der Landkreis Nordsachsen vor Ihrem inneren Auge dann aus, wenn Sie ihn sich vorstellen?

 

Wenn es den Menschen gut geht und ich sagen kann, Energiesicherheit, Energiepreise und Klimaziele sind in Einklang gebracht, dann ist der Strukturwandel gelungen.

 

 

Vielen Dank, Herr Landrat Emanuel.

Mit der Auftaktveranstaltung “Circular Economy & Strukturwandel in der Lausitz” startet am 15. November 2021 in der Lausitzhalle Hoyerswerda die von der Technischen Universität Dresden und der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung GmbH ins Leben gerufene Konferenzreihe „Wissenschaft trifft Wirtschaft“…

 

Die Lausitz steht vor großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Dazu gehören die Stärkung eines innovativen Wirtschafts- und Wissenschaftsstandortes jenseits der Braunkohleverstromung, die Erschließung neuer Wachstumschancen im Bereich der Digitalisierung, die Errichtung und Modernisierung der verkehrstechnischen und digitalen Infrastrukturen sowie die Erhöhung der Lebensqualität und Steigerung der Attraktivität der Region, um Menschen zum Bleiben oder Wiederkommen in die Region einzuladen.

 

Mit der Konferenzreihe “Wirtschaft trifft Wissenschaft” zum Thema Circular Economy wird ein wichtiger Baustein zur Netzwerkentwicklung für den strukturellen Wandel in der Lausitz geschaffen. Der Einstieg in die Konferenzreihe beginnt mit einem Thema, das Synergien und Integration in höchstem Maße bietet: dem zirkulären Wirtschaften. Mit dem European Green Deal gewinnt dieses Thema eine enorme Bedeutung für Leben und Arbeiten in der Zukunft.

 

Am 15. November 2021 wird dazu ein Auftaktvernetzungstreffen in der Lausitzhalle in Hoyerswerda stattfinden. Die Konferenz steht unter der Schirmherrschaft des Staatsministers für Regionalentwicklung im Freistaat Sachsen, Herrn Thomas Schmidt. Die Veranstaltung wird hybrid organisiert.

 

Die Konferenz wird von der TU Dresden und der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung GmbH (SAS) organisiert. Im Sinne des gemeinsamen Miteinanders werden zahlreiche Partner aus Sachsen und Brandenburg eingebunden.

 

→ Hier geht es zur Anmeldung

 

Programm:

 

08:30 Uhr Registrierung
09:00 Uhr

 

Eröffnung
Prof. Dr. Ing. Michael Beckmann
TU Dresden
09:10 Uhr Grußworte
  Torsten Ruban-Zeh
Oberbürgermeister der Stadt Hoyerswerda
 
Thomas Schmidt
Sächsischer Staatsminister für Regionalentwicklung
 
Dr. Klaus Freytag
Lausitz-Beauftragter des Ministerpräsidenten, Land Brandenburg
Plenarvorträge  
09:40 Uhr Circular Economy – Regeln, Normen, Standards
Christoph Winterhalter
Vorsitzender des Vorstandes (CEO) DIN e. V.
10:10 Uhr Circular Economy & New Green Deal
Dr. Nils Geißler
Abteilungsleiter für Energie und Klimaschutz im Sächsischen Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft
10:30 Uhr Kaffeepause
11:00 Uhr Circular Economy – Risiken und Chancen
Prof. Dr.-Ing. Michael Beckmann
TU Dresden
11:15 Uhr Living Circular Economy: Rückgewinnung, Aufbereitung und Wiedereinsatz von wertvollen Materialien aus Lithium-Ionen-Traktionsakkumulatoren
Dipl.-Ing. Jens Markowski
BTU Cottbus-Senftenberg, Fachgebiet Aufbereitungstechnik und
Prof. Dr. rer. nat. Jörg Acker
BTU Cottbus-Senftenberg, Fachgebiet Physikalische Chemie
11:30 Uhr CircEcon – Landesprojekt als Initialkern für die Circular Economy
Prof. Dr.-Ing. habil. Lothar Kroll
TU Chemnitz
11:45 Uhr Vorstellung der Projektaussteller
Erich Fritz
Vorstand Innovation Kreislaufwirtschaft Sachsen e. V.
12:00 Uhr Eröffnung der Ausstellung
Dr. Klaus Freytag
Lausitz-Beauftragter des Ministerpräsidenten, Land Brandenburg und
Thomas Schmidt
Sächsischer Staatsminister für Regionalentwicklung
  Im Anschluss: Networking in der Ausstellung mit Mittagsimbiss
14:00 Uhr Podiumsdiskussion zu aktuellen Fragen aus dem Networking
  Podiumsgäste:

  • Christine Herntier, Bürgermeisterin der Stadt Spremberg
  • Gunda Röstel, Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH und Mitglied im Rat für nachhaltige Entwicklung
  • Bettina Voßberg, Geschäftsführerin Packwell GmbH & Co. KG Schwepnitz
  • Jörg Huntemann, Beauftragter für Strukturentwicklung in der Lausitz und in der Region Leipzig im Sächsischen Staatsministerium für Regionalentwicklung
  • Dr. Klaus Freytag, Lausitz-Beauftragter des Ministerpräsidenten, Land Brandenburg
  • Jörg Mühlberg, Geschäftsführer Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

Moderation: Uta Deckow, Leiterin Politikredaktion beim MDR Sachsen

15:45 Uhr Zusammenfassung
16:00 Uhr Come Together mit Kaffee & Kuchen

 

Wissenschaftliche Leitung:

 

Prof. Dr. Michael Beckmann, TU Dresden

 

 

Die Veranstaltung wird organisiert und präsentiert von:

 

 

Kontakt:

Technisches Universität Dresden
Bereich Ingenieurwissenschaften
Maike Heitkamp-Mai
01062 Dresden
Tel.: +49 (0) 351 463 33981
Email: veranstaltungen-ing@tu-dresden.de

Kennen Sie CASUS? Den Lateinern unter uns ist das Wort bekannt als Substantiv mit der Bedeutung: Fall, Zufall, Begebenheit und Unfall, aber auch Abenteuer. In Görlitz steht CASUS seit drei Jahren für Spitzenforschung und war zu Beginn vielleicht ein kleines Abenteuer mit ungewissem Ausgang…

 

Aber spätestens seit vor einigen Wochen das Forschungsinstitut eine langfristige Perspektive erhalten hat, ist es weitaus mehr als ein kleines Abenteuer. Im September nämlich unterschrieben Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und der Staatssekretär im Bundesforschungsministerium Wolf-Dieter Lukas in Görlitz ein Abkommen, das die Finanzierung und damit die Zukunft von CASUS langfristig sichert und CASUS Teil der Strukturwandelförderung in der Lausitz sein lassen wird. Perspektivisch soll CASUS, dessen Partner das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), das Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG), die Universität Breslau, die Technische Universität Dresden und das Zentrum für Informationsdienste und Hochleistungsrechnen (ZIH) sind, auch als wertvoller Partner eines künftigen Großforschungszentrums in der Lausitz fungieren, für das es in der Lausitz noch drei Wettbewerber gibt (Eris, Lab und DZA).

 

Aber was genau bedeutet CASUS und nach was wird geforscht?

 

CASUS steht ausgeschrieben für „Center for Advanced Systems Undertsanding“. Übersetzt und in einfachen Worten ausgedrückt, beschäftigen sich die Wissenschaftler damit, fortschrittliche Systeme zu verstehen. Wissenschaftlich formuliert ist CASUS ein Zentrum für digitale interdisziplinäre Systemforschung, die zum Ziel hat, die neusten und innovativsten Methoden aus Mathematik, Modellierung, Simulation, Daten- und Computerwissenschaft zur Lösung von Fragen aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Erdsystemforschung, der Systembiologie, aber auch der Materialforschung zu entwickeln. Hierzu arbeiten in interdisziplinären Teams die besten Wissenschaftler dieser Gebiete an visionären Ideen – beispielsweise wie man komplexen Herausforderungen unserer Zukunft mit digitalen Methoden gerecht werden kann. Über digitale und dynamische Weltbilder komplexer Systeme werden digitale Abbilder erschaffen, mit denen der Versuch unternommen wird, Wechselwirkungen und Vorhersagen zu beschreiben und zu treffen. Dem zu Grunde liegt die Annahme, dass alles Wissen und Verständnis dieser Komplexität und Vielfalt unserer Welt durch den Einsatz neuartiger und digitaler Methoden einen disruptiven Wandel erfahren wird.

 

Einigkeit in der Wissenschaft herrscht darüber, dass – um diesen Anforderungen gerecht zu werden – die Systemforschung in einem aufstrebenden Forschungsfeld die zentrale Rolle spielen muss und wird. Schwerpunkte setzt CASUS hierbei in den Bereichen Erdsystemforschung, autonome Fahrzeuge, der Systembiologie und der Erforschung von Materiezustände unter extremen Bedingungen. Basis dessen ist die Maßgabe, innovative, ja teilweise sogar unorthodoxe Forschungsansätze zu wählen, um die historisch gewachsenen Strukturen der einzelnen Teilbereiche zu überwinden und neue Lösungen zu finden.

 

Gründungsbeauftragter Dr. Michael Bussmann ist es in den vergangenen drei Jahren gelungen, mehr als 50 Wissenschaftler für CASUS zu gewinnen. Damit platzt der bisherige Standort am Görlitzer Untermarkt bereits aus allen Nähten. Durch die gesicherte Zukunft des Instituts soll CASUS ab 2026 im früheren Kondensatorenwerk an der Görlitzer Neiße seine Heimat finden und als Anlaufpunkt weiterer Spitzenwissenschaftler aus aller Welt dienen. Aber nicht nur die Wissenschaftler und Partner sind prominent – auch die konkreten Partner in den Projekten sind mit Unternehmen wie beispielsweise Roche, BASF und Pfizer renommiert. Und jetzt, da die Zukunft von CASUS gesichert ist, wird der weltweite Fokus im Bereich der Systemforschung sich noch intensiver auf Görlitz richten.

 

Imagefilm zum CASUS – Center for Advanced Systems Understanding:  https://youtu.be/5tlESSfG9Tw

Am 10. November 2021 tagt der Regionale Begleitausschuss für das Mitteldeutsche Revier zum zweiten Mal in diesem Jahr. Auf Schloss Hartenfels in Torgau wird es dann um weitere Strukturwandelprojekte gehen. Mit dem RBA-Vorsitzenden Landrat Henry Graichen trafen wir uns vorab zum Gespräch…

 

Herr Graichen, Anfang November steht der zweite beschlussfassende Regionale Begleitausschuss (RBA) auf dem Programm. Wie haben Sie als Vorsitzender des Gremiums die Wochen nach der ersten Sitzung erlebt?

 

Es gab zwei wichtige Auswertungen, welche inhaltlich zu Änderungen im Verfahren des Regionalen Begleitausschuss führen. So wird es eine bessere und inhaltlich geführte Runde mit den beratenden Mitgliedern des RBA geben. Dabei ist es wichtig deren Knowhow und Kompetenz besser zu nutzen. Darüber hinaus ist es wichtig, das Budget zu überwachen. Hierbei wird vor allem der Mittelabfluss entscheidend sein.

 

Es war auch Kritik an den Projekten zu hören. Dabei spielte vor allem die Wirkung der Projekte auf den Strukturwandel eine Rolle. Es ist davon auszugehen, dass mit mehr Vorlaufzeit auch wirkungsvollere Projekte zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Region beantragt werden.

 

 

Nach wie vor sorgt das Thema Strukturwandel auch weiterhin für erhöhten Diskussionsbedarf, was für einen solchen Einschnitt in das Leben vieler Menschen sicherlich ein Stück weit normal ist. Zweifelsohne ist aber nach vielen Monaten, ja sogar Jahren, bloßer Diskussionen auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen nun ein erster Schritt gelungen. Welche positiven Entwicklungen nehmen Sie wahr?

 

Nach vielen Jahren Diskussion ist nun gesetzlich klar, dass der Ausstieg aus der Braunkohlengewinnung und –verstromung im Jahr 2035 bei uns im Mitteldeutschen Revier beendet sein wird. Ich warne vor einer weiteren Diskussion zu neuen Ausstiegsdaten, da damit der gesellschaftliche Konsens aufgekündigt und die Leistung der Region Mitteldeutschland bei der Reduzierung der Treibhausgase (THG) bereits seit 1990 ausgeblendet wird. Ein Großteil der Reduzierung der THG, welche sich die Republik heute anrechnet, ist wesentlich auf die Deindustrialisierung Anfang der 1990-ziger Jahre zurück zu führen.

 

Wir benötigen heute die Zeit bis 2035 um den Tagebau Vereinigtes Schleenhain ordentlich und nachsorgefrei zu Ende zu führen und um den Strukturwandel erfolgreich zu gestalten.

 

 

Haben Sie aus der Sitzung in Neukieritzsch, aber eben auch aus den Gesprächen in den Wochen danach Anregungen aufgenommen für die anstehende Sitzung und die künftigen Schritte des RBA? Wenn ja, welche sind das?

 

Es handelt sich dabei im Wesentlichen um die Budgetkontrolle für den RAB und die Runde mit den beratenden Mitgliedern. Dies habe ich bereits mit Herrn Mühlberg, Geschäftsführer der SAS GmbH, für die Umsetzung im 2. RBA auf den Weg gebracht.

 

Darüber hinaus gab es eine Diskussion zum regionalen Schlüssel im Mitteldeutschen Revier, welchen es im bundesweiten Vergleich nicht gibt. Die Landkreise Nordsachsen, Leipzig und die Stadt Leipzig haben sich auf einen regionalen Verteilschlüssel für die Mittel aus dem Budget verständigt. Dies ist eine Besonderheit, jedoch vor dem Hintergrund einer durchaus unterschiedlichen Betroffenheit gerechtfertigt und angemessen.

 

 

Die Stimmen in beiden Regionen, also sowohl in der Lausitz, als auch im Mitteldeutschen Revier werden lauter, die fordern, dass bei den Projekten künftig spezielle Themenschwerpunkte regional gesetzt werden. Welche Richtungen können Sie sich konkret für das Mitteldeutsche Revier vorstellen?

 

Eine themenspezifische Ausschreibung kann ich mir gut vorstellen. Damit haben die Kommunen durch das Förderprogramm LEADER. Mit einer solchen themenspezifischen Ausschreibung können wirkungsvoll die Investitionen in den Tourismus oder die wirtschaftsnahe Infrastruktur gelenkt werden.

 

 

Mit der 2. Sitzung endet grob betrachtet das Jahr 2021 für den RBA – und Jahresende bedeutet gleichzeitig oft auch, Vorsätze für das kommende Jahr zu fassen. Was im Speziellen wünschen Sie sich für den RBA im Jahr 2022? Wo wollen Sie als Vorsitzender des Gremiums nochmal Akzente setzen?  

 

Ich erwarte, dass die Projekte, welche den ersten RBA im Juni 2021 durchlaufen haben, ihren Zuwendungsbescheid noch in diesem Jahr erhalten und starten können!

 

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Landrat Graichen.

Bereits seit dem 12. Jahrhundert existiert der im heutigen Stadtgebiet Leipzigs fließende Elstermühlgraben. Ursprünglich für den Hochwasserschutz gebaut, bot das unscheinbare Fließgewässer über Jahrhunderte hinweg zahlreichen Mühlen Antrieb. Und bis heute spielt der Kanal eine besondere Rolle für Leipzig…

 

2005 begann die Offenlegung des Leipziger Elstermühlgrabens, der in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zwischen Schreberstraße und Ranstädter Steinweg “vorrohrt”, d.h. unterirdisch durch Rohre geleitet, worden war. Nachdem die Bauarbeiten am Graben abschnittsweise in den letzten Jahren bereits Teilstücke wieder ans Licht gebracht haben, ist vergangene Woche mit dem Demontieren des Poniatowski-Denkmals der Startschuss für die Arbeiten am letzten Abschnitt des Projekts gefallen. Hierzu erhält die Stadt Gelder aus den vom Bund bereitgestellten Strukturmitteln im Rahmen der Bewältigung des Kohleausstiegs. Oberbürgermeister Burkhard Jung ließ es sich nicht nehmen, das Denkmal des früheren polnischen Generals Fürst Józef Antoni Poniatowsi mit einem Autokran selbst auf einen LKW zu heben und somit symbolisch den Start der letzten Projektphase einzuläuten. Bis zur Fertigstellung des Elstermühlgrabens, der spätestens für das Jahr 2025 avisiert ist, wird das Denkmal restauriert, um dann in neuem Glanz am fertiggestellten Graben seinen neuen Standort einnehmen zu können.

 

Kern des Projektes wird es sein, zwei Brücken als Folgemaßnahmen der Offenlegung des Elstermühlgrabens zur Befahrung mit muskelbetriebenen Booten auf dem Kurs 3 des touristischen Gewässerverbundes Leipzig, der bis Sachsen-Anhalt reicht, wiederherzustellen. Darüber hinaus, das betonte Jung nochmal mit Blick auf die Jahrhundertflut im Ahrtal im Juli dieses Jahres, dient die Maßnahme auch dem Hochwasserschutz und soll zur Verbesserung des Mikroklimas beitragen.

 

Der Elstermühlgraben soll in Zukunft dem Tourismus der Stadt Leipzig weitere Impulse verleihen. Das Ansiedeln von Gastronomie und Hotelgewerbe ist ebenso angedacht, wie Anlaufstelle für den Bootstourismus zu werden. Das Leipziger Neuseenland wie auch die wassertouristischen Verbindungen zu Sachsen-Anhalt werden durch die dann vollständige Offenlegung des Elstermühlgrabens weiter aufgewertet.

 

Weitere Informationen zum Gesamtprojekt gibt es HIER.

Im November 2021 tagen zum zweiten Mal die Regionalen Begleitausschüsse (RBA) in den beiden sächsischen Zukunftsrevieren. Während der Vorbereitungen der RBA-Sitzung im Lausitzer Revier, welche in der Energiefabrik Knappenrode stattfinden wird, konnten wir mit der RBA-Vorsitzenden Birgit Weber sprechen…

 

 

Frau Weber, Anfang November steht der zweite beschlussfassende Regionale Begleitausschuss (RBA) auf dem Programm. Wie haben Sie als Vorsitzende des Gremiums die Wochen nach der ersten Sitzung erlebt?

 

Es gab großes Interesse, Näheres über und aus den Sitzungen zu erfahren und positives Feedback zu den Themen, die dort besprochen wurden. Die Menschen in der Region verfolgen die Entwicklungen aufmerksam, sie wollen wissen, welche Projekte bestätigt wurden. Insofern kann ich sagen, dass ich mich durchaus gefreut habe.

 

 

Nach wie vor sorgt das Thema Strukturwandel in der Lausitz für erheblichen Gesprächsbedarf – unter den Lausitzerinnen und Lausitzern direkt, aber auch unter den kommunalen Vertreterinnen und Vertretern. Zweifelsohne ist aber nach vielen Monaten, ja sogar Jahren, der Beginn dieser Entwicklung geschafft worden. Welche positiven Entwicklungen nehmen Sie wahr?

 

Zunächst einmal: Es ist doch gut, wenn Gesprächsbedarf da ist. Das Gegenteil wäre ein Problem. Wenn die Menschen im Gespräch sind und ihre Meinungen austauschen, ringen sie im besten Fall um Konsens. Das ist gelebte Demokratie. Und nur so erfährt die kommunale Ebene, was den Bürgerinnen und Bürgern wichtig ist, welche Entwicklung sie sich für ihre Heimat wünschen. Wir sind ja nicht zum Selbstzweck da. Im Gegenteil: wir sehen hier ganz klar den Auftrag der Lausitzerinnen und Lausitzer. Nicht zuletzt kommen so viele großartige Projektideen in den Pool.

 

 

Wo es gute Entscheidungen und Wege gibt, gibt es zumeist aber auch noch Nachbesserungsbedarf. Beispielsweise haben Sie mit den Entscheidungsträgern des Staatsministerium für Regionalentwicklung (SMR) und der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS) daraufhin gewirkt, dass den Mitgliedern des RBA mit etwas zeitlichem Vorlauf die einzelnen Projekte in einem kurzen Meeting vorgestellt werden. Ist das ein weiterer Schritt, um die Menschen vor Ort bzw. ihre Interessenvertreter noch mehr in den Prozess einzubinden?

 

So kann man das sehen. Ich halte es für enorm wichtig, die Prozesse transparent zu gestalten und sich nach außen zu öffnen. Wir sind Dienstleister. Und wir müssen liefern. Die Menschen in der Region müssen spüren, dass Projekte greifbar umgesetzt werden und nicht nur Papier beschrieben wird.

 

 

Die Stimmen in beiden Regionen, also sowohl in der Lausitz, als auch im Mitteldeutschen Revier werden lauter, die fordern, dass bei den Projekten künftig spezielle Themenschwerpunkte regional gesetzt werden. Welche Richtungen können Sie sich konkret für die Lausitz vorstellen?

 

Für das Mitteldeutsche Revier kann ich nicht sprechen. Für die Lausitz aber sehe ich das ganz anders. Ich finde nicht, dass wir uns da beschränken sollten. Im Gegenteil: Die Lausitz lebt von ihrer Vielfalt, das ist das Pfund, mit dem wir wuchern können und sollen. Warum darf sich das nicht auch in den Projekten spiegeln? Energiepolitisch fände ich es ebenso falsch, auf nur eine Lösung zu setzen. Wir müssen uns da in Zukunft breit aufstellen und einen Mix aus verschiedenen Quellen anbieten.

Zudem fände ich es sehr schade, wenn wir innovative, kreative Projektideen zurücksetzen müssten, nur, weil sie nicht in den Themenkatalog passen. Es ist doch immer der am besten beraten, der mehr als nur ein Ass im Ärmel hat.

 

 

Mit diesem zweiten RBA endet gleichzeitig Ihre Amtszeit als Vorsitzende des RBA. Sie werden den Staffelstab an den Landrat des Landrat Görlitz, Bernd Lange übergeben. Was werden Sie ihm mit auf den Weg geben und wie aktiv werden Sie sich künftig einbringen?

 

Bernd Lange und ich haben bis jetzt sehr kollegial und sehr konstruktiv zusammengearbeitet. Wir haben Termine und Sitzungen immer gemeinsam vorbereitet. Landrat Lange ist lange genug Lokalpolitiker und kann da auf einen eigenen, profunden Erfahrungsschatz zurückgreifen. Ich übergebe den Staffelstab also mit gutem Gefühl in die besten Hände.

 

Aber natürlich möchte und werde ich mich weiter in den Prozess einbringen und Projekte nach meinen Möglichkeiten unterstützen. Die Region ist schließlich meine Heimat, sie liegt mir am Herzen.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Weber!

„Schicht im Schacht“ hieß es ab 1986 auch in der Zeche Zollverein. Doch das Aus für die Kohleförderung war zugleich der Beginn für eine völlig neue Nutzungsgeschichte. Von einem Ort der schweren Arbeit unter Tage wandelte sich die Zeche zu einem sprichwörtlich überirdischen Musentempel für jedermann…

 

Heute ist die Zeche Zollverein ein Pulsgeber für die Kultur im gesamten Ruhrgebiet. Im letzten Teil unserer dreiteiligen Serie wenden wir uns der jüngeren Geschichte der Essener Zeche zu.

 

Teil 3: Wandelgeschichte(n)

 

Zwar wurde in der Zeche Zollverein auch in den frühen 70er Jahren weiter um die 3 Millionen Tonnen Steinkohle jährlich gefördert, aber seit der Übernahme des Bergwerks durch die Ruhrkohle AG (RAG) am Ende der 1960er Jahre gab es das Bestreben, den Förderbetrieb zu mechanisieren und rationalisieren. Mit Hilfe der Zusammenschlüsse der Zeche Zollverein mit umliegenden Fördergebieten und dem Erschließen des Flöz „Sonnenschein“, in dem die letzten Fettkohlevorräte schlummerten, konnte die Förderleistung auf knapp über 3 Millionen Tonnen im Jahr bis Anfang der 80er Jahre stabilisiert werden. Aber erneute Absatzeinbrüche sorgten dafür, dass die RAG im Jahr 1983 die Aufgabe der Zeche Zollverein beschloss.

 

Am 23. Dezember 1986 verließen letztmalig Kumpel die Zeche Zollverein – alle Anlagen bis auf die Kokerei wurden stillgelegt. Diese wurde noch bis 1993 betrieben. Die Schächte 2 und 12 werden bis heute zur Wasserhaltung genutzt, Grubenwasser hier abgepumpt und in den Fluß Emscher geleitet.

 

Bereits vor der Stilllegung der Zeche stand die Anlage in Teilen unter Denkmalschutz. Das Land Nordrhein-Westfalen kaufte der RAG das Gelände von Schacht 12 ab und sanierte es in den Folgejahren. 2001 dann die Ernennung durch die UNESCO zum Kulturerbe. Seitdem hat sich das Gelände der Zeche Zollverein gemausert: Ein Museum erinnert an die Vergangenheit der Zeche, an die einer ganzen Region und vieler, vieler Menschen. Dazu gibt es zahlreiche Umnutzungen der Gebäude, die das Gebiet lebendig halten und neue Perspektiven in das Ruhrgebiet brachten, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Die Zeche gilt als Standort der Kreativwerkstatt, Einrichtungen für Bildung, Tourismus und Freizeit – der Masterplan hierfür stammt aus der Feder von Rem Koolhaas und dem Metropolitan Office for Architecture. Unter dem Titel „RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas“ präsentierte sich das Ruhrgebiet 2010 als Europäische Kulturhauptstadt, wobei Essen diesen Titel stellvertretend für die 53 Städte des Regionalverbandes Ruhr (RVR) erhielt. Auf der Zeche Zollverein fand am 9. Januar 2010 unter dem Titel „Wandel schafft Kultur – Kultur schafft Wandel“ die Auftaktveranstaltung des Kulturhauptstadtjahres statt.

 

Bis heute steht die Zeche als Symbol des Strukturwandels im Ruhrgebiet, versucht den Charakter längst vergangener Tage mit einem neuen Charme der Moderne zu kombinieren.

Das sorbische Wort Domowina bedeutet Heimat. Mit Heimat verbindet die sorbische Gemeinschaft in Deutschland insbesondere das heute als Lausitzer Braunkohlerevier bekannte Gebiet in Sachsen und Brandenburg. Seit März 2011 ist Dawid Statnik Vorsitzender des Bundes Lausitzer Sorben – der Domowina…

 

Im Interview mit der SAS spricht Dawid Statnik über den optimistischen Blick der Sorben in beiden Bundesländern auf den laufenden Strukturwandel in der Region.

 

 

Herr Statnik, von etwa 60.000 Sorben und Wenden, die es gibt, leben etwa zwei Drittel in Sachsen, ein Drittel in Brandenburg. In der DOMOWINA organisieren sich aktuell hiervon etwa 7.500 Sorben. Den Vorsitz haben Sie seit vielen Jahren inne, wurden erst im Juni erneut gewählt und haben hierbei eben als Kern Ihres künftigen Wirkens erstmals auch das Thema Strukturwandel klar benannt. Was genau hat Sie bewogen, dieses Thema auf Ihre Agenda zu setzen?

 

Es ist der erste Strukturwandel der Region in der langen Geschichte des sorbischen Volkes, der uns wieder nach vorne bringen kann – sprachlich und kulturell. Erstmals ist das Sorbische in der breiten Öffentlichkeit und in der Fachwelt als Alleinstellungsmerkmal der Lausitz anerkannt. Das bedeutet, dass alles, was die sorbischen / wendischen Merkmale stärkt, zugleich die ganze Lausitz stark macht.

 

 

Sie sind in diesem Zusammenhang auch als beratendes Mitglied im Regionalen Begleitausschuss (RBA) der Lausitz. Was erhoffen Sie sich von diesem Gremium bzw. der Arbeit im RBA?

 

Ich erhoffe mir, dass die ganze Strukturwandel-Debatte „geerdet“ wird. Zurzeit stehen in der öffentlichen Diskussion auf der einen Seite Spekulationen um Großprojekte und auf der anderen Seite Klagen insbesondere von Seiten der Kommunen, die sich nicht genug einbezogen fühlen, im Fokus. Letztlich entscheidet die Wirksamkeit des Regionalen Begleitausschusses darüber mit, ob die Bevölkerung vor Ort den Strukturwandel als etwas wahrnimmt, in dem man selbst auch Akteur ist.

 

 

In einem Ihrer Interviews sprachen Sie davon, dass Sie es bedauern, dass der Strukturwandel der Lausitz nicht im Gesamten vollzogen wird, sondern die Länder Brandenburg und Sachsen zumindest dem Papier nach getrennte Wege gehen, um diese Jahrhundertaufgabe zu bewältigen. Wo sehen Sie hier Probleme aufkommen?

 

Wir haben zum Beispiel bei sorbischen/wendischen Projekten in beiden Ländern ein grundverschiedenes Förderregime. Uns als Gesamtlausitzer Organisation ist es wichtig, dass über die Grenzen hinweg gedacht wird. Das gilt auch für die Kooperation mit unseren polnischen und tschechischen Nachbarn. Die Lausitz ist diesbezüglich nicht allein eine sorbisch-deutsche Angelegenheit.

 

 

Wenn man versucht, Strukturwandel und den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur zusammenzubringen, wo sehen Sie Schwerpunkte, die bis 2038 gesetzt werden sollten?

 

Für uns stehen die regionalen Sprachräume im Mittelpunkt. Es gibt in allen Teilen der Lausitz Leuchttürme des Sorbisch-/Wendisch-Sprechens, deren Ausstrahlung in die Fläche wir befördern wollen. Nieder-, Obersorbisch und das Schleifer Sorbisch sind der originäre Klang der Heimat und zugleich als slawische Sprache der Schlüssel zur Verständigung mit Hunderten Millionen Menschen in unserer Nachbarschaft.

 

 

Viele Menschen gerade in der Lausitz haben die Sorge, dass der Strukturwandel nicht gelingen könnte und die Lausitz regelrecht vergessen sein wird, wenn 2038 die Kohleverstromung endet. Nehmen Sie diese Sorgen unter den Sorben ebenfalls wahr?

 

Bei den Sorben überwiegt in erster Linie natürlich die Freude über das Ende der Abbaggerung unserer Dörfer, wir haben schließlich über 130 Siedlungen durch den Braunkohletagebau verloren. Gleichwohl haben seit Anbeginn der Kohleförderung auch viele Sorben in der Kohle gearbeitet und in dieser Industrie Fortschritt und Wohlstand gesehen. Die Sorge jetzt ist, dass die Braunkohle-Industrie schneller verschwindet als ein gleichwertiger Ersatz wächst.

 

 

Thema des Strukturwandels ist neben der Thematik „Arbeitsplätze“ immer auch die Frage, wie man die Menschen in der Region halten und wie man die Zahl der Rückkehrer in die Region steigern kann. Ist das auch ein Thema der Sorben?

 

Sagen wir mal so: Wo die sorbische Sprache den Alltag prägt, ist die Abwanderung seit Anfang der neunziger Jahre geringer gewesen als woanders, weil für diese Menschen der Heimatverlust durch Umzug besonders eklatant spürbar ist. Es gibt zudem mittlerweile viele Rückkehrer, die gemerkt haben, dass man anderswo zwar mehr verdienen kann, das Gehalt aber trotzdem nicht fürs eigene Haus der Familie reicht. Ich glaube, dass die größten Hemmnisse bei der Rückkehr inzwischen weniger ökonomische, als soziokulturelle Faktoren sind. Es ist zurzeit leider nicht so, dass die Lausitz von außen als besonders weltoffen und als spannende Zukunftswerkstatt wahrgenommen wird.

 

 

Nun ist der Strukturwandel gewiss eine gigantische Aufgabe und Herausforderung, in die sich die Menschen vor Ort erst rein finden müssen. Aber gleichzeitig ist es doch für die Menschen vor Ort auch die Chance, an der Zukunft ihrer Heimat aktiv mitzugestalten. Dinge zu verbessern, die man derzeit als Defizit beklagt. Was braucht es Ihrer Meinung nach, um die Zukunftssorgen kleiner werden zu lassen?

 

Weniger Nostalgie. Verglichen mit epochalen Umbrüchen in der Vergangenheit tauschen wir Sorgen auf hoher Komfortstufe aus. Wer vor dem Hunger wegen karger Ernten als Bauer in den Bergbau geflüchtet war und dann mitansehen musste, wie zugleich alles, was ihm lieb und teuer war, von der Industrialisierung zermalmt wurde, hätte gerne unsere Debatten über Defizite in beispielsweise Mobilfunknetzen gehabt. 

 

 

Sicherlich wird es der gesamten Thematik auch nicht gerecht, nur nach vorne zu schauen, ohne die Geschichte mit einfließen zu lassen. Sie sprachen den Verlust der Heimat und gewachsener Ortschaften an. 137 Orte in der Lausitz fielen bis dato dem Kohlebagger zum Opfer. Haben Sie Ideen, wie man es schaffen kann, Zukunft und Rückschau miteinander zu verknüpfen?

 

Wir haben vorgeschlagen, mit schwimmenden Bojen an die untergegangenen Orte im Lausitzer Seenland zu erinnern. Und natürlich gehört auch eine konsequente Berücksichtigung der sorbischen Sprache in gleicher Größe wie das Deutsche im Wegweiser-System zum Standard der Lausitz, der noch längst nicht realisiert ist. Es gibt dankenswerterweise nicht nur das öffentlich zugängliche Archiv verschwundener Orte in Horno/Rogow, heute zu Forst/Baršć gehörig, nachdem das Dorf selbst den Kohlebaggern zum Opfer fiel. Sondern inzwischen gibt es auch zahlreiche Erinnerungsorte, deren Schaffung auch vom Bergbauunternehm unterstützt worden sind. Die beste Verknüpfung von Zukunft und Rückschau ist die Revitalisierung sorbischer Sprache und Kultur. 

 

 

Wir stellen fest, dass es unheimlich wichtig sein wird, die Menschen auf diesem Weg mit einzubinden – sie in die Kommunikation mit zu integrieren, ihnen zuzuhören, um Verständnis auch da zu schaffen, wo es möglicherweise gegenteilige Meinungen gibt. Sehen Sie in der Lausitz hier besondere Spannungsfelder beispielsweise zwischen den Gruppen, die dem Tagebau verbunden sind, und den Gruppen, die den Kohleausstieg gerne noch weiter beschleunigen würden?

 

Ich sehe ein grundsätzliches, inzwischen auch politisch stark artikuliertes Spannungsfeld, in dem der Kohleausstieg nur ein Thema ist, neben Corona, Migration, Gender und vielen anderen. In dieses aktuelle kulturkämpferische Getümmel stürzen wir uns als Domowina aber nicht, dafür sind wir zu nachhaltig aufgestellt, wir denken schließlich in Generationen. Wir haben, als vor zehn Jahren in beiden Bundesländern noch gewaltige Tagebauerweiterungen geplant wurden, gesagt: Wir wollen stattdessen den mittelfristigen Ausstieg aus der Kohleverstromung. Nun kommt er, und nun muss es auch mal gut sein, wir legen nicht nach. 2038 entspricht faxt exakt unserer alten Forderung, bis 2040 den Kohleabbau zu beenden.

 

 

Bis dato war die Braunkohle das Gold der Lausitz. Wenn Sie die Lausitz 2038 gestalten dürften, wie würde „Ihre“ Lausitz dann aussehen? Womit sollte der Wohlstand der Lausitz in 20 Jahren gewährleistet werden?

 

Mit Mehrsprachigkeit und IT-Programmierkunst. Es gibt auffallend viele junge sorbische IT-Spezialisten. Wir haben heute noch Webstühle, aber zu touristischen Zwecken; kein Mensch käme auf die Idee, auf diesem Weg die Bevölkerung bekleiden zu wollen. Heute wird man nicht mehr durch neue große Maschinen reich und berühmt, sondern der Erfolg liegt in Verkleinerung, Digitalisierung. „Smart“ soll Technik sein, damit sie reizvoll ist. Zur Lausitz gehört die technologische Findigkeit, so wurde der Tischcomputer von einem Sorben erfunden, Nikolaus Joachim Lehmann / Mikławš Joachim Wićaz. Ich bin überzeugt, dass die Lausitz auch in Zukunft das Zeug fürs Erfinden von Weltneuheuten hat.

 

 

Dźakuju so! Lieber Herr Statnik.

Die frühesten, schriftlichen Belege für protoindustriellen Kohlenbergbau im Ruhrgebiet liegen rund 700 Jahre zurück. In Essen begann die industrielle Förderung von Steinkohle in den 1830er Jahren als man im Westen der Stadt, genauer im Stadtteil Schönebeck, erstmals reiche Steinkohlenlagerstätten lokalisieren konnte…

 

Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Serie blicken wir auf die Blüte der Kohleförderung in Essen.

 

Teil 2: Die goldenen Jahre

 

Kennen Sie die „Europäische Route der Industriekultur“, kurz ERIH? Nein? Bei ERIH handelt es sich um ein Netzwerk der wichtigsten Standorte des industriekulturellen Erbes ganz Europas. Über 1.000 Objekte, Städte und Regionen in mehr als 40 Ländern Europas sind hier verbunden – ein Ankerpunkt Deutschlands ist die Zeche Zollverein in Essen. 1851 startete in 130 Metern Tiefe der Abbau der Steinkohle in Essen, dabei wurde die Zeche nach dem Deutschen Zollverein benannt. Das Hauptgelände des heutigen Kulturdenkmals umfasst die Schächte 12 und 1/2/8, die im Jahr 2001 zum Weltkulturerbe ernannt wurden.

 

1834 war es der Großindustrielle Franz Haniel der auf der Suche nach Kohlevorkommen für seine Stahlproduktion die unter Essen liegende Mergelschicht durchstoßen hatte und reiche Kohleflöze fand. Ab diesen Zeitpunkt hatte die Zeche ein bewegtes Dasein und setzte teilweise als größte und modernste Schachtanlage im Bergbau Maßstäbe: Zum Höhepunkt des Abbaus in den 60er Jahren wurden allein hier fast zwei Millionen Tonnen Kohle jährlich gefördert, in der Kokerei täglich etwa 10.000 Tonnen Steinkohle zu dem für die Stahlproduktion benötigten Koks veredelt. Bis dahin war das Gelände der Zeche sukzessive ausgebaut worden, um diese gigantischen Mengen fördern und produzieren zu können. Unter-, aber auch überirdisch entstanden Gebäude und Schächte und wuchsen zu einem großen Ensemble zusammen. Weithin sichtbar und als das Kennzeichen der Zeche bekannt wurde das Doppelbock-Fördergerüst von Schacht 12. Bis heute ist das Gerüst, das als Förderanlage konzipiert wurde und eine doppelte Fördermechanik hatte, eines der Wahrzeichen der Stadt Essen und des „Ruhrpotts“. Daneben gab es zu den Hochzeiten knapp 100 Gebäude, mehr als 200 technische Anlagen und Maschinen, etwa 2,7 Kilometer Bandbrücken und mehr als 13 Kilometer Rohrleitungen. Bis zum ersten Weltkrieg förderte die Zeche bereits 2,5 Millionen Tonnen Steinkohle. Durch technischen Fortschritt, Aufstocken der Mitarbeiterzahl und den Ausbau der unterirdischen Anlagen stieg bis 1937 die Fördermenge auf bereits 3,7 Millionen Tonnen. 6.900 Beschäftigte tummelten sich rund um die Zeche und Kokereien.

 

Das Ruhrgebiet pulsierte unter der Förderung des „schwarzen Goldes“, die Menschen siedelten sich rund um die Zechen an. Den 2. Weltkrieg überstand die Zeche ohne große Schäden und konnte recht zügig wieder mit der Förderung starten und schnell die Kapazitäten wieder steigern. 1953 sind es bereits wieder 2,4 Millionen Kohle – Deutschland ist mitten im Wiederaufbau und braucht die Steinkohle. In den Folgejahren wurden weitere Schächte in Betrieb genommen, Kokereien gebaut und aufgestockt – bis Ende der 60er der Bedarf drastisch zurückging und erste Zechen geschlossen wurden. Auch in der Essener Zeche ist der Niedergang spürbar. Nach und nach mussten Schächte schließen. Ab 1967 verbleibt lediglich die Förderung auf Schacht 12. 1968 wurde die Zeche Zollverein in die Bergbau AG Essen der Ruhrkohle AG überführt. Es begann das langsame Ende einer Ära und der Kampf einer ganzen Region. 

Seit 2018 ist Thomas Horn Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen. Im Interview mit der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung GmbH spricht der gebürtige Vogtländer über Chancen, Partizipationsmöglichkeiten und das Interesse internationaler Investoren an Sachsens Zukunftsrevieren.

 

Wissenswert: Dieses Jahr feiert die Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH (WFS) ihr 30-jähriges Bestehen. Seit drei Jahrzehnten bewirbt das landeseigene Unternehmen den Wirtschaftsstandort Sachsen auf der internationalen Bühne, berät potentielle Investoren von der Idee bis zur Realisierung von Ansiedlungsprojekten, unterstützt sächsische Unternehmen bei geplanten Erweiterungsmaßnahmen sowie bei Exportbestrebungen und bahnt Kooperationen an.

 

 

Herr Horn, Sie haben als Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH (WFS) sicherlich ein ureigenes Interesse daran, dass der Strukturwandel in den beiden sächsischen Tagebauregionen gelingen wird. Wie nehmen Sie die Entwicklung, die seit dem Kohlekompromiss an Fahrt gewinnt, wahr?

 

Die Lausitz und das Mitteldeutsche Revier sind dynamische Wirtschaftsregionen – mit einem starken Mittelstand, innovativen Unternehmen und kreativen Menschen, die schon einmal gezeigt haben, dass sie die Kraft besitzen, sich nach Umbrüchen – wie 1990 – neu zu erfinden. Auch wenn das Thema „Strukturwandel“ bereits im Jahr 2019 Fahrt aufgenommen hat, steht die bis ins Jahr 2038 zielende Entwicklung und Neuausrichtung der Regionen noch ganz am Anfang. Die ersten Schritte werden jetzt getan. Insbesondere die am 20. August 2021 veröffentlichte Projektliste zeigt, dass die Weichen richtig gestellt wurden. Dabei ist es wichtig, dass die Menschen und Unternehmen in den Revieren mitgenommen werden und an diesen Zukunftschancen partizipieren und diese mitgestalten können. In den nächsten Jahren wird es zunehmend entscheidend sein, Leitthemen und Schwerpunktprojekte voranzubringen, die den Unternehmen und der Bevölkerung vor Ort, aber auch neuen Investoren Perspektiven aufzeigen.

 

 

Sie haben mit der Wirtschaftsförderung Land Brandenburg, den Landkreisen der Ober- und Niederlausitz und der Stadt Cottbus vor geraumer Zeit eine Broschüre aufgelegt, die die wichtigsten Standortvorteile der Lausitz beschreibt und mit deren Hilfe sie nationale und internationale Investoren für die Lausitz suchen wollten. Wie ist da der heutige Stand?

 

Wir stehen mit zahlreichen nationalen und internationalen Unternehmen in Kontakt, die sich für eine Ansiedlung in den Strukturwandelregionen interessieren. Deshalb sind wir optimistisch, interessante Unternehmen für die Regionen zu begeistern, die auch eine Bereicherung für die lokalen Wirtschaftsstrukturen darstellen. Die Broschüre ist dabei ein Baustein in der Standortvermarktung für die Lausitz. Darüber hinaus haben wir die Webseite www.lausitz-invest.de initiiert, die in Zukunft weiter ausgebaut wird. Wichtig ist, dass Interessenten ganz einfach die für sie relevanten Fakten finden und sich von den positiven Standortfaktoren unkompliziert ein Bild machen können. Außerdem wird das Lausitz Investor Center zeitnah starten – mit einem gemeinsamen sächsisch-brandenburgischen Team, dass zentraler Ansprechpartner für Investoren und Interessierte sein wird.

 

 

Was überzeugt die Investoren und womit kann die Region bei Investoren besonders punkten?

 

Investoren treffen in Sachsen und insbesondere den Strukturwandelregionen auf qualifizierte Fachkräfte, sowohl Facharbeiter als auch Hochschulabsolventen. Zudem ist die enge Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft stark ausgeprägt. Effizient ist die verkehrsgünstige Lage mit schnellem Zugang in regionale, überregionale und internationale Märkte. Ein enormes Plus sind verfügbare Gewerbeflächen für verarbeitendes Gewerbe und Industrie sowie günstige Büroflächen für Gründer und junge Technologieunternehmen. Beide Regionen punkten mit einer hohen Lebensqualität: Bezahlbarer Wohnraum, gute Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie ausreichende Kita- und Hortplätze sowie attraktive kulturelle und touristische Rahmenbedingungen.

Zudem werden für Strukturwandelregionen besondere Fördermöglichkeiten angeboten. Der europäische Just Transition Fonds soll Unternehmen ab 2022 zur Verfügung stehen, die in Strukturwandelregionen investieren möchten. Wenn es Regionen gibt, die man als industrieaffin beschreiben kann, dann sind das die Strukturwandelregionen. Sicher ein wichtiger Pluspunkt, der diese Regionen besonders auszeichnet.

 

 

Perspektivisch soll die Lausitz eine Industrieregion bleiben und eine Hochtechnologieregion werden. Dazu soll auch die Ansiedlung von Forschungszentren beitragen. Welche Branchen sehen Sie im Fokus?

 

Ziel ist es, die Region als Zentrum der Energie- und Mobilitätswende in Deutschland und Europa zu positionieren. Die Lausitz ist seit jeher eine Energieregion, auf diese Kompetenzen kann man aufbauen und entsprechende Synergien für verschiedene Zukunftsthemen nutzen, wie Speichertechnologien, Batterien für die E-Mobilität und Wasserstoff als Energieträger der Zukunft. Entscheidend wird sein, neue Technologien und damit Wertschöpfungsketten in der Region nachhaltig anzusiedeln. Zudem haben auch Branchen abseits der Energieerzeugung Potential, wie bspw. die Glasverarbeitung in Weißwasser, die auf eine lange Historie und gewachsene Kompetenz blickt.

 

Schlussendlich – das fragen wir jeden unserer Gesprächspartner – würden wir gerne von Ihnen wissen, wie Sie sich die Lausitz im Jahr 2038 vorstellen, wenn sie von der Region ein Bild zeichnen müssten?

 

Die Lausitz bleibt Energieregion. Es haben sich starke Forschungsinstitute und Unternehmen aus den verschiedensten Bereichen der Energieerzeugung angesiedelt. In unserem Marketing taucht der Slogan „From Coal to Cool“ auf. Das beschreibt diesen Prozess sehr gut. Die Region schafft den Schritt in die Zukunft, bewahrt sich gleichwohl ihre Traditionen und bleibt authentisch. Die Lausitz wird überregional und auch international als attraktive Wirtschaftsregion mit hoher Lebensqualität wahrgenommen. Aber das Wichtigste ist: dies ist für mich kein Wunschdenken, sondern ich bin fest überzeugt, dass das auch genauso gelingen wird.

  

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Horn!

Glück auf, Glück auf; der Steiger kommt; und er hat sein helles Licht bei der Nacht…“ In den deutschen Kohlerevieren kennt diese altehrwürdigen, ursprünglich aus Sachsen stammenden Liedzeilen wohl jedes Kind. Ebenso bekannt dürfte das ikonische Fördergerüst der Zeche Zollverein in Essen sein.

 

Denn wenn man Menschen nach DEM „baulichen Symbol“ für den Steinkohlenbergbau fragt, bekommt man zumeist das als „Eiffelturm des Ruhrgebiets“ bezeichneten Fördergerüst der  Essener Zeche genannt. Die heute zum Weltkulturerbe der UNESCO zählende Anlage steht mit ihrer wechselvollen Historie für Wandel und Innovation zugleich. In einer kurzweiligen, dreiteiligen Serie wollen wir einen Blick über den „Tellerrand“ der beiden sächsischen Braunkohlereviere hinaus werfen und diesen ganz besonderen Ort vorstellen.

 

Teil 1: Schicht im Schacht

 

Während sich am 21. Dezember 2018 Millionen von Menschen in Deutschland auf die besinnlichen Weihnachtsfeiertage einstimmten, Geschenke packten und das Weihnachtsessen vorbereiteten, übergab vor den Augen von über 500 geladenen Gästen im Rahmen eines Festakts in Bottrop ein Bergmann das letzte Stück Steinkohle in der Geschichte des Steinkohlebergbaus an Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier. Damit war das Ende einer Ära besiegelt. „Schicht im Schacht“ war eines der meist gebrauchten Zitate in dieser Zeit – inhaltlich treffend ja, aber es fasste bei weitem nicht die Tragweite dieser Zäsur; weder emotional, aber schon gar nicht bezogen auf den Wandel, der mit dem Ausstieg aus der Steinkohle für viele Bergbauregionen Deutschlands einher gehen sollte.

 

Blättert man in den Geschichtsbüchern und Zeitungsarchiven, finden sich bereits Mitte der 60er Jahre erste Meldungen über den Ausstieg aus der Steinkohle. Schon damals bahnte sich langsam die Erkenntnis an, dass der Unter-Tage-Bau, der in den Jahrzehnten zuvor der Motor Deutschlands, speziell der Industrie, gewesen war, in nicht allzu ferner Zukunft enden würde. Zuvor war 1956/57 der Höhepunkt erreicht, deutschlandweit arbeiteten rund 607.000 Menschen im Steinkohlebergbau, allein im Ruhrgebiet sind es etwa eine halbe Million Menschen. 150 Tonnen Kohle wurden zu diesem Zeitpunkt gefördert, 82 % davon in den Zechen des Ruhrgebiets. Dann kam die Kohlekrise und mit ihr die ersten Zechenschließungen. Innerhalb von nur einer Dekade wurden über 100 Zechen geschlossen. An nur noch knapp 70 Orten wurde Steinkohle 1967 gefördert. Der Staat subventionierte die Kohle und versuchte Arbeitsplätze zu erhalten, aber das Ende dieser Ära war schon nicht mehr aufzuhalten.

 

2007 fällt die Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder die endgültige Entscheidung zum Steinkohle-Aus: Nach 2018 sollte es keine staatlichen Subventionen mehr geben. Diese Entscheidung besiegelt auch das Ende der letzten acht Zechen. Zuerst traf es die Zechen Walsum (Duisburg), Lippe (Gelsenkirchen) und Ost (Hamm), ehe am 30. Juni 2012 im Bergwerk Saar in Ensdorf der letzte Kumpel den Schacht verließ und somit im Saarland die Geschichte des Bergbaus endete.

 

2018 erlebte dies das Ruhrgebiet dann mit den Schächten Prosper Haniel (Bottrop) und Anthrazit (Ibbenbüren). Wo früher einst Fördergerüste, die größeren Kokereien und Industrieanlagen und zahlreiche Zechensiedlungen das Bild prägten, drohten Leerstand, Verfall und Perspektivlosigkeit. Manches wurde abgerissen und zurückgebaut, anderes umgenutzt und das eine oder andere Erinnerungsstück der Nachwelt erhalten. Es sind Zeitzeugnisse einer Ära, die einer ganzen Region Identität gaben und nun die Erinnerungen an das einstige „Schwarze Gold“ lebendig halten sollten. Erinnerungskultur traf an vielen Stellen auf Innovation – so auch in der Zeche Zollverein in Essen. Wer den Kindern, Enkeln oder Ur-Enkeln zeigen möchte, was die Steinkohle ausmachte, kommt heute an einem Besuch der Zeche nicht mehr vorbei. Das Industriedenkmal, dessen Schachtanlagen teilweise zum UNESCO-Weltkulturerbe ausgerufen wurden, ist das Denkmal des Steinkohlebergbaus schlechthin.

Seit Januar 2014 ist Christine Herntier Bürgermeisterin der Stadt Spremberg. Als langjährig tätige Ökonomin und Kommunalpolitikerin erlebt Sie den Wandel in der Lausitz hautnah und ist nicht zuletzt durch ihr Engagement in der Lausitzrunde zu einem der Gesichter der Strukturentwicklung geworden.

 

Über Ihre persönliche Motivation und die teils anstrengende und selten ohne Kritik ablaufende Arbeit für einen erfolgreichen Strukturwandel gab Christine Herntier in einem Interview mit der SAS-Redaktion Auskunft.

 

 

Frau Herntier, als Bürgermeisterin der Stadt Spremberg sind Sie bereits seit sieben Jahren im Amt und werden sich vermutlich in diesen Jahren auch intensiv mit dem Thema Strukturwandel beschäftigt haben. Womit werden Sie in diesem Zusammenhang durch Ihre Bürgerinnen und Bürger am meisten konfrontiert?

 

Am meisten konfrontieren mich die BürgerInnen mit ihren Zweifeln am Gelingen des Strukturwandels.

 

 

Nun sind wir natürlich vornehmlich mit Themen des sächsischen Teils des Lausitzer und des Mitteldeutschen Reviers beschäftigt, allerdings endet der Strukturwandel selbstverständlich nicht an den Landesgrenzen. Wie werden Sie diesem Umstand gerecht und wie funktioniert das Miteinander über Brandenburg hinaus mit den Kolleginnen und Kollegen in der Lausitz?

 

Gerade die Lausitzrunde ist der Mahner dafür, dass die Strukturentwicklung abgestimmt zwischen den Ländern Brandenburg und Sachsen erfolgen muss. Leider ist es immer wieder ein Kampf, gerade bei Ländergrenzen überschreitenden Projekten. Das muss unbedingt besser werden. Also zwischen den Bürgermeistern funktioniert das schon gut, auf Landesebene kann es noch besser werden.

 

 

Ein Gremium, das sich intensiv mit dem Lausitzer Strukturwandelprozess beschäftigt, ist die  von Ihnen bereits erwähnte Lausitzrunde. Sie sind hierin die Sprecherin der Brandenburger Kommunen. Welche Ziele haben Sie sich mit der Lausitzrunde gesetzt?

 

Die Lausitzrunde ist ein kommunales Bündnis für den Strukturwandel, welches einmalig in Deutschland ist. Wir als direkt vom Kohleausstieg betroffene Kommunen haben nicht nur Interesse an Strukturgeldern, für uns ist das Gelingen des Strukturwandels existenziell. Daher haben wir uns sozusagen verschworen, diese große Aufgabe gemeinsam zu bewältigen. Wir wollen, dass die Wertschöpfung und die Wertschöpfungsketten der Kohle- und Energieindustrie ersetzt werden durch neue, innovative Ansätze. Dafür haben wir unsere Clusterstrategie entwickelt (siehe www.lausitzrunde.com). Dort sind auch unsere Vorschläge, die Eingang in den Bericht der KWSB und in die Leitbilder gefunden haben, nachzulesen. Darüber hinaus wollen und müssen wir den demografischen Wandel stoppen und umkehren. Diesen Aspekt haben wir ebenfalls stark im Blick.

 

 

Wir hatten Mitte Juni 2021 die Gelegenheit, mit Bundeswirtschaftsminister Altmaier über den Strukturwandel zu sprechen. Im Speziellen sprachen wir darüber, dass seine Heimat, das Saarland, den Strukturwandel in einigen Teilen bereits erfolgreich bewältigt hat. Sein Credo war, dass alle voneinander lernen und sich miteinander austauschen sollten, um diese gewaltige Aufgabe im Schulterschluss meistern zu können. Schauen Sie aktiv in andere Landesteile, sprechen mit Akteuren auch dort oder haben sich vielleicht sogar vor Ort Eindrücke geholt?

 

Ja, wir sind im direkten Austausch mit den Kommunen im rheinischen und im mitteldeutschen Revier. Darüber hinaus habe ich persönlich auch an vielen internationalen Veranstaltungen teilgenommen. Mein Kollege Torsten Pötzsch, Oberbürgermeister der Stadt Weißwasser, ist besonders aktiv im Mayors Forum, in dem die europäischen Bürgermeister der Kohlereviere organisiert sind.

 

 

Spielen in Ihren Überlegungen und Planungen auch die Nachbarn aus Polen und Tschechien eine Rolle, um auch mit diesen den Strukturwandel über das bundesdeutsche Gebiet hinweg zu bewältigen? Oder sind in diesen beiden Ländern die Themen des Strukturwandels noch nicht so ausgeprägt wie in Deutschland?

 

Wir haben bereits 2016 in unserem Brief an die Kanzlerin Angela Merkel festgestellt, dass die Lausitz bestens geeignet ist, europäische Modellregion für den Strukturwandel zu werden. Die Länder haben das aufgegriffen, darauf sind wir sehr stolz. Auch die EU hat uns darauf hingewiesen, dass es notwendig ist, mehr grenzüberschreitende Projekte zu entwickeln. Aber auch das ist schwierig. Wir haben ja schon Probleme über die Landesgrenze hinaus Vorhaben zu entwickeln und umzusetzen.

 

 

Wenn man sich im Saarland mit Protagonisten des Bergbaus unterhält und diese nach ihren Erinnerungen fragt, wird man dort auch öfter damit konfrontiert, wie viele Familien unter Tage Familienmitglieder verloren haben. Welche Erinnerungen haben Sie aus der Zeit des Tagebaus in Ihrer Heimat? Welche Bilder tauchen vor Ihrem geistigen Auge als Erstes auf, wenn Sie Ihren Enkeln von damals erzählen?

 

Ich selbst und auch meine Familie habe nie im Tagebau gearbeitet. Trotzdem habe ich die Bilder vom Winter 1978/79 im Kopf wenn ich daran denke, wie schwer und auch wie gefährlich die Arbeit im Tagebau sein kann. Dieser Jahrhundertwinter war für die Bergbauarbeiter eine enorme Belastung.

 

 

In dem Buch „Wir machen das schon“ berichten Sie und Ihre Tochter, dass der Strukturwandel nicht nur bedeutet, Arbeitsplätze zu schaffen, sondern junge Menschen in der Region zu halten oder zurück zu gewinnen. Wie wollen Sie diesen Spagat bewältigen, denn in der Wahrnehmung vieler Menschen ist Strukturwandel nur darauf beschränkt, wegfallende Arbeitsplätze durch neue zu ersetzen.

 

Diese Wahrnehmung, dass Strukturwandel darauf beschränkt ist, neue Arbeitsplätze zu schaffen ist zu verkürzt. Besonders der demografische Wandel kann nur dadurch gestoppt und umgekehrt werden, wenn auch Kunst, Kultur, Bildung, Gesundheit, Kreativität einen deutlichen Schub bekommen. Dazu sind auch die Strukturmittel vorgesehen und entsprechend dieser Bedürfnisse wollen wir den Strukturwandel gestalten.

 

 

Das Thema Umweltschutz liegt Ihnen, das haben Sie ebenfalls betont, sehr am Herzen. Vor allem im Hinblick auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Die Themen Wasser, Energie und Ernährung stehen hier stark im Fokus. Welche Rolle – wenn Sie es frei festlegen könnten – wird der Lausitz hier zuteilwerden?

 

Die Lausitz ist auch eine wunderschöne Naturlandschaft, welche jetzt wieder viel mehr wahrgenommen wird. Daher sind die Themen Ressourceneffizienz, Bioökonomie und sanfter Tourismus auch sehr wichtige Zukunftsthemen für die Lausitz. Das alles haben wir in unserer Clusterstrategie entwickelt. Vielfältige Wertschöpfung ist der Schlüssel für einen gelungenen Strukturwandel. Wir dürfen es nicht zulassen, wieder „benutzt“ zu werden. Denn so war es doch. Wir sollten nur die Kohle und Energie liefern. Wie wir hier leben war egal. Das darf sich nicht wiederholen. 

 

 

Sie schildern in Ihrem Buchbeitrag auch, dass der jetzige Strukturwandel eine einmalige Chance für die Lausitz ist. Damit haben Sie auch bei der letzten Sitzung der Lausitzrunde geworben. Wie wollen Sie die Skepsis gegenüber den jetzt in Gang gesetzten Prozessen zum Strukturwandel begegnen, damit die Menschen die Angst davor verlieren und die Situation als Chance begreifen?

 

Angst ist immer ein sehr schlechter Ratgeber. Leider ist es sehr einfach, den Menschen Angst einzujagen. Und wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Wir hatten keine Chance als Lausitz. Wir sind regelrecht ausgeblutet, vor allem die jungen Menschen haben uns verlassen. Erst jetzt, wo wir Aufmerksamkeit bekommen, und nicht nur wegen dem Geld, sondern auch, weil man gerade in der Lausitz etwas Neues machen kann, sind wir interessant.

 

Spremberg/Grodk ist wie kaum eine andere Stadt vom Kohleausstieg und von den strukturellen Defiziten der ganzen Lausitz betroffen. Jetzt können wir mit dem festen Willen, für uns, für die SprembergerInnen etwas zu verbessern, zum Beispiel das Thema Bildung ganz neu angehen. Die schweren Fehlentscheidungen in den vergangenen Jahrzehnten, Spremberg/Grodk derart stiefmütterlich bei Bildungseinrichtungen zu behandeln, können nur jetzt korrigiert werden. Unsere sehr gute Zusammenarbeit mit der BTU, aber auch mit anderen Universitäten versetzt uns in die Lage, qualifizierte Projekte zu erarbeiten. Das hat es noch nie gegeben in Spremberg/Grodk, darauf bin ich stolz. Auch die Bürgerbeteiligung hat einen Schub bekommen, den viele nie für möglich gehalten hätten. Das ist ein Vorteil für die Stadt, denn das bedeutet Vielfalt. Das lockt interessante Menschen an.

 

 

Wo genau sehen Sie die speziellen Chancen der Stadt Spremberg? Für was steht Sie jetzt und wird sie 2038 stehen?

 

Spremberg/Grodk wird ein ganz wichtiger Wirtschaftsstandort im Süden von Brandenburg aber mitten im Herzen der Lausitz bleiben. Aber wir werden nicht mehr nur „ausgebeutet“, nein, wir werden uns ganzheitlich entwickeln können. In die Zukunft schauen kann ich nicht, aber ich wünsche mir und ich arbeite darauf hin, dass wir insgesamt jünger werden, dass wir wachsen, dass wir erkennen, welche Chance in der jetzigen Situation steckt und diese auch mutig ergreifen. Dazu bedarf es nicht nur eines Strukturwandels, sondern auch eines Sinneswandels. Manchmal muss man eben auch ein bisschen zu seinem Glück gezwungen werden.

 

 

Vielen Dank für das Interview, Frau Herntier.

Silke Butzlaff ist als Geräteführerin auf dem kolossalen Eimerkettenbagger im Tagebau Welzow-Süd für die Lausitz Energie Bergbau AG tätig. Sie ist eine der wenigen Frauen in diesem Beruf und sie geht diesem mit Leidenschaft seit über 30 Jahren nach. Mit dem Kohleausstieg beginnt auch für sie ein neues Lebenskapitel.

 

Im Gespräch mit der SAS gibt sie Auskunft über ihre Zukunft, ihre Sicht auf den Kohleausstieg und die Chancen die sich für ihre geliebte Lausitz beiderseits der Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg im anstehenden Strukturwandel ergeben werden.

 

 

Frau Butzlaff, Menschen, die sich mit dem Thema Strukturwandel und hierbei speziell mit den Belangen des Tagebaus in der Lausitz beschäftigen, kennen Sie inzwischen als „DIE Baggerfahrerin“ schlechthin. Können Sie uns ein wenig mitnehmen, wie das alles begann und sich in den letzten Monaten entwickelt hat?

 

Nun ja, ich bin insgesamt schon seit über 30 Jahren im Bergbau tätig und sitze im Grunde den größten Teil dieser Zeit auf ein und demselben Bagger. Es handelt sich hierbei um einen der ältesten noch im Betrieb befindlichen Eimerkettenbagger und ja, das ist wirklich vom Gefühl her mein Bagger. Diese Verbundenheit mit diesem Bagger, mit meinem Beruf, der Region und den Menschen vor Ort hat mich dazu gebracht, mich für unsere Belange verstärkt einzusetzen. Gerade auch vor dem Hintergrund des Kohleausstiegs 2038.

 

 

Wenn wir ganz an den Anfang zurückkehren, war Bagger fahren schon als Kind Ihr Traumberuf?

 

Nein. Ich habe zwar als Kind nicht mit Puppen gespielt, sondern eher mit Dingen, die für Jungs typisch sind, aber es war nicht so, dass ich davon träumte, auf einem Bagger zu sitzen, wenn ich groß bin. Das hat sich erst mit dem Ende meiner Schulzeit ergeben, als ich vor der Frage der Berufswahl stand. Und als ich dann meinen heutigen Bagger zum ersten Mal gesehen habe, da kam dieser unbedingte Wunsch auf, diesen Bagger zu steuern. Aber wirklich auch nur diesen. Und das habe ich mir dann, obwohl ich eine Frau bin und Frauen in diesem Beruf eher die Seltenheit, als die Regel sind, erfüllt und es bis heute nie bereut.

 

 

Sie sprachen eben selbst an, dass im Zuge des sogenannten Kohlekompromisses, verbunden mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung sich Ihr persönliches Engagement nochmals intensiviert hat. Was genau hat sie dazu gebracht, sich hier so stark einzubinden?

 

Zu allererst finde ich es wichtig, an dieser Stelle nochmal zu untermauern, dass auch mir natürlich die Umwelt und der Erhalt dieser wichtig ist. Mein Engagement und das meiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter stellt nicht in Abrede, dass den Umweltbelangen ein verstärktes Augenmerk gewidmet werden muss, damit auch für die kommenden Generationen ein gutes Leben auf unserem Planeten möglich sein wird. Allerdings möchten wir, dass auch die Belange unseres Berufs und der Menschen in der Region Rechnung getragen wird. Ich möchte meinen Anteil dafür leisten, dass eben das nicht vergessen wird und die Lausitz eine tolle Zukunft haben wird.

 

 

Haben Sie den Eindruck, dass das vergessen wird oder in den Überlegungen keine Rolle spielt?

 

Nein, das so pauschal zu behaupten, wäre auch nicht fair. Aber oftmals ist das Verständnis des Gegenübers nicht so stark ausgeprägt oder man hat sich nicht so wirklich intensiv mit unseren Gedanken und Sorgen auseinandergesetzt, wie man das tun könnte und wir es uns wünschen. Ich sehe aber auch, dass das ein Geben und Nehmen ist. Dieser Austausch muss natürlich von beiden Seiten gewollt sein und gesucht werden. Das kann nie einseitig funktionieren. Auch wir müssen zuhören und verstehen und am Ende muss es ein Weg sein, der für uns alle gut ist.

 

 

In einem Ihrer Interviews haben Sie angemerkt, dass es nun zwar den Plan gäbe, 2038 mit der Kohleverstromung zu enden, aber der Plan in Ihren Augen nicht zu Ende gedacht ist. Wo sehen Sie die Hauptdefizite?

 

Eine Tatsache, die wohl niemand in Abrede stellen kann, der sich ehrlich mit den Fakten auseinandersetzt, ist doch, dass Deutschland bisher auf die Kohle angewiesen ist, wenn wir keinen kompletten Blackout riskieren wollen. Die Kohle wird als Grundlast in unserem Energiesystem gebraucht. Eine echte Alternative sehe ich da bisher nicht, zumal die Regierung zuletzt ja bereits einräumen musste, dass der Bedarf an Strom noch viel höher ist und sein wird, als man bisher kalkuliert hatte. Hier braucht es Antworten.

 

 

Antworten fordern Sie mit Ihrer Initiative zum Erhalt des Tagebaus aber auch für die Zukunft der vielen Beschäftigten des Bergbaus ein.

 

Ja. Es braucht Jobalternativen, vor allem für die, deren Arbeitsleben bestenfalls noch eine ganze Weile andauern soll. Ich persönlich habe für meine Jahre bis zum Renteneintritt einen klaren Plan gefasst, aber viele meiner Kolleginnen und Kollegen wissen nicht, wohin beruflich ihr Weg führen könnte. Die Alternativen, die es für sie geben könnte, weil es Pläne dazu in der Politik gibt, sind oftmals unter den Menschen doch noch gar nicht bekannt. Da fehlt es an Kommunikation.  

 

 

Wie sieht Ihr Plan aus?

 

Ich werde natürlich bis zum letztmöglichen Tag auf meinem Bagger bleiben, lasse mich jedoch bereits jetzt auf ein anderes Modell umschulen. Mir graut aber, ehrlich gesagt, vor diesem allerletzten Tag auf meinem Bagger. Das wird sehr, sehr traurig für mich sein.

 

 

Wir hatten kürzlich ein Gespräch mit einer Vertreterin einer Jugendinitiative aus dem Mitteldeutschen Revier. Sie schilderte ebenfalls, dass es oftmals einfach daran hapert, den gegenüber und seine Wünsche und Belange zu verstehen. Sie erfahren für Ihr Engagement auch nicht nur Zuspruch. Wie gehen Sie damit um?

 

Das trifft mich selbstverständlich, schließlich stehe ich nicht für fragwürdige Ideologien oder Strömungen ein, sondern setzte mich eigentlich nur für meinen Beruf, meine Heimat und meine Mitmenschen ein. Und unser Engagement geht weit über das Thema Braunkohle hinaus. Als im Juli die furchtbare Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen war, haben wir uns sofort zu einer Hilfsaktion zusammengetan und in kürzester Zeit Spenden gesammelt und mit einem LKW nach NRW geschickt.

 

 

Sie pflegen also auch Kontakte in die anderen Braunkohlereviere?

 

Ja, wir sind wie eine große Familie und da hat es uns natürlich berührt, als wir die Bilder der Flutkatastrophe gesehen haben. Zumal im Tagebau Inden (Nordrhein-Westfalen) leider auch ein Kohlekumpel in der Flut sein Leben gelassen hat.

 

 

Wenn man nochmal auf den Strukturwandel schaut, wie nehmen Sie die Bemühungen der Länder Brandenburg und Sachsen wahr?

 

Ich denke schon, dass beide Bundesländer darum kämpfen, dass der Strukturwandel gelingen wird. Durch den Umstand, dass die Lausitz in beiden Bundesländern liegt, nimmt man manchmal wahr, was Brandenburg an Projekten umsetzen will. Tagsdrauf liest man vielleicht wieder etwas für die sächsischen Regionen. Auch wenn ich Sprembergerin bin und damit zu Brandenburg gehöre, trenne ich das emotional nicht, sondern in erster Linie bin ich Lausitzerin. Deshalb freue ich mich auch, wenn wir Zuspruch aus Sachsen erhalten oder mit uns der Dialog gesucht wird über die Landegrenzen hinweg. Schlussendlich ist der Strukturwandel in der Lausitz nur zu schaffen, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

 

 

Wir wollen ja künftig weiter Ihre Wege verfolgen und mit Ihnen in Kontakt bleiben – auch wenn der Tag ansteht, an dem Sie Ihren Bagger verlassen werden. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, welches Erinnerungsstück Sie sich mitnehmen werden?

 

Oh ja, das ist gar nicht so einfach, schließlich steckt da irgendwie auch mein ganzes Leben drin. Wer noch nicht auf so einem Gerät gewesen ist, kann sich vermutlich gar nicht vorstellen, wie es darin aussieht. Aber schlussendlich ist es ein Stück Lebensraum und wird immer ein Großteil meiner Lebensgeschichte sein. Deshalb werde ich ganz gewiss die eine oder andere materielle Erinnerung mitnehmen. Aber noch mehr sind natürlich in meinem Gedächtnis gespeichert.

 

 

Vielen Dank, liebe Silke Butzlaff, für das Interveiw!

Im dritten und letzten Teil unserer kleinen Blog-Serie zur Heuersdorfer Emmauskirche blicken wir zurück auf den rettenden aber auch höchst aufwendigen Transport des bald 800 Jahre alten Gemäuers und versuchen ein Bild von den Anstrengungen, die nötig waren um das gesamte Unterfangen erfolgreich zu beenden, zu zeichnen.

 

Teil 3 – Die Translozierung

 

Ehe am 23. Oktober 2007 das Mammutprojekt wirklich beginnen konnte, waren neben den erforderlichen Bauarbeiten an der Emmauskirche selbst auch zahlreiche Vorbereitungen auf der etwa zwölf Kilometer langen Wegstrecke notwendig. Die kürzeste Strecke barg zu viele Risiken in sich, sodass man sich entschied die Strecke über Neukieritzsch zu führen. Unter anderem zwei Bahnübergänge, zwei Flüsse, vier Brücken sowie diverse Oberleitungen galt es zu passieren. Es mussten Niveauunterschiede ausgeglichen, Plätze betoniert, Dämme aufgeschüttet und Hochspannungsleitungen angehoben oder gar ganz demontiert werden, damit der fast 1.000 Tonnen schwere Transport den Weg nehmen konnte.

 

Am Nachmittag des 21. Oktober 2007 startet dann kaum merklich das Abenteuer: Die Kletterpressen hoben das Kirchenhaus Millimeter um Millimeter aus seinem Fundament heraus. Keine der Beteiligten Firmen und Institutionen konnte zu 100% garantieren, dass das Unterfangen erfolgreich starten oder die Kirche direkt in sich zusammenfallen würde. Aber sie hielt den Belastungen stand und wurde in den folgenden Tagen auf eine 32 Meter langes und 800 PS starkes Spezialfahrzeug gesetzt. Auf insgesamt 40 Achslinien, doppelt gekoppelt und um 360 Grad drehbaren Radpaaren stand die Kirche, als sie sich am 25. Oktober 2007 um 9.55 Uhr auf den Weg in ihre neue Heimat im Stadtzentrum Bornas machte. Pünktlich und ohne Zwischenfälle erreicht der Trailer die beiden Bahnübergänge, die die Deutsche Bahn nur in engen Zeitfenstern für diesen Transport gesperrt hatte. Am Sonntag, dem 28. Oktober 2007 begleiten bei strahlendem Sonnenschein hunderte Menschen aus ganz Deutschland die Emmauskirche auf ihrer einmaligen Reise. Das „Kirchlein auf Rädern“ sorgte weit über die die Grenzen des Freistaates hinaus für Gesprächsstoff. Am 29. Oktober 2007 passierte die Emmauskirche schließlich, mit einer leichten Verspätung von 2 Tagen und in Anwesenheit des damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt, des ehemaligen Landesbischof Jochen Bohl und der damals amtierenden Landrätin Petra Köpping (ehemals Landkreis Leipziger Land), die Stadtgrenze Bornas. Nachdem die Kirche behutsam und sicher auf Ihrem neuen Platz gestellt wurde, folgten Restaurierungsarbeiten die zum Osterfest 2008 abgeschlossen werden konnten. Seither steht die Emmauskirche auf ihrem neuen Standort, dem Martin-Luther-Platz in Borna, gilt bis zum heutigen Tag als Denk- und Mahnmal für Heimat und den Braunkohletagebau in der Region rund um Borna.

 

Die Emmauskirche steht stellvertretend für all jene Projekte die dank unermesslichem Engagement vieler sowie modernster Technik und Forschung erfolgreich gelöst werden konnten und können. Sie zeigt aber auch wie wichtig Erinnerungsorte sind, und dass deren Erhalt trotz aller Widrigkeiten eine lohnende Aufgabe ist. Für den laufenden Strukturwandel im Mitteldeutschen Revier aber auch in den anderen Kohlerevieren der Bundesrepublik kann die Geschichte der Emmauskirche zweifelsohne als Vorbild und Symbol, dass genügend Motivation für künftige Mammutprojekte bietet, in jedem Falle stehen.

 

Bilder vom Transport der Emmauskirche von Heuersdorf nach Borna

Die Emmauskirche auf dem Weg nach Borna

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Im Zuge des Strukturwandels ist die Gründung zweier Großforschungszentren, eines im Lausitzer und eines im Mitteldeutschen Revier, geplant. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hatte hierfür den Wettbewerb „Wissen schafft Perspektiven für die Region!“ ausgeschrieben. Wir stellen sie vor!

 


 

1/6: Chemresilienz – Forschungsfabrik im Mitteldeutschen Revier

 

Leere Regale? Fehlende Medizinprodukte? Lieferengpässe bei Medikamenten? Das alles ist eine Folge der Abhängigkeit Europas von in Asien befindlichen Produktionsstätten. Das wurde gerade in den Anfängen der Corona-Pandemie bitter vor Augen geführt. Dem soll die im Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam erdachte Forschungsfabrik „Chemresilienz“ entgegenwirken. Wie genau? Mit nachhaltiger Kreislaufwirtschaft. Wichtige Industriezweige wie Gesundheit, Verkehr, Energie, Landwirtschaft und Konsumgüter sollen abgesichert werden durch lokale und kostengünstige Produktionsprozesse aus nachwachsenden Rohstoffen sowie mit Hilfe neuer Synthese- und Trennverfahren. Weltweit neu in Mitteldeutschland wären die frei zugänglichen und standardisierten Reaktionsdaten-Infrastruktur zur Herstellung von Chemikalien und Materialien auch in großen Mengen.

 


 

2/6: Eris – European Research Institute for Space Ressources

 

Die Lausitz zu einer Hochtechnologieregion zu entwickeln hat auch die von Forschern der TU Bergakademie Freiberg ersonnene Idee für das Großforschungszentrum „Eris“ zum Ziel. Kern der Vision ist es, Weltraumstationen auf Mond und Mars aufzubauen, ohne Kohlenstoffdioxid-Emission und ohne Abfallproduktion. Dafür aber innerhalb einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft. Klingt abgespaced? Ist es auch. Denn bislang sind die beiden Planeten noch keine Lebensräume. Sollte es aber gelingen, unter den dortigen Extrembedingungen Gebäude zu bauen, die ein Leben dort möglich machen, können diese Erkenntnisse auch auf der Erde genutzt werden für ein umwelt- und ressourcenschonendes Bauen, das auch den Folgen des Klimawandels trotzt. Weitere Informationen zu dem Projekt gibt es hier: https://bit.ly/3hkBS9U

 


 

3/6: DZA – Deutsches Zentrum für Astrophysik

 

Schier galaktische Impulse für die Lausitz sollen mittels des DZA gegeben werden. Die Idee, die hinter diesem Forschungszentrum steht, fußt auf drei Säulen: Einerseits der Bündelung und Auswertung der Daten aus aller Welt, die die künftigen Großteleskope liefern werden – modernes Green-Computing, das einen digitalen Wandel einleiten soll. Andererseits soll das Zentrum auf der bereits in der Lausitz vorhanden Infrastruktur aufsetzen und modernste Technologien wie beispielsweise Radioteleskope beinhalten. Und zu guter Letzt soll als Anknüpfen an die Bergbautradition der Lausitz in das massive Granitgestein der Region das künftige Einstein-Teleskop eingebaut und mit vielen Kilometern unterirdischen Tunneln ausgebaut werden. In der Lausitz wird somit die klassische Astronomie mit der innovativen Gravitationswellenastrophysik ergänzt. Beam us up, DZA! Weiter Informationen gibt es hier: https://www.deutscheszentrumastrophysik.de/de

 


 

4/6: CMI – Center for Medicine Innovation

 

Datenbasierte Forschung für individualisierte und personalisierte Medizin der Zukunft – das ist das Ziel des CMI, das als Idee für ein Großforschungszentrum im Mitteldeutschen Revier unter den letzten Bewerbern noch im Rennen ist. Medizintechnik, Digitalisierung und Medizindesign erstmals vereint, um von der Grundlagenforschung bis in die Versorgung der Bevölkerung hinein alles gewährleisten zu können. Auf Basis interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen sowie pharmazeutischen und medizintechnischen Unternehmen in Sachsen und Sachsen-Anhalt will das Zentrum lokale Kompetenz mit internationaler Exzellenz zusammenbringen und als Kerntreiber einer wachsenden Gesundheitsindustrie im Mitteldeutschen Revier etwa 8.000 Arbeitsplätze schaffen. Weitere Informationen zum Projekt gibt es auf der Projektwebsite: https://medicine-innovation.org/

 


 

5/6: LAB – Lausitz Art of Building

 

„Bauen neu denken“ – dafür steht die Projektidee des Institutes für Massivbau der TU Dresden zur Gründung eines Bauforschungszentrums im Herzen der Lausitz, dass das Leben und Wohnen in den Mittelpunkt stellt. Auf Basis der Erkenntnis, dass das heutige Bauen zwar einerseits eine hohe Lebensqualität sichert, aber andererseits auch verantwortlich für einen großen Ressourcenverbrauch ist, will LAB ressourceneffiziente Werkstoffe hervorbringen und adaptive sowie nachhaltige Bauwerke schaffen. Hierzu setzt man auf die Verzahnung von theoretischer Wissenschaft, praxisorientierter Forschung und den Unternehmen vor Ort und möchte somit das Bauen revolutionieren – nicht nur national, sondern global. Mehr zu LAB gibt es hier: https://bit.ly/3E4f1t2

 


 

6/6: CLAIRE – Center for Climate Action and Innovation – Research & Engineering

 

CLAIRE soll das Zentrum für Klimamaßnahmen, Forschung, Technologie und Innovation im Mitteldeutschen Revier werden. Kernpunkt der Forschung sind hierbei die Bereiche Land- und Forstwirtschaft, Wasser, Energieversorgung, Gesundheit, Mobilität und die Planung urbaner Lebensräume mit dem Ziel, sowohl den Klima- als auch Strukturwandel erfolgreich zu gestalten. Unter Einbeziehung der Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Verwaltung und der Zivilgesellschaft werden in Reallaboren Perspektiven aufgezeigt und digitale Bilder der Zukunft entworfen und getestet – quasi der digitale Zwilling der Erde. Die auf Basis dessen entwickelten Technologien sollen für neue Arbeitsplätze sorgen und eine ganze Region zukunftsfähig gestalten. Hinter dem Akronym CLAIRE verbirgt sich im Übrigen ein Konsortium aus 14 internationalen Forschungsinstituten unter Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung – UFZ. Mehr zu CLAIRE gibt es auf der Projektwebsite: https://www.ufz.de/claire/

 


 

Bildnachweise:

„Die Kirche darf nicht im Dorf bleiben“, so überschrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 25.10.2007 ihren Artikel über die Translozierung der altehrwürdigen Emmauskirche und ihren damaligen Standort das der Erweiterung des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain zum Opfer gefallene Heuersdorf.

 

Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Blog-Serie zur einzigartigen „Reise“ der Heuerdrofer Emmauskirche blicken wir auf die immense Planungsleistung zurück, die der Versetzung der Kirche nach Borna vorausgegangen ist.

 

Teil 2 – Die Planung

 

Was die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG) den Heuersdorfern als Zeichen des guten Willens und des Respekts vor ihrer Lebensleistung sowie der langen Geschichte des Ortes zugestanden hatte, entpuppte sich in der Planungsphase der Umsiedlung der Emmauskirche als heikle Mission. Noch niemals zuvor war ein solch altes Bauwerk umgezogen. Neben praktischen Fragen wie „wie stabil ist das Mauerwerk?“ und „mit welchem Gewicht hat man es hier zu tun?“, kam auch die ganz simple und moralische Frage auf: Darf ein geweihtes Gotteshaus überhaupt „so einfach“ umziehen an einen neuen Ort?

 

Mit Gottes Segen durfte die kleine romanische Saalkirche umziehen und schlussendlich klärten Machbarkeitsstudien die bautechnischen Fragen möglichst präzise auf – soweit das bei einem Projekt dieser Einzigartigkeit möglich gewesen ist. Als neuer Standort für die Wehrkirche entpuppte sich im Rahmen dieser Planungen ein Bereich im nordwestlichen Teil des Martin-Luther-Platzes in Borna, direkt neben der spätgotischen Stadtkirche.

 

Nach den archäologischen Untersuchungen der Böden an beiden Orten, um Rückschlüsse auf das derzeitige und das künftige Fundament schließen zu können, stand die Bauwerksdiagnostik im Fokus. Die Frage, wie man ein 700 Jahre altes Kirchgebäude, das aus Feldsteinen und Holz errichtet worden war, so stabilisieren kann, damit es die zwölf Kilometer lange Strecke möglichst schadlos überstünde, stand über allen Plänen. Nach erfolgten Georadaruntersuchungen legten sich die Fachleute auf das sogenannte Injektionsverfahren zur statischen Ertüchtigung fest. Dieses Verfahren war von Bauingenieuren*innen der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt worden und sollte dafür sorgen, dass Hohlräume und Risse durch speziellen Mörtelschaum auf Basis mineralischer Bindemittel ausgefüllt und damit stabilisiert werden konnten.

 

Anhebung des Gebäudekörpers und Trennung vom Fundament im Oktober 2007 © Mammoet Deutschland GmbH

 

Dazu wurden knapp 1.800 Bohrungen in der Außenwand der Emmauskirche vorgenommen. Zudem wurde die aus dem Jahre 1829 stammenden Glocken, die Orgel und das komplette bauliche und liturgische Inventar entfernt und gesichert, die Dachziegel abgedeckt und eine schlichte Dachpappe zum Schutz des Gebäudes aufgebracht. Gleichzeitig wurde die Kirche mit einer Tieflochsäge von ihrem Fundament gelöst. Zur äußerlichen Stabilisierung des Gebäudes wurden ein Stahlgitterrost als Fundament und Stahlkonstrukt zur äußeren Umspannung erstellt. Zum Anheben des Kirchenhauses werden sogenannte Kletterpressen angebracht. Nach und nach machte sich die Kirche bereit für ihre Reise.

 

Im dritten Teil werden wir die Translozierung selbst beschreiben und einen Blick auf den heutigen Standort werfen.

Wenn Orte verschwinden, geht das Leben. Was oft zwangsläufig für uns Menschen gilt, gilt nur bedingt für unsere baulichen Hinterlassenschaften. Ganz selten wird es möglich das Bauwerke dem Verschwinden entrinnen und andernorts die Erinnerung an längst Vergangenes wachhalten können.

 

Ein bis heute prägendes Beispiel hierfür ist die kleine romanische Emmauskirche des bereits vor 14 Jahren abgebaggerten Ortes Heuersdorf im Landkreis Leipzig. In einer kurzweiligen dreiteiligen Serie wollen wir die Umsetzung (Translozierung) der Emmauskirche von Heuersdorf nach Borna vorstellen um die Erinnerung an dieses außergewöhnliche Ereignis auffrischen.

 

Teil 1 – Die Vorgeschichte

 

Südlich von Leizpig im fruchtbaren Pleißetal lag die Ortschaft Heuersdorf – in ihrem Ortskern die Emmauskirche. Die urkundliche Ersterwähnung des Ortes datiert auf das Jahr 1487 unter dem Namen „Heynnersdorf“. Ein reiches Bauerndorf, umgeben von Auen mit prächtigen, alten Obstbäumen und gebaut um eine für die Region nicht untypische Wehrkirche. Ein malerisches Bild, ein Idyll – bis 1900 zahlreiche Kohlegruben ringsum entstanden.

 

Was zum Motor einer ganzen Region geworden ist, bedrohte plötzlich das fast romantisch anmutende Leben der Heuersdorfer. Die Tagebaugebiete rückten näher, die verarbeitende Industrie und die Zulieferbetriebe ebenfalls. Lange behielt sich Heuerdorf die bäuerliche Struktur. 1933 lebten in den Ortschaften Heuersdorf und Großhermsdorf, das 1935 eingemeindet wurde, zusammen 498 Einwohner. Unter der Siedlung aber lagerte das wertvolle schwarze Gold der Region, die Braunkohle. Damit war das Schicksal der Gemeinde früh besiegelt, auch wenn erst 1995 die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft mbH (MIBRAG) zusammen mit der Sächsischen Staatsregierung den Heuersdorf-Vertrag schloss. Er bildete die Grundlage der sozialverträglichen Umsiedlung. Zehn weitere Jahre kämpften die Bürger um den Erhalt ihres Ortes, mussten schlussendlich aber aufgeben. Auch ein gemeinsamer Umsiedlungsstandort konnte nie gefunden werden.

 

Etwa 80 Prozent der Heuersdorfer hatten zu Beginn des Devastierungsprozesses im Jahr 2006 ihr Heimatdorf verlassen. Vornehmlich zog es sie in das Leipziger Umland. Nach dem Hauptbetriebsplan der MIBRAG sollte das Dorf ab Ende 2007 systematisch abgebaggert und bis Ende 2010 vollständig verschwunden sein. Nachdem im Zuge der Devastierungen zahlreiche Baudenkmale dem Kohleabbau zum Opfer gefallen waren, sollte die aus dem 13. Jahrhundert stammende romanische Emmauskirche von Hoyersdorf als Wahrzeichen und Symbol einer ganzen, sich im steten Wandel befindlichen Region erhalten bleiben.

 

Anfang 2007 gewannen die Pläne zur Umsiedlung der kleinen Saalkriche an Kontur. Da sich der Tagebau Vereinigtes Schleenhain Stück um Stück näherte, war Eile geboten. Die MIBRAG nahm die in dieser Form in Deutschland einzigartige Translozierung in Angriff. Es sollte ein Unterfangen werden, das weit über die Region Beachtung fand.

 

Im zweiten Teil blicken wir zurück auf die Planungsphase für die Translozierung der Emmauskirche von Heuersdorf nach Borna.

Torsten Pötzsch ist seit 2010 Oberbürgermeister der Stadt Weißwasser/Oberlausitz und tritt neben seiner Funktion als Stadtoberhaupt als schier ruheloser Maschinist in Sachen Strukturwandel in seiner Heimat in Erscheinung. Im Interview schildert er seine Sicht auf bisher Geschaffenes und blickt dringend anzugehende Aufgaben.

 

 

Herr Pötzsch, Ende Juli besuchte einer Ihrer Amtskollegen, Jürgen Frantzen, aus dem Rheinischen Revier die Lausitz. Er hat in der Folge in einem Interview mit der SAS nur lobende Worte gefunden. Einerseits betonte er, wie toll inzwischen das Vertrauen und Verständnis der Reviere untereinander ist, aber er lobte vor allem, was in der Lausitz schon gewachsen ist und wie engagiert die Lausitzerinnen und Lausitzer das Thema Strukturwandel angehen. Was ziehen Sie ganz persönlich aus solchen anerkennenden Worten für Ihr Wirken in Weißwasser und wie kann man es schaffen, dass die Menschen in der Lausitz solche Wertschätzung auch spüren?

 

Mein herzlicher Dank für diese Einschätzung geht an unsere Freunde im Rheinischen Revier. Ich schöpfe daraus Kraft (die wir weiter brauchen werden), denn wir stehen erst am Anfang des Zukunftsprozesses der Lausitz zu einer europäischen Modellregion für einen gelungenen Strukturwandel.


Der Blick von außen auf die Lausitz/die Lausitzen ist vielmals ein ganz anderer, ein schönerer, optimistischer, anerkennender, als der von uns Einheimischen. Dies liegt aus meiner Sicht an der noch nicht verarbeiteten Vergangenheit, den Brüchen in vielen Biografien nach der politischen Wende, der Verlust von Arbeit und der eigenen Vergangenheit – die Fabrik ist abgerissen worden, die damalige Neubauwohnung, Kindergarten, Schule, Spielplatz, … sind weg. Solange diese Aufarbeitung nicht erfolgt, können viele Menschen “keinen Frieden finden“ und freier und offener nach vorn schauen. Und vielfach fehlt daher der Glaube, dass mit dem erneuten Abbau von tausenden Arbeitsplätzen in der Braunkohleverstromung diesmal Alternativen und Zukunft geschaffen werden und die Menschen nicht zu Tausenden wieder weggehen müssen – ihre Heimat verlassen müssen.

 

Für eine Zukunft der Lausitz kämpfen speziell die Vertreter/innen der Lausitzrunde (ein Bürgermeister/innen Bündnis aus Brandenburg und Sachsen) seit sechs Jahren. Der Weg bisher war kein einfacher, doch wir glauben und werden alles in unseren Kräften Stehende unternehmen, dass er am Ende erfolgreich sein wird. Wir müssen daher unsere Potentiale und die Vielfalt noch mehr nach vorn stellen, um für die Lausitz zu begeistern.   

 

 

Als Sie im Juni Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zu Gast hatten in Weißwasser/O.L., betonte dieser, dass die Strukturwandelregionen bestenfalls im Austausch miteinander stehen und voneinander lernen – auch über Landesgrenzen hinweg. Haben Sie mal den Blick in andere Regionen Deutschlands geworfen, diese bereist und Eindrücke gesammelt, wie diese Kommunen und Landkreise vorgehen? Wenn ja, was hat Sie dort beeindruckt?

 

Ja, als Lausitzrunde sind wir im stetigen Austausch mit den anderen Kohleregionen. Es gab gegenseitige Besuche, Videokonferenzen, Telefonate und Demonstrationen (vor dem Bundeskanzleramt), um voneinander zu lernen und gemeinsame Ziele im Rahmen des Wandels politischen Nachdruck zu verleihen. Der Austausch, das Verständnis, das persönliche Engagement der Akteure und das Wissen, wir sind hier in einem Boot beeindruckt immer wieder.

 

 

Als Bürgermeister der Stadt Weißwasser/O.L. müssen Sie sich sicherlich täglich mit Fragen und Problemen den Strukturwandel betreffend beschäftigen. Zuletzt war in den Medien sehr viel zu lesen, über das klimaneutrale Vorzeigestadtviertel. Können Sie uns erläutern, was Sie für Weißwasser/O.L. genau hier planen?

 

Dieses “neue“ Stadtviertel soll der Impulsgeber für unsere gesamte Stadt sein. Wir möchten mehrere Dinge im “ZEIT-Quartier“ erreichen. ZEIT steht für Zukunft, Energie, Ideale und Tradition.

 

Dem seit März letzten Jahres ansässigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) wird hier ein „Zukunfts – zu Hause“ geben. Derzeit sind die Mitarbeiter/innen auf vier Standorte in der Stadt verteilt. Das Quartier soll innovativ und zukunftsweisend sein und u.a. universitäre Einrichtungen beherbergen. Es wird ein Arbeits- und Wohnquartier entstehen, was mehr Energie erzeugen soll, als es selbst benötigt. Wir wollen zeigen, wie Freizeit, Arbeit und Wohnen zukunftsorientiert zusammenwirken kann und dies nicht in irgendeiner Großstadt, sondern in einer Kleinstadt im Revier.

 

Wir wollen verschiedene Zukunftsthemen unserer Gesellschaft hier denken und für diese Idee gewinnen wir gerade weitere Partner. Ein spannender Prozess und ein Baustein in der bereits angesprochenen europäischen Modelregion.

 

 

In der ersten Sitzung des Regionalen Begleitausschusses Ende Juni in Weißwasser/O.L., wurden einige Ihrer Vorhaben positiv beschieden. Unter anderem die Sanierung des Bahnhofes in Weißwasser/O.L. und eine Innovationswerkstatt bzw. ein FAB Labor. Was können die Bürger der Region von diesen beiden Vorhaben genau erwarten?

 

Unser Bahnhof an der Strecke nach Berlin ist das Tor in die Region – „UNESCO Welterbe Fürst Pückler Park Bad Muskau“, in den „Kromlauer Park“, zum „Bärwalder See“ und in den „UNESCO Global Geopark Muskauer Faltenbogen“. Diese Dinge sollen u.a. im Bahnhof sichtbar gemacht werden, um den Touristen/innen die Schönheit der Region näher zu bringen. Weitere Inhalte werden gerade in einem Beteiligungsprozess mit unseren Einwohnern/innen erdacht und sollen in das neue Nutzungskonzept einfließen.

 

Die Innovationswerkstatt, geprägt durch Zusammenarbeit mit lokalen Bildungsträgern, schafft einen konkreten Zugang für junge Menschen zu modernen Fertigungstechnologien. Dies ist ein neuer Ansatz bei uns. Wir wollen die Kinder und Jugendlichen bereits vor einer konkreten Bildungsorientierung abholen und eine Zukunftsperspektive zu neuen Berufsfeldern schaffen. Dies wird in die lokale Wirtschaft wirken. Wir werden somit Bildungspotentiale für moderne Technologien aufzeigen, um für technische Berufe zu begeistern und somit den Nachwuchs in diesen Firmen sichern und der Jugend bewusst die Bleibepotentiale in der Heimat aufzeigen.

 

 

Durch die verheerende Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ist der Klimawandel wieder in aller Munde. Ministerpräsident Michael Kretschmer reagierte sofort und erklärte, an den Plänen bis 2038 festhalten zu wollen. Wie stehen Sie zu den großen Themen „Strukturwandel“ und „Klimawandel“?

 

Um den Prozess des Strukturwandels erfolgreich abzuschließen, braucht es Verbindlichkeit. Dies wurde mit dem “Kohlekompromiss“ und den folgenden Gesetzen erreicht. Das Jahr 2038 steht hier fest. Auch wenn schon erste Themen, wie die Mitteldeutschland-Lausitz-Trasse (Milau) mit einem Federstrich vor einigen Tagen verschwanden, darf so nicht Strukturwandelpolitik in der Lausitz aussehen. Das stimmt mich traurig und ich kann die Menschen sehr gut verstehen, die dann meinen persönlichen Optimismus hier nicht teilen können. Der Klimawandel ist nicht nur der Ausstieg aus der Braunkohleverstromung, sondern hat viele Gesichter. Wir brauchen Zeit für unsere Neuausrichtung.

 

 

Im Zusammenhang mit dieser Diskussionen war auch in einigen Berichten darauf verwiesen worden, dass die Lausitz zunehmend mit Wasserknappheit zu kämpfen hat – auch, weil es unheimlich schwierig ist, die Gebiete, in denen die Kohle ehemals abgebaut worden ist, wieder so zu renaturieren, dass Wasser gespeichert werden kann in der Erde. Spielt das Thema Wasser in Ihren Strukturwandel-Ideen auch eine Rolle? Und wenn ja, welche?

 

Ja, dieses Thema beschäftigt uns mit unseren Stadtwerken und dem hier agierenden Wasserzweckverband „Mittlere Neiße-Schöps“. Speziell die Trinkwasserversorgung der Menschen und der Unternehmen steht derzeit im Fokus und dies größer gedacht mit weiteren Regionen der Lausitz. Das Thema Wasserressourcen wird in unserem Zukunftsthemenpark eine wichtige Rolle spielen, denn es ist eines der Zukunftsthemen und dies nicht nur für die Lausitz. 

 

 

Ein weiteres Thema, das zuletzt immer mal in der Lausitz aufgetaucht ist, ist das Thema Carbon. Das Kraftwerk Boxberg/O.L. wurde in diesem Zusammenhang als möglicher Produktionsstandort genannt, aber es wurde auch die Vision gezeichnet, in der Lausitz von der Grundlagenforschung bis zur endgültigen Verarbeitung sämtliche Teilbereiche anzusiedeln. Werden wir das auch in Weißwasser/O.L. in irgendeiner Form 2038 wiederfinden?

 

Boxberg/O.L. ist unsere östliche Nachbargemeinde und wir brauchen Innovationen. Wenn es gelingt nicht nur zu forschen, sondern auch die Ergebnisse dann in die Praxis zu überführen und die Produktion dazu hier aufzubauen bis hin zur Frage, wie ich das Carbon in die Kreislaufwirtschaft nach Gebrauch wieder einbringe, ist das auf jeden Fall ein Thema der Zukunft, auch für uns.

 

Dieses Projekt ist für mich ein Beispiel für den richtigen Strukturwandelweg. Gern mehr davon dahin, wo die Menschen leben, die heute im Tagebau und Kraftwerk arbeiten. Speziell Kraftwerksstandorte könnten nach dem Beispiel Schwarze Pumpe zu Industrieparks mit Themenschwerpunkten entwickelt werden. Wir werden das Themen Carbon und Leichtbauwerkstoffe hier in unserer Region bereits vor 2038 wiederfinden.

 

 

Neben Arbeitsplätzen in der Industrie spielen für die Lausitz auch Arbeitsplätze im Tourismus eine enorme Rolle. Während es bis 2019 die Deutschen in den Sommerferien zumeist in ferne Länder gezogen hat und die Flughäfen rappelvoll waren, sind 2020 und 2021 – bedingt durch Corona – die innerdeutschen Urlaubsgebiete nahezu ausgebucht. Ist dieser Boom, „Urlaub in Deutschland 2.0“ wie es immer mal genannt wird, in der Lausitz auch spürbar?

 

Ja, gerade im Übernachtungsgewerbe ist das spürbar. Unser Wohnmobilstandort erfreut sich großer Beliebtheit und wenn ich mit Gästen spreche, sind diese schier von der Lausitz begeistert. Die verschiedensten Landschaften (Berge, Heide, Wälder, Teiche und Seen), historische Orte, unsere Geschichte und die neuen Herausforderungen beeindrucken und daher ist und wird der Tourismus ein Baustein unserer Zukunft sein. Das Schöne daran ist, dass wir auf diese Vielfalt aufsetzen können.


Wichtig ist hier eine noch stärkere Vernetzung der Akteure und eine gemeinsame Ausrichtung und ein fließender Übergang an der Landesgrenze zu Brandenburg. Ein aktuelles Beispiel ist die Radwegebeschilderung. In Brandenburg wurde ein Knotenpunktsystem installiert und in Sachsen nicht. Wir arbeiten gerade daran, dass dieses in Sachsen weitergeführt wird. Eigentlich müssten solche Dinge selbstverständlich sein, dass die Lausitz/die Lausitzen gesamt gedacht werden.

 

Ich bin immer stolz, Gästen diese Vielfalt und auch Gegensätze (aktiver Tagebau und wenige Kilometer weiter besondere Parklandschaften zu zeigen). Wie formulierte vor einigen Jahren der Präsident der Gesellschaft, welche im spanischen Bilbao den Wandlungsprozess leitete und in Weißwasser/O.L. einen Vortrag darüber hielt: „Das ist hier bei Ihnen, wie eine Reise in die Vergangenheit (besichtigte den Muskauer Park), in die Gegenwart (besichtigte den Tagebau Nochten) und in die Zukunft (besichtigte den Bärwalder See).“

 

 

2038 soll die Kohleverstromung endgültig enden. Bestenfalls ist dann auch der Strukturwandel erfolgreich vollzogen. Wenn Sie sich die Lausitz vor Ihrem inneren Auge vorstellen, wie sieht sie 2038 aus? Welches Bild würden Sie zeichnen?

 

Eine pulsierende Region mit vielen, speziell jungen Menschen, die an den Zukunftsthemen der Menschheit arbeiten. Die Lausitz als die Region in Europa, die es geschafft hat, den Transformationsprozess so umgesetzt zu haben, dass sie als Vorbild für andere Kohleregionen und Strukturwandelthemen steht und sich Menschen aus aller Welt hier das Ergebnis dieses Erfolges anschauen kommen. Ich sehe Menschen, die nicht mehr wegen der Arbeit wegziehen müssen, sondern stolz sind, hier zu leben. Die Lausitz steht als wahre enkeltaugliche Region. Es wird überall neben dem Bilbao-Effekt vom Lausitz-Effekt gesprochen. So stelle ich mir das vor.

 

 

Vielen Dank, Herr Pötzsch, für das Interview!

 

 

Bildnachweis: Portraitbild Torsten Pötzsch © Lausitz Energie Kraftwerke AG (LEAG), Foto: Andreas Franke; entnommen mit freundlicher Genehmigung seitens der LEAG von: https://www.leag.de/de/seitenblickblog/artikel/doppelte-chance-fuer-die-lausitz/ 

Hannah Heger ist Projektmitarbeiterin beim Kinder- und Jugendring Landkreis Leipzig e.V. und dort für das Projekt CHANCE4CHANGE – Jugend gestaltet den Wandel mitverantwortlich. Der Hauptinhalt des Projekts ist die aktive Einbindung von Kindern und Jugendlichen in den Strukturwandelprozess im Mitteldeutschen Revier.

 

Im Interview mit der SAS berichtet Hannah Heger darüber welche Impulse hierfür nötig sind und wie sich junge Menschen, die den Strukturwandel in den kommenden Jahren am stärksten zu spüren bekommen werden, an das allumfängliche Thema annähern.

 

 

Unter der Überschrift „Jugend debattiert über den Kohleausstieg“ haben sich Mitte Juni einige Vertreter unterschiedlicher Jugendgruppen zusammengeschlossen. Wer genau ist bei Ihnen organisiert und wie viele Jugendliche bringen sich aktiv ein?

 

Wenn man es an Zahlen festmachen möchte, dann stehen wir noch ganz am Anfang des Projektes, deshalb lässt sich diese Frage so noch nicht beantworten. Derzeit warten wir auf die Bewilligung unseres STARK-Förderantrags, den der Kinder- und Jugendring Landkreis Leipzig gestellt hat, und werden dann intensiv einsteigen, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sich ihre Interessen mit unserem Vorhaben, sie in den Strukturwandelprozess zu integrieren, treffen. Auf Basis von Workshops, die wir im Frühsommer abgehalten haben, gibt es erste Kontakte zu Jugendlichen, vor allem haben wir schon Themen heraus kristallisieren können, die für die jungen Menschen in der Region relevant sind. Wir gehen davon aus, dass wir ab dem 4. Quartal dieses Jahres dann in die aktive Arbeit mit den unterschiedlichen Gruppen einsteigen können.

 

 

Sie sprechen davon, dass sich bereits Themen herauskristallisiert haben. Welche sind das?

 

Nun ja, man muss einfach festhalten, dass der Strukturwandel für alle gesellschaftlichen Schichten, aber eben auch für alle Altersgruppen eine große Relevanz hat. Bisher ist es allerdings so, dass die Interessen der jungen Generationen nicht die Berücksichtigung gefunden haben, die wir uns wünschen. Auch die Belange derjenigen, die sich gerade zum Beispiel in Kohlebetrieben ausbilden lassen. Wir glauben, dass ein wichtiger Baustein der Zukunft der Region, auch in politischer Hinsicht, sein muss, den jungen Leuten Perspektiven aufzuzeigen. Ihnen auch zu zeigen, dass wir ihre Belange und ihre Interessen im Blick haben und insbesondere, dass sie die einmalige Chance haben, an einem Gestaltungsprozess mitzuwirken. Vor allem für Letzteres wollen wir den Jugendlichen Mut machen und eine Sensibilisierung für die Themen des Strukturwandels schaffen, denn die sind ja näher an unser aller Alltag, als viele vielleicht denken.

 

Die Visionen der jungen Menschen werden wir noch detailliert mit ihnen erarbeiten, bisher haben Themen wie Freiräume zum selbstbestimmten Gestalten und Aufhalten, Mobilität und Wohnraum in jedem Fall eine Rolle gespielt.

 

 

Sie nehmen also quasi eine Lücke im System wahr?

 

Ja. Aber das ist, so unser Eindruck etwas, was beidseitig bedingt ist. Auf der einen Seite hat sich die Politik scheinbar noch nicht so sehr damit auseinander gesetzt, welche Bedürfnisse die Jugend hat, wo sie ihre Zukunft sieht und was es braucht, damit sie in der Region bleibt. Auf der anderen Seite wissen die Jugendlichen wiederum gar nicht, welche Projekte die Politik für sie bereits auf die Bahn gesetzt hat oder welche Visionen vorhanden sind und was geplant ist. Da fehlt es noch an einem Miteinander, einer zugänglichen Transparenz und einem Verständnis für die Belange und das Denken des jeweils anderen. Einem politischen Willen muss dann auch das Handeln und entsprechende Angebote folgen. Und genau in dieser Lücke sehen wir unser Wirken.

 

Teilweise ist die Eltern- und Großelterngeneration der heutigen Jugendlichen noch mit den Wirren und Veränderungen des Strukturwandels nach dem Umbruch 89/90 beschäftigt. Wir dürfen nicht vergessen, dass Biografien Brüche erfahren haben und Identitäten verloren gegangen sind. Damit die Heranwachsenden nicht in negative Denkschemen geraten, müssen sie bestmöglich, pro-aktiv und frühzeitig in den Strukturwandel integriert werden.

 

 

Wie genau wird Ihr Handeln aussehen? Welche Projekte und Formate schweben Ihnen da vor?

 

Wir werden insbesondere ein von jungen Leuten, wir sprechen vor allem 14- bis 27-Jährige an, mitgestaltetes Workshop-Angebot realisieren. Ein weiterer entscheidender Projektteil sind Zukunftswerkstätten. In deren Rahmen greifen die Teilnehmenden Mängel und Probleme auf,um Visionen und konkrete Projektideen zu entwickeln. Daraus sollen bestenfalls auch Projekte entstehen, die die Jugendlichen mit Unterstützung eigenständig umsetzen können. Dafür wird es auch finanzielle und politische Unterstützung brauchen.

 

Zentraler Ort wird die „Alte Rollschuhbahn“ in Bad Lausick sein. Als schon bestehender Anlaufpunkt für junge Menschen werden wir den Ort als „Zukunftslabor“ etablieren. Alles soll unter dem Motto „Jugend gestaltet den Wandel“ laufen, wir werden ganz praktische Themen, aber auch viele Aspekte im Kontext von Umweltschutz und Nachhaltigkeit aufgreifen. Schließlich sind das die Themen, die bei der jungen Generation polarisieren.

 

 

Inwiefern?

 

Teilweise gehen die Ansichten und Perspektiven an den Schulen weit auseinander. Die einen engagieren sich beispielsweise sehr stark für die Belange des Klimawandels, sind möglicherweise bei „Fridays for Future“ aktiv. Und andere beginnen womöglich eine Ausbildung bei der MIBRAG oder ähnlichen Betrieben. Wir wollen mit unserer Arbeit dafür sorgen, dass hier keine Wände entstehen, sondern wollen Austausch und Verständnis fördern, sozusagen eine Schnittstelle sein. Zwischen den jungen Leuten selbst, aber eben auch zwischen ihnen und der Politik.

 

Als Zukunftslabor werden wir Raum zum Experimentieren und sich Ausprobieren schaffen, bestenfalls entstehen im Kleinen tolle Projekte, die in größere Kontexte im Landkreis und darüber hinaus adaptierbar sind.

 

 

Sie sprachen an, dass Sie bisher die Interessen der Jugend bei den Projekten des Strukturwandels nicht so ausgeprägt sehen, wie es vielleicht sinnvoll wäre, um diese Altersgruppe in der Region zu halten. Wo genau sehen Sie da Handlungsbedarf?

 

Wenn man sich beispielsweise anschaut, was im Neuseenland geschaffen worden ist, ist das aus dem Blickwinkel des Tourismus sicherlich gelungen. Zurecht darf und soll die Region stolz auf diese Naherholungsgebiete direkt vor der eigenen Tür sein. Aber es fehlt an vielen Stellen an Möglichkeiten, dass die jungen Leute ihre Freizeit sinnvoll und mit Spaß ebenfalls dort verbringen können. Für sie fehlt es da zum Beispiel eher an Grillplätzen, Naturcamps und vor allem auch nicht-kommerziellen Sport- und Freizeitmöglichkeiten.

 

Ein weiterer Punkt, der ebenfalls dringend gelöst werden muss, ist die breite Anbindung der Orte an den ÖPNV. Momentan ist es so, dass viele Jugendliche abends zu Fuß oder mit dem Rad von Ort zu Ort unterwegs sind, um nach Hause zu kommen, weil keine Busse mehr fahren. Hier kann der Jugend mit attraktiven Lösungen entgegen gekommen werden.

 

 

Was wäre Ihrer Meinung nach denkbar, um die Jugendlichen zu erreichen?

 

Wir werden an die schon vorhandenen Strukturen und Angebote anknüpfen. Gleichzeitig scheint es ein Thema zu sein, dass bisherige Projekte nicht immer den Leuten vor Ort auch bekannt sind. Die Idee einer digitalen Plattform für Kultur-, Freizeit und Beteiligungsformate beziehungsweise Veranstaltungen könnte ein konkretes Projekt sein.

 

In Richtung Politik und Wirtschaft mangelt es in unseren Augen an direkter Kommunikation und niedrigschwelligen Informationsangeboten. Von entscheidender Bedeutung wird hierbei sein, dass wir eine Kontinuität in die Kommunikation bringen. Dass Ideen erarbeitet und in die Politik getragen werden und dann der Strom des Austauschs endet, darf nicht passieren. Das würde nur für Frust und Misstrauen sorgt. Die jungen Menschen sind aber durchaus gewillt zu zeigen, dass ihnen ihre Zukunft am Herzen liegt und sie sich einbringen wollen. Deshalb ist ein steter Austausch wichtig.

 

 

Sie sprachen an, dass es Ihrer Wahrnehmung nach vielen jungen Menschen, die vor dem Sprung ins Berufsleben stehen, an Informationen fehlt, welche Berufe in der Region zukunftsfähig sind.

 

Das ist in der Tat so. Die Region hat nun mal in erster Linie eine Historie, in der der Tagebau und die damit verbundene Industrie zu finden sind. Das wurde von Generation zu Generation weitergetragen. Die neuen Perspektiven, um die die Politik im Rahmen des Strukturwandels ringt, diese sind einfach noch nicht in der Breite der Bevölkerung bekannt. Das kann auch Teil unseres Projektes sein, neue und innovative Berufszweige vorzustellen, die es in der Region bereits gibt oder sich im Aufbau befinden. Dazu gehört auch, sich der Tatsache zu stellen, dass es Berufe gibt, die komplett von der Bildfläche verschwinden werden, auch wenn diese die Region geprägt haben.

 

Aber neben der beruflichen Zukunft geht es uns auch sehr um die Alltagsgestaltung, Freizeit und sich wandelnde Lebens-, Wohn- und Wirtschaftsformen. Wir wollen alternative, bedürfnisorientierte gemeinschaftliche und nachhaltige Lösungen und Ideen erarbeiten. Rausfinden, was die jungen Menschen und Schulabgehenden beschäftigt.

 

 

Sie sind nun aktiv im Landkreis Leipzig, also im Mitteldeutschen Revier. Stehen Sie im Austausch mit Gruppierungen anderer Strukturwandelregionen?

 

Ja, wir stehen zum Beispiel bereits im Austausch mit dem Projekt #Mission2038 aus der Lausitz und werden unser Netzwerk natürlich auch weiterspinnen. Tatsache ist ja, dass wir nicht bei allem das Rad neu erfinden müssen. Andere Regionen Deutschlands haben bereits solche Phasen des Wandels erfolgreich gemeistert, da können wir sicherlich von lernen und vom Erfahrungsschatz anderer profitieren, Dinge auf die Bedürfnisse unserer Region anpassen.

 

Wir sind auch in Kontakt mit dem Aktionskreis Strukturwandel Leipziger Land, in dem sich lokale Menschen verschiedener Berufe und Alters selbst organisieren und sich für einen bedürfnisorientierten, kreativen und solidarischen Strukturwandel engagieren. Es gibt mittlerweile einige Initiativen, die den Strukturwandel aufgreifen und wir denken eine gute Vernetzung ist das A und O um lokal sinnvoll zu handeln.

 

Letzten Endes hoffen wir, dass unser Engagement ein Modellprojekt mit Strahlkraft in andere Landkreise und Regionen Deutschlands sein kann. Schließlich ist die Jugend generell, also nicht nur bei uns, eine entscheidende Zielgruppe des Strukturwandels.

 

 

Liebe Hannah Heger, vielen Dank für das Interview!

Der Bund hat nach mehrwöchiger Prüfung keine Einwendungen gegen 54 der Ende Juni 2021 in den Regionalen Begleitausschüssen des Lausitzer und des Mitteldeutschen Reviers beschlossenen 56 kommunalen Strukturwandelprojekte erhoben. Die Fördermittel können jetzt von den Projektträgern beantragt werden.

 

»Damit können die Träger der Projekte die Förderung bei der Sächsischen Aufbaubank beantragen«, so Staatsminister Thomas Schmidt. »Es ist gut, dass jetzt Klarheit für die Träger besteht. Damit sie ihre Vorhaben zügig vorantreiben können, sollen die Förderanträge bis zum 15. Oktober 2021 gestellt werden.« Zwei weitere Projekte befinden sich derzeit noch in der Prüfung.

 

Die beiden Regionalen Begleitausschüsse (RBA) hatten im Juni 38 kommunale Projekte für das Lausitzer sowie 18 Projekte für das Mitteldeutsche Revier ausgewählt. Sie sollen in den Landkreisen Görlitz, Bautzen, Leipzig und Nordsachsen sowie in der Stadt Leipzig umgesetzt werden und sollen die mit dem Braunkohleausstieg in den kommenden Jahren wegfallenden Arbeitsplätze ersetzen.

 

Entsprechend der Vereinbarung, die der Bund und die vom Braunkohleausstieg betroffenen Länder abgeschlossen haben, hat der Bund als Geldgeber das Recht, die vorgesehenen Projekte nach der Auswahl in den Ländern noch einmal zu prüfen. Dafür gilt eine Frist von einem Monat. Das Staatsministerium für Regionalentwicklung hatte die ausgewählten Projekte dem Bundeswirtschaftsministerium Mitte Juli 2021 übermittelt.

 

Der angemeldete Gesamtumfang der nun vom Bund bestätigten Projekte beträgt rund 350 Millionen Euro.

 

 

Hintergrundinformation:
Das Projekt #61 „Sicherung Abwasserbeseitigung Elsterheide“ ist noch nicht abschließend vom Bund geprüft. Das Projekt #122 „GLASS LAB Torgau“ wurde aufgrund von bestehenden Abstimmungsbedarfen kurzfristig an den Bund nachgemeldet.

Hoyerswerda ist die größte Stadt im Nordosten des sächsischen Teils der Lausitz und war seit jeher strukturellen wie gesellschaftlichen Wandelprozessen unterworfen. Torsten Ruban-Zeh ist seit November 2020 Oberbürgermeister der von vielen umgangssprachlich “HOYWOY” genannten Stadt im Landkreis Bautzen.

 

Im Interview mit der SAS sprach er über seine Motivation sich für die einstmals über 71.000 Einwohner zählende Stadt einzusetzen und welche Weichen für einen erfolgreichen Strukturwandel gestellt werden müssen.

 

 

Herr Ruban-Zeh, Sie sind seit letztem Jahr Oberbürgermeister der Stadt Hoyerswerda und beschäftigen sich in dieser Funktion natürlich auch ausführlich mit dem Thema Strukturwandel. Welche Ziele haben Sie sich diesbezüglich gesteckt?

 

Hoyerswerda hat in dieser Phase einmalig und auch letztmalig die Chance sich wieder neu im Norden Sachsens zu positionieren. Viel zulange hat die Stadt ruhig den bisherigen Entwicklungen zugeschaut und die Initiative der mittelständischen Industrie und den Umlandkommunen zugewiesen. So kann es aber nicht funktionieren. Die größte Stadt im nordöstlichen Raum Sachsens hat nicht nur eine Verantwortung für ihre Bürger, sondern auch für die Umlandgemeinden und für die Entwicklung der nördlichen Region. Diese werden und wollen wir nun auch ausfüllen. Die Eröffnung unserer Energieleitzentrale und die Gründung unseres Lausitzwerkes, einer Tochter der VBH ist dabei ein Beginn. Das Engagement für ein Großforschungszentrum und überhaupt die Ansiedlung von Wissenschaft und Forschung stellen die Grundlage für die künftige Ansiedlung von kleinen und mittelständischen Unternehmen dar. Wir wollen mit den vorhanden urbanen Merkmalen und den zukünftigen Ansiedlungen stetig und gesund wachsen.

 

 

Die Lausitz erlebt nicht ihren ersten Strukturwandel. Sie selbst waren einige Jahre beruflich in Russland tätig, kehrten dann nach Sachsen zurück. Welche Veränderungen haben Sie nach Ihrer Rückkehr bereits wahrgenommen?

 

Das erste Mal hat es mich im Jahr 2000 nach Hoyerswerda geführt. Damals in der Funktion des Globus SB Warenhaus Geschäftsleiters. Die Stadt hatte einen enormen Abwanderungsschwund von Menschen erlebt, die sich in anderen Regionen Deutschlands um Arbeit bemühten. Viele junge Menschen hat es dabei direkt nach Ihrer Ausbildung oder zur Ausbildung in die Ferne gezogen. Was zu diesem Zeitpunkt die Stadt nicht bieten konnte, waren die Gründe wieder zurückzukehren. Aber die Stadt hat gelebt und sich gewandelt.

 

Als ich 2011 aus Russland zurückkehrte fand ich eine Stadt mit Selbstbewusstsein und Aufbruchsstimmung vor. Die Fördermittel die es für Rückbau und den Stadtumbau gab, waren größtmöglich abgeschöpft und intelligent eingesetzt. Einzig fehlte ein positives Marketing über die Stadtgrenzen hinaus.   

 

 

Was genau hat Sie dazu bewegt, sich für diese Region einzusetzen?

 

Das waren die positiven Erlebnisse mit den Menschen der Stadt aus den vergangenen Jahren. Bei uns leben Menschen, die etwas anpacken und bewegen wollen. Natürlich sind sie kritisch, was ich aber als eine zu tiefst positive Eigenschaft halte. Nur das kritische Betrachten der Realität und der Dinge erlauben uns eine Veränderung herbei zu führen.

 

 

Nun ist es ja so, dass die Lausitz in zwei Bundesländern liegt, der Strukturwandel aber an keinen Landesgrenzen Halt machen wird. Sie haben in der sogenannten Lausitzrunde mit Frau Herntier beispielsweise auch eine Vertreterin aus Brandenburg mit dabei. Wie genau kann es Ihrer Meinung nach gelingen, die Lausitz als Gesamtes zukunftsfähig zu gestalten, egal ob sächsischer oder brandenburgischer Teil?

 

Es ist wirklich sehr schade das sich Brandenburg und Sachen im Strukturwandel auf zwei verschiedene Wege begeben haben. Nun kann man dies zwar noch kritisch anmerken, wir werden es aber nicht mehr verändern können. Es gilt also nun diesen Fakt und die Kritik anzunehmen und etwas daraus zu machen.

 

Die größten Chancen haben wir dabei in der interkommunalen Zusammenarbeit von unseren Städten. Erst am 14.07.2021 konnten wir unsere Energieleitzentrale im Computermuseum Conrad Zuse in Hoyerswerda präsentieren. Zu meiner Freude waren Vertreter der verschiedensten sächsischen und brandenburgischen Kommunen sowie Frau Dr. Reinisch von der SAS, Herr Jahn GF der WRL und auch Herr Huntemann vom SMR Sachsen anwesend.

Genau die intelligente Steuerung und das Sammeln von Daten und Prozessen auf den Ebenen der Energie, Wasser und Wärme zeigt, dass es keinen Ländergrenzen für zukünftige intelligente Prozesse im Strukturwandel gibt.

 

 

Wenn man mal ein wenig über den Tellerrand hinweg schaut in die anderen Kohleregionen Deutschlands, dann muss man beispielsweise konstatieren, dass das Saarland den Wandel weg von der Steinkohle im Schulterschluss mit seinen Nachbarstaaten Frankreich und Luxemburg umgesetzt hat. Glauben Sie, dass ein solches Zusammenwirken auch mit Polen und Tschechien möglich sein wird, um grenzüberschreitende Synergieeffekte ausspielen zu können?

 

Natürlich ist dies möglich und es wird sich auch nicht anders bei den vor uns stehenden europäischen Aufgaben realisieren lassen. Die Einsicht zu einem gemeinsamen Handeln ist allerdings bei den verschiedenen Partnern noch nicht auf der gleichen Ebene vorhanden. Wir sollten uns allerdings immer wieder vor Augen führen, dass der geographische Mittelpunkt Europas in Litauen liegt. Jawohl dieser liegt in Litauen und somit befinden wir uns mit Polen und Tschechien nicht am Rand Europas und wir können den Weg nur gemeinsam beschreiten.

 

Vor drei Wochen hatten eine Delegation des tschechischen Senats und des Unterausschusses Strukturwandel bei uns in Hoyerswerda. Die Tschechen sehen uns als Vorreiter und beginnen sich damit auseinanderzusetzen. Wir werden in der Zukunft die geknüpften Kontakte nutzen, um auch gemeinsame Projekte umzusetzen.

 

Polen hingegen tut sich in den vergangenen Jahren im Allgemeinen ein wenig schwer mit der Zusammenarbeit mit deutschen offiziellen Behörden. Hier setze ich aber auf die Vernunft der Menschen. So wird auch dies noch werden.

 

 

Wo genau könnten die Stärken dieser Grenzregionen liegen?

 

Wir haben alle drei Länder die historische gemeinsame Chance, im Zentrum von Europa einen Strukturwandel zu erleben, zu gestalten und wegweisend umzusetzen. Dieser Strukturwandel wird beispielhaft für zukünftige Strukturwandel jeglicher Art (Automobilindustrie/Agrarwirtschaft u.v.m.) in ganz Europa und auf anderen Kontinenten sein. Deshalb sollten wir ihn auch gemeinsam denken, über jegliche Grenzen hinaus.

 

 

In aller Regel werden Politiker beim Thema Strukturwandel immer nach ihren Visionen gefragt. Allerdings sind doch die Erinnerungen, die Geschichten der Vergangenheit und der Menschen nicht weniger wichtig in diesem Gestaltungsprozess und sollten auch bewahrt werden. Welche Erinnerungen beispielsweise aus Ihrer Kindheit haben Sie ganz persönlich an den Braunkohletagebau?

 

Da ich in der frühen Kindheit und in der Jugend in und um Berlin herum sowie im Ausland aufgewachsen bin, sind meine Erinnerungen an die Braunkohle eher die aus den staatlichen Nachrichten. Entweder waren dies Bilder und Nachrichten von erfolgreichen Neuerschließungen und zum Beispiel dem Aufbau von Hoyerswerda oder die Anstrengungen und Entbehrungen im Winter. Hier waren regelmäßig Berichte von der Unterstützung unserer damaligen Streitkräfte zu sehen. Also kurz und knapp, Braunkohletagebau war etwas Gigantisches und furchtbar schwer und anstrengend.

 

 

Neben der Schaffung neuer Arbeitsplätze wird es enorm wichtig sein, die Menschen in der Region zu halten, bestenfalls einen Bevölkerungszuzug zu erzielen. Wie genau wollen Sie das für Hoyerswerda realisieren und wo sehen Sie das Faustpfand Ihrer Stadt? Und wie kann man unter den Menschen Vertrauen und Begeisterung entfachen, dass der Strukturwandel gelingen wird?

 

Wir haben es selbst in der Hand. Mitte Juli waren bei uns der Ministerpräsident Sachsens, Michael Kretschmer, und eine Delegation des Helmholtz-institut Rossendorf, unter Leitung des Institutsleiters Prof. Dr. Schmidt bei uns zu Besuch. Der MP verabschiedete sich mit den Worten: „Ich konnte heute Hoyerswerda mit ganz anderen Augen wahrnehmen und habe viele Potentiale erkannt“. Gemeinsam haben wir einen Katalog an Punkten erarbeitet, welche wir in den kommenden Wochen und Monaten umsetzen werden.

 

Mit den Wissenschaftlern von Helmholtz haben wir dann den Tag verbracht und Ihnen Hoyerswerda und das Umland aus vollkommen anderen Blickwinkeln gezeigt. Alle Wissenschaftler arbeiten und leben nur 45 km von uns entfernt, aber keiner hatte auch nur die geringste Ahnung von dem Potential der Stadt. Eine Kollegin war sogar regelmäßig in ihrer Kindheit hier in den Ferien zu Besuch, aber das Hoyerswerda eine Altstadt besitzt war ihr vollkommen fremd.

 

Wir können auf das Erreichte stolz sein und müssen dies nun auch in das Umland und in die Städte Deutschlands transportieren. So werden wir es schaffen das man auf uns aufmerksam wird, wir interessant für wirtschaftliche Ansiedlungen, Wissenschaft, Forschung und Lehre werden. Dies wiederum ist die Grundvoraussetzung für unsere Jugend, in der Stadt zu bleiben oder nach einer erfolgreichen Ausbildung und dem Studium hierher zurückzukehren und hier gemeinsam mit uns die Stadt und die Region zu gestalten.

 

 

Abschließend aber natürlich die Frage aller Fragen: Wenn Sie sich Hoyerswerda im Jahr 2038 vorstellen, wie wird es aussehen?

 

Eine anerkannte und starke Stadt, durch einen gesunden Mittelstand geprägt, in der Wissenschaft, Forschung und Lehre vom Kindesalter bis hin zur stetigen Erwachsenenqualifizierung beheimatet ist.

 

Ein Anker des Fortschritts in der Lausitz für die Menschen der Lausitz.

 

 

Wir bedanken uns für das Gespräch, Herr Ruban-Zeh!

Billigflüge, Last-Minute-Angebote, All Inclusive – wer sich bis zum Jahr 2020 dem Thema Urlaub gewidmet hat, kam um diese Schlagworte nicht herum. Einen Großteil der Deutschen zog es die Ferne – je weiter, desto besser. Wer in Deutschland urlaubte oder mit dem Campingwagen unterwegs war, galt als Exot.

 

Dann kam Anfang des vergangenen Jahres Corona nach Europa. Pandemiebedingt änderte sich das Urlaubs-Verhalten der Deutschen radikal. Plötzlich sind es nicht mehr die Flughäfen, die brechend voll sind, sondern die Campingplätze und Ferienhäuser und –wohnungen. Und das nicht nur in den eh schon beliebten Regionen an Nordsee, Ostsee oder in Bayern, sondern deutschlandweit. Regionen, die früher eher ein Schattendasein innehatten, sind seit letztem Jahr gefragt. Das Buchungsverhalten der Deutschen änderte sich nach den Erfahrungen aus 2020 radikal – Portale zur Vermietung von Ferienwohnungen, die sonst die erste kleine Buchungswelle um den Jahreswechsel verzeichnen, hatten bereits im Herbst des letzten Jahres eine Vielzahl an Buchungen für den Sommer 2021 registriert. So kam es, dass bereits zum Jahresbeginn für diesen Sommer beliebte Domizile komplett ausgebucht waren.

 

Deutschland macht Urlaub in Deutschland – was viele nur aus ihrer Kindheit und Jugend kannten, lebt pandemiebedingt wieder auf, ist en-vogue und schick. Viele widmen sich bewusst wieder den Sehenswürdigkeiten ihrer Heimat und erkennen die Schönheit direkt vor der Haustür. Speziell eingerichtete Social Media-Gruppen zu den jeweiligen Regionen beschäftigen sich ausschließlich damit, Sehenswürdigkeiten, aber auch Geheimtipps Interessierten zu vermitteln. Die Anzahl ihrer Mitglieder steigt täglich – viele wollen nach den langen Wochen des Lockdowns das Gefühl von Freiheit zumindest in Deutschland genießen.

 

Das spüren auch die Tourismusregionen in Sachsen. Sowohl das Leipziger Neuseenland, als auch das Lausitzer Seenland erleben einen wahren Boom. Machte man früher Tages- oder maximal Wochenendausflüge an die Seen der Region, buchen sich die Urlauber inzwischen auch eine Woche und mehr in Ferienwohnungen ein. Die Regionen haben sich hierauf inzwischen sehr gut eingestellt, bieten für jeden Geschmack etwas – ob Aktivurlaub oder reine Erholung, ob Urlaub für Paare oder Familien, die sächsischen Ferienregionen haben alles im Angebot.

 

Mitte Juli meldeten die Tourismusverbände der Region eine fast 100-prozentige Auslastung der Unterkünfte zum Zeitpunkt der sächsischen Sommerferien. In der Nähe der Seen findet sich dabei kaum noch was, erklärte Kathrin Winkler, Geschäftsführerin Lausitzer Seenland, gegenüber verschiedenen Medien. Wer auch etwas abseits der Seen sucht, kann mit Glück noch eine Unterkunft ergattern.

 

Aber nicht nur die Seen, sondern auch die Mittelgebirge locken Urlauber verstärkt an. Wer Aktivurlaub sucht, findet ihn beispielsweise im Erzgebirge. Das alles verstärkt natürlich auch die Bestrebungen, den Tourismus im Rahmen des Strukturwandels weiter auszubauen. Diejenigen, die sich neuerdings dem Campingurlaub verschrieben und Spaß daran gefunden haben, werden auch in den kommenden Jahren verstärkt in Deutschland unterwegs sein. Eine Chance für alle, die im Mitteldeutschen Revier und der Lausitz den Tourismus voranbringen wollen. Projekte, die die Tourismusbranche weiter stärken, stehen bei den Kommunen und Landkreisen auf der Agenda, damit auch nach der Pandemie Sachsen eine starke Tourismusregion Deutschlands bleibt.

Seit 100 Tagen ist Prof. Dr. Norbert Menke neben Jörg Mühlberg Geschäftsführer der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung GmbH. Im Interview schildert der gebürtige Sauerländer seine ersten Eindrücke und blickt auf kommende Aufgaben in den beiden sächsischen Braunkohlerevieren.

 

Herr Prof. Menke, Sie sind nun 100 Tage als Geschäftsführer der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS) im Amt – Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen und in die Zukunft zu blicken. Wie sind Sie aufgenommen worden bei der SAS?

Ich bin sehr herzlich, offen und sicher auch mit Neugier empfangen worden. Vom ersten Tag habe ich mich sehr wohlgefühlt. In den ersten Wochen ging es natürlich darum, die Menschen bei der SAS kennenzulernen – ihre Erfahrungen, ihre Geschichten, aber auch den Grund, weshalb sie sich dem Thema „Strukturwandel“ verbunden und vielleicht sogar verpflichtet fühlen. Ich habe ein ganz vielfältiges Team kennengelernt, interdisziplinär mit breit gefächerten Erfahrungen, die mehrheitlich aus den Strukturwandelregionen kommen und sich für eine gute Entwicklung dort einbringen wollen.

  

 

Bei Ihrem Antritt war mit Jörg Mühlberg bereits ein Geschäftsführer seit gut einem Jahr für die SAS tätig. Wie waren Ihre ersten gemeinsamen Wochen?

Der positive Eindruck, den ich aus den Gespräche bereits vor meiner Bestellung gewinnen konnte, hat sich nochmals verstärkt. Wir haben seit Mai nun sehr viel Zeit miteinander verbracht, uns gut kennengelernt und viel Vertrauen aufgebaut. Fachlich ergänzen wir uns sehr gut und decken so die breite Palette an Anforderungen ab, die an die SAS gestellt werden. Wir haben – aus unterschiedlicher Perspektive – einen gemeinsamen Standpunkt zur Entwicklung der SAS und ihrer Rolle im Strukturwandel. Das ist eine sehr gute Grundlage für unsere Zusammenarbeit.

 

Jörg Mühlberg bringt viel Erfahrung und ein breites Netzwerk in die SAS ein. Es ist sein Verdienst so eine engagierte Mannschaft für die SAS gewonnen zu haben, die sich stark mit ihrer Aufgabe identifiziert. Zudem hat er der SAS von Beginn an zu einer breiten Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verholfen. Das gilt es nun mit vereinten Kräften weiterzuentwickeln.

 

 

Bei der SAS dreht sich alles um den Strukturwandel in der Lausitz und im Mitteldeutschen Revier. Für beide Regionen müssen in den kommenden Jahren wegweisende Entscheidungen getroffen werden. Wie fühlt es sich an, Teil dieses bedeutsamen Prozesses zu sein?

Das ist eine große Verantwortung und Verpflichtung zugleich. So wie viele Kolleginnen und Kollegen in der SAS habe auch ich eine besondere Motivation, mich in den Strukturwandel in den sächsischen Revieren einzubringen. Seit über 20 Jahren bin ich beruflich in Ostsachsen und der Region Leipzig verortet, in der Energie- und Verkehrswirtschaft sowie im Umweltbereich tätig. Land und Leute liegen mir am Herzen. Für mich persönlich schließt sich mancher Kreis. Ich freue mich, dass ich an verantwortlicher Stelle meine Kompetenz und Erfahrung für eine nachhaltige Entwicklung einbringen kann. Natürlich ist dies mit enormen Anstrengungen verbunden, aber es ist auch ein einmalige Chance, etwas Zukunftsfähiges mitzugestalten.

 

 

Welche Akzente wollen Sie setzen mit Ihrem Wirken bzw. wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Wie bereits gesagt, muss es unser aller Ziel sein, dass wir eine nachhaltige Entwicklung in Gang bringen, die im besten Sinne Wirtschaft, Klimaschutz und soziale Belange in Einklang bringt. Sachsen kann gestärkt aus dem Strukturwandel herauskommen. Die Voraussetzungen dafür haben sich mit dem Strukturstärkungsgesetz deutlich verbessert. Natürlich ist eine wichtige und naheliegende Frage, wie Sachsen ein Energieland bleibt – auch nach dem Ausstieg aus der Braunkohleverstromung. Für die Energiewelt der Zukunft müssen Wasserstoff, erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung zusammen gedacht und vorangebracht werden. In allen Bereichen hat Sachsen viele zu bieten. Eine starke Hochschullandschaft, innovative Unternehmerinnen und Unternehmer und Entwicklungsflächen in beiden Revieren.

 

Wir können mit den Strukturmitteln helfen, dass vorhandene Infrastrukturen modernisiert und neue Möglichkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung geschaffen werden. Besonders wichtig ist wirtschaftsnahe Infrastruktur. Einerseits zur Entwicklung vorhandener Unternehmen. Andererseits zur Einrichtung von Reallaboren und Ansiedlung neuer Unternehmen. Meine Stärken liegen auf der Nahtstelle von Wirtschaft, Technik und Wissenschaft.

 

Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang auch die beiden geplanten Großforschungszentren, die auf den Strukturwandel des jeweiligen Reviers ausstrahlen. Maßnahmen der Strukturentwicklung von kommunaler Seite wie auch vom Freistaat müssen diese Entwicklung bedarfsgerecht und passfähig unterstützen. Dazu dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass auch die Lebensqualität in den Regionen eine wichtige Rolle für einen erfolgreichen Strukturwandel spielen wird.

 

 

Sie sprechen das Thema Lebensqualität an. Sie waren in den letzten Wochen viel unterwegs und haben wichtige Entscheider und Personen in den Revieren getroffen, haben sicherlich auch in den Regionen Eindrücke sammeln können. Was hat Sie nachhaltig beeindruckt?

Das Engagement der Menschen in den Revieren. Davon zeugt einerseits die Vielzahl an Projekten, die auf Ebene der Landkreise und Kommunen angestoßen worden sind. Andererseits belegt das Engagement der zivilgesellschaftlichen Gruppen und Interessenvertretungen, die nicht zuletzt in den regionalen Begleitausschüssen am Strukturwandel mitwirken, diesen Umstand. Ich bin überzeugt, dass die Menschen in den Revieren den Wandel zunehmend als Chance begreifen und Vertrauen in den Prozess aufbauen. Dabei kann die SAS durch ihre Arbeit vor Ort einen wichtigen Beitrag leisten.

 

Ganz objektiv betrachtet: Sachsen hat ein enormes Potenzial. Sowohl in den eben angesprochenen Bereichen der Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch in Themen, die die Lebensqualität betreffen wie beispielsweise Kultur, Kunst, aber auch Gesundheit. Unsere Aufgabe ist es jetzt, auf dieser Basis den Menschen zuzuhören, sie einzubinden und Lösungen zu finden, um allen Anforderungen, die der Strukturwandel nun an die Regionen stellt, gerecht werden zu können.

 

Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang auch, dass wir klar vermitteln, dass es sich um einen langfristigen Prozess handelt bei dem die Grunsätze gelten: „Klasse vor Masse“ und „Qualität vor Schnelligkeit“. Es gilt, die Vorhaben auszuwählen und zu priorisieren, die den Zielen des Strukturwandel besonders dienlich sind. Dazu ist in meinen Augen auch die interkommunale Kooperation bedeutsam – innerhalb der Reviere und auch über die Landes- und Bundesgrenzen hinweg. Dies gilt in besonderer Weise für die Lausitz, als ein Vernetzungsraum in zentraler europäischer Lage und Nachbarschaft zu Tschechien und Polen.

 

 

Wenn wir uns mit dem Strukturwandel beschäftigen, kommen wir an den globalen Herausforderungen des Klimawandels nicht vorbei. Wo sehen Sie hier Ansätze, beides in Einklang zu bringen?

Die aktuellen Ereignisse zeigen uns ganz deutlich auf, dass der Klimawandel bereits im vollen Gange ist. Starkwetterereignisse und Flutkatastrophen treten in immer kürzeren Zeitabständen auf, das lässt sich nicht mehr weg diskutieren. Die Verschärfung der Klimaziele in Europa ist grundsätzlich richtig, auch wenn wir alle natürlich wissen, welche enormen Herausforderungen auf die Schlüsselindustrien in Deutschland zukommen. Wir müssen gemeinschaftlich Lösungen finden, den Wohlstand zu mehren und klimaneutral zu werden, ohne Einbußen bei der Versorgungssicherheit zu erleiden. Sachsen und Mitteldeutschland können und sollten eine führende Modellregion sein für eine wirtschaftlich erfolgreiche Transformation hin zur Klimaneutralität. In vielen Bereichen gibt es bereits heute Ansätze dafür: Ostdeutschland ist beispielsweise die weltweit führende Region in der Nutzung erneuerbarer Energie. Ebenso erwähnt werden muss die batterieelektrische Mobilität in Deutschland, auch hier gehören wir zu den diese Entwicklung prägenden Nationen, was die industrielle Basis im Land schon gestärkt hat, aber auch künftig weiter bestimmen wird.

 

Weitere zukunftsfähige Handlungsfelder sind der Aufbau einer industriellen Wasserstoffwirtschaft, der Ausbau der Kreislaufwirtschaft mit Fokus auf Zukunftsthemen wie der Wiederverwertung von Verbundfaserstoffen oder Batteriezellen. Und schließlich bietet die Gesundheitswirtschaft enorme Potentiale für Beschäftigung und Wertschöpfung.

 

Nicht außer Acht lassen darf man allerdings, dass in allen Bereichen die Digitalisierung und Mikroelektronik eine zentrale Rolle spielt. Auch dem müssen wir weiter gerecht werden, denn Klimaschutz erfordert Hochtechnologie und der Strukturwandel bietet Sachsen die Chance, im Hinblick auf den Klimaschutz vorhandene Stärken weiter auszubauen und zukunftsfähige Wirtschaftsbereiche zu erschließen.

 

 

Wo sehen Sie die Rolle der SAS in diesem Prozess genau?

Die SAS ist ein landespolitisches Gestaltungsinstrument zur Strukturentwicklung. Das Unternehmen handelt im Auftrag der Landespolitik unter den Maßgaben der unterschiedlichen Ressorts mit dem Ziel, den Prozess des Strukturwandels positiv zu begleiten: von der Idee zu einem Projekt bis hin zur erfolgreichen Realisierung. Wir helfen den Projektträgern, eine Idee verfahrenssicher in praktisches Handeln zu überführen und achten hierbei auf den Beitrag der Projekte zu den landespolitischen Entwicklungsschwerpunkten. Als Kompetenzzentrum für Strukturentwicklung ist die SAS Partner für alle politischen Ressorts. Andererseits agiert das Unternehmen als Förderlotse und Programmberater für Kommunen und Landkreise in ihrer Rolle als Projektträger im Strukturwandelprozess.

 

 

Viele Menschen in den Revieren sorgen sich darum, ob der Strukturwandel gelingen kann und wird. Was möchten Sie diesen Menschen sagen?

Der Strukturwandel kann nur gelingen mit den Menschen vor Ort. Er bietet die Chance für gute Arbeit in zukunftsfähigen Wirtschaftsbereichen und die Verbesserung der Lebensqualität. Der politische Wille und die finanzielle Unterstützung, die Reviere zukunftsfest umzugestalten, waren wohl nie größer als heute und sind wichtige Grundlagen, damit der Strukturwandel gelingt. Noch wichtiger ist das Vertrauen der Menschen in diese Entwicklung und deren Engagement für diesen Veränderungsprozess. Wir wollen kurzfristig gute Projekte in die Umsetzung bringen, die den Wandel erkennbar machen. Genauso wichtig ist allerdings auch eine mittel- und langfristige Perspektive, die aufzeigt, wohin der Strukturwandel geht. Als SAS wollen wir diesen Prozess begleiten und mitgestalten: Gemeinsam mit den Menschen vor Ort, den Kommunen und Landkreisen, sowie im Einklang mit den Maßgaben der Landespolitik.

 

Vielen Dank für das Interview, Herr Menke!

 

Bild: Portrait Norbert Menke © Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

Das Museum im Herzen des von seinen Einwohnern einstmals „Zwiebelborne“ genannten Städtchens präsentiert die prägenden Säulen der Stadtgeschichte. Dazu gehört auch das zentrale Thema Braunkohle, welchem sich die frisch modernisierte Dauerausstellung „GlückAuf! – 200 Jahre Kohlebergbau im Bornaer Revier“ widmet.

 

Mehr als 200 Jahre liegen die Anfänge des Bornaer Tagebaus zurück. Die Nachwirkungen des Braunkohlebergbaus prägen bis heute das Bild der Stadt inmitten der nordwestsächsischen Kulturlandschaft. Von der Entstehung der Braunkohle über die Anfänge der Nutzung, die Vielfalt der Produkte bis zum Kohleausstieg wird die Entwicklung dieses bedeutenden Industriezweigs auf 80qm² Ausstellungsfläche anhand spannender Exponate abgebildet. Neben vielen originalen Objekten, wie beispielsweise ein Pressestempel der Brikettfabrik oder auch Siebdruckschablonen der Umweltbewegung in der DDR, werden auch erstmals die kunstvoll gestalteten Seiten des Ehrenbuchs aus dem Kombinat Espenhain in einer digitalen Präsentation zugänglich gemacht. Besonderer Blickfang ist der nachgebaute Tiefbaustollen aus der Zeit um 1870. Darüber hinaus zeigt das Museum auch wie der 2. Weltkrieg sich auf die Entwicklung des Braunkohlebergbaus und die kulturellen und sozialen Begleiterscheinungen des Bergbaus auswirkte. Dazu gehören selbstverständlich auch die Erinnerungen an devastierte Orte wie Heuersdorf, dessen romanische Emmauskirche 2007 nach Borna auf den Martin-Luther-Platz versetzt worden ist, ehe 2009 Heuersdorf dem Braunkohleabbau weichen musste. Bis heute gilt die translozierte Wehrkirche als eindrückliches Symbol des Bergbaus der Region.

 

In seiner Gesamtheit zeigt das Museum, dass die Region um Borna schon immer verschiedensten Strukturwandelprozessen unterworfen war und sich in steten Umwälzungen stets behaupten konnte. Ein Besuch der Stadt und natürlich des Museums lohnt sich in jedem Falle. Weitere Informationen zum Museum sowie zu den Öffnungszeiten und Preisen gibt es hier: https://www.museum-borna.de/

 

Bild: Nachbau Tiefbaustollen © Museum der Stadt Borna

Jürgen Frantzen ist Bürgermeister der Landgemeinde Titz in Nordrhein-Westfalen. Seinen Sommerurlaub verbrachte der Rheinländer zusammen mit seiner Frau in der Lausitz. Wir trafen Ihn auf seiner Stippvisite beiderseits der Landesgrenze zwischen Sachsen und Brandenburg.

In einem launigen Interview teilte er seine Gedanken zum Strukturwandel in den deutschen Braunkohlerevieren, zu ehrgeizigen Klimazielen und zu den Gründen weshalb die Lausitz stolz auf sich sein sollte.

 

 

Herr Frantzen, Sie sind Bürgermeister der Landgemeinde Titz im Norden des Landkreises Düren in Nordrhein-Westfalen. Hambach und Garzweiler sind die Tagebaugebiete, die in der unmittelbaren Nähe Ihrer Heimat zu finden sind – folglich sind auch Ihre Bürgerinnen und Bürger vom Strukturwandel kernbetroffen. Wie ist bei Ihnen im Rheinischen Revier der aktuelle Stand?

Bei uns in Nordrhein-Westfalen werden Projekte im Rahmen des Strukturwandels etwas anders qualifiziert als hier in Sachsen. Statt des Scoring-Verfahrens nutzen wir ein sogenanntes Sterne-Verfahren. Hierbei handelt es sich um ein mehrstufiges Verfahren zur Qualifizierung von eingereichten Projekten im Rahmen des Starterpakets Kernrevier. Einige Projekte haben im ersten Halbjahr 2021 bereits den dritten Stern erhalten. Den dritten Stern gibt es dann, wenn für das Vorhaben ein Förderzugang identifiziert werden konnte. Ganz entscheidend ist aber bei uns auch, dass die Relevanz für den Strukturwandel eindeutig gegeben sein muss. Insofern hat auch bei uns der Strukturwandel begonnen und nimmt an Fahrt auf.

 

 

Seit Sie vor zwei Jahren mit einigen Amtskollegen die Lausitz bereist haben, unterhalten Sie einen engen Draht in die Region. Wie kann man sich den Austausch zwischen Ihnen vorstellen?

Wir telefonieren gewiss nicht wöchentlich miteinander, aber wir nutzen jede sich bietende Möglichkeit, um miteinander in Kontakt zu treten und zu bleiben. Einerseits lernen wir voneinander, aber – und das halte ich für noch viel wichtiger – haben wir es geschafft, durch den persönlichen Austausch ein Verständnis für die Bedürfnisse der jeweils anderen Region zu entwickeln. Als 2017 der Prozess des Strukturwandels auf politischer Ebene startete, war eine meiner großen Sorgen, dass es ein Ost gegen West und umgekehrt der diversen Tagebauregionen geben könnte, da es zwar dem Grunde nach Gemeinsamkeiten gibt, aber jede Region für sich doch ganz individuelle Bedürfnisse und auch eine ganz unterschiedliche Historie hat. Durch persönliche Treffen und Gespräche ist wirklich ein tragfähiges Miteinander gewachsen und wir schätzen uns sehr. Das haben wir gerade in den letzten Wochen nach der Flutkatastrophe gespürt.

 

 

Inwiefern?

Wir haben ganz viele Nachrichten unserer Lausitzer Amtskollegen erhalten und Hilfe erfahren, was von einer hohen gegenseitigen Wertschätzung zeugt. Mein Kollege Sascha Solbach hat allein aus Weißwasser und Spremberg zwei große LKWs mit Sachspenden in Empfang genommen, was auf die Initiativen der Lausitzer Bürgermeister und Organisationen der Tagebaureviere zurückzuführen war. Das hat uns sehr berührt und zeigt echte Solidarität.

 

 

Gibt es Dinge, die Sie an der Lausitz und dem Umgang der Lausitz mit dem Thema Strukturwandel nachhaltig beeindruckt haben oder Dinge, von denen Sie sagen würden „das kann ich mir auch bei uns gut vorstellen“? Wenn ja, was genau?

Eines möchte ich hier ganz klar sagen und vorweg schicken: Die Lausitzerinnen und Lausitzer können sehr stolz sein auf ihre Lebensleistung. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten wird diese Region nun zum zweiten Mal einen Strukturwandel erleben und – da bin ich mir sehr sicher – erfolgreich gestalten. Das ist eine absolute Leistung und ich finde es überaus bemerkenswert, wie engagiert die Menschen der Region das angehen und umsetzen. Diese Identifikation mit ihrer Heimat und auch ihrer Historie ist beeindruckend. Und wenn Sie mich fragen, was ich mir auch bei uns gut vorstellen kann, sticht mir vor allem hier in der Lausitz überall ins Auge, dass Elemente des Tagebaus erhalten bleiben. Damit wird dieser Geschichte und Identität einer ganzen Region und ganzer Generationen der Menschen hier Rechnung getragen. Daran sollten wir uns auf jeden Fall ein Beispiel nehmen.

 

 

Nun sind die geologischen Gegebenheiten der beiden Reviere durchaus unterschiedlich. Um im Rheinischen Revier an die Braunkohle zu kommen, müssen Sie sehr viel tiefer graben, als das in der Lausitz der Fall ist. Welche Folgen hat das für die Umsetzung des Strukturwandels, für die Renaturierung und auch für Ihre zeitliche Planung, wenn man bedenkt, dass spätestens 2038 die Kohleverstromung enden soll?

In Welzow Süd konnte ich mir einen Einblick holen, wie ein Tagebaugebiet hier aussieht. Auffallend ist wirklich, dass wir in unseren Revieren sehr viel tiefer graben müssen. Dadurch haben wir in der Umsetzung des Strukturwandels einen zeitlich anderen Ablauf. Eine Seenregion wie das Lausitzer Seenland, das ich heute hier schon bestaunen kann, ist für uns Zukunftsmusik, weil wir etwa 30 bis 40 Jahre brauchen, um einen einzigen See zu fluten. Da sind unsere Voraussetzungen anders, vielleicht sogar komplizierter als in der Lausitz.

 

 

Nachdem Sie, wie eingangs erwähnt, beruflich vor einiger Zeit in der Lausitz waren, haben Sie vergangene Woche mit Ihrer Frau eine Tour durch die neuen Bundesländer gemacht und unter anderem auch in der Lausitz ein Wochenende verbracht, sich die Seenlandschaft und einige andere Sehenswürdigkeiten angeschaut. Der Tourismus wird für diese Region in Zukunft eine enorme Bedeutung spielen. Wo setzen Sie im Rheinischen Gebiet die Schwerpunkte bezüglich des Strukturwandels?

Wir setzen – da unterscheiden wir uns vermutlich nicht von den Revieren hier – auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze in Industrie und Gewerbe, auf die Forschung, auf den Tourismus und neue Energien. Höchste Priorität hat klar der Erhaltung bzw. die Schaffung von Arbeitsplätze, und zwar aus drei Gründen. Der erste ist, dass wir bis zum Ausstieg aus der Kohleverstromung 30.000 Arbeitsplätze entweder direkt im Tagebau und den Kraftwerken bzw. bei den Zulieferern verlieren werden. Das Verhältnis ist dabei 1:2, also auf einen Arbeitsplatz bei RWE kommen zwei Arbeitsplätze in den Zulieferbetrieben. Die Folgen für die direkt Beschäftigten werden vermutlich aufgefangen und abgefedert, aber bei den Zulieferbetrieben wird es wohl kaum Sozialpläne geben. Der zweite Grund ist, dass zu diesen wegfallenden Arbeitsplätzen, die wir auffangen müssen, auch Arbeitsplätze für die Menschen geschaffen werden müssen, die aus den boomenden Städte wie Düsseldorf, Köln und Aachen in unsere Region ziehen. In deren Speckgürtel siedeln sich – und zwar bei uns – sehr viele junge Familien an, denen wir auch berufliche Perspektiven liefern müssen. Und der dritte und letzte Grund ist, dass wir – und das muss man neidlos anerkennen – was den Tourismus angeht der Lausitz derzeit noch hinterher hinken. Wir möchten selbstverständlich den Tourismus auch in unseren jetzigen Tagebauregionen ansiedeln, aber da stehen wir noch ganz am Anfang. Das haben wir auf dem Plan, ist aber noch Zukunftsmusik. Insofern liegt unser Augenmerk auf der Schaffung der Arbeitsplätze.

 

 

Gibt es hier schon nennenswerte Projekte?

Ja, da würde ich z.B. den Brainergy-Park in Jülich nennen. Er gilt als überregionales Leuchtturmprojekt für den rheinischen Strukturwandel. Hier haben die Kommunen Jülich, Niederzier und Titz, meine Landgemeinde, auf 52 ha ein an Nachhaltigkeitsgrundsätzen orientiertes interkommunales Gewerbegebiet ausgewiesen. In den Fokus stellen wir hier die Themen Energie, Digitalisierung und Agrartechnologie, mit denen wir die Schnittstellen zwischen Forschung und Wirtschaft beleben wollen. Mit dem Projekt schaffen wir etwa 2000 bis 2200 Arbeitsplätze. Auch erwähnenswert ist, dass beispielsweise die RWTH Aachen Forschungsprojekte anschiebt in den entsprechenden Regionen, die ebenfalls dem Strukturwandel dienen sollen. Aber angesichts der hohen Zahl der wegfallenden Arbeitsplätze – ich nannte eben die Zahl 30.000 – wird eine Entwicklung nur an einem Standort nicht reichen. Es bedarf weiterer Projekte, die derzeit engagiert in den 20 Kernkommunen vorangetrieben werden. Unsere „Fallhöhe“ ist groß; daher arbeiten wir interkommunal im Rheinischen Revier eng zusammen.

 

 

Sie sprechen das Thema „neue Energien“ an. Wir hier im Osten haben in den letzten Wochen natürlich auch die furchtbaren Bilder der Flutkatastrophe aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gesehen. Vom Tagebau Inden war zu lesen, dass das Abbaugebiet schwer in Mitleidenschaft gezogen worden ist und unter den Bergbauleuten hier im Osten, aber vor allem auch eben in den von der Flut betroffenen Gebieten die Sorge wächst, dass das Ende des Tagebaus vorgezogen werden könnte. Wie verfolgen Sie diese Diskussion?

Nun ja, dass im Zuge solcher furchtbaren Katastrophen die Ursachenforschung betrieben wird, halte ich für ganz normal. Aber ich sehe nicht, dass wir den Kohleausstieg nach vorne ziehen und kann auch gerne begründen, weshalb. 2019 lagen die Gesetze zum Kohleausstieg auf dem Tisch und als sie 2020 verabschiedet wurden, wurden – über die wertvolle Vorarbeit in der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, der sogenannten „Kohlekommission“, an der auch die Wirtschaft und Umweltorganisationen beteiligt waren – die Ausstiegskorridore einvernehmlich festgelegt. Demnach halte ich es für selbstverständlich, dass wir an den Gesetzen und Zeitschienen nun auch festhalten. Wir dürfen die Menschen nicht mit Diskussionen verunsichern.

 

 

Wäre es in Ihren Augen überhaupt möglich, frühzeitig den Kohleabbau zu beenden?

Zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich es richtig und wichtig finde, dass wir aus der Kohleverstromung aussteigen. Daran habe ich keinerlei Zweifel. Wir müssen aber doch auch so ehrlich sein, uns einzugestehen, dass Deutschland einen nicht unerheblichen Energiebedarf hat und diese Versorgungssicherheit weiterhin gewährleistet sein muss. Wie wollen Sie sonst als Industrie- und Exportland beispielsweise die Produktion am Laufen halten, wenn es hier noch keine Alternativen gibt? Und ganz bildlich gesprochen: Wenn am 24. Dezember alle den Festtagsbraten im Backofen haben und auch sonst noch viele andere Geräte am Strom hängen, müssen wir diesen Bedarf auch abdecken können. Dazu muss es alternative Lösungen geben. Das ist nichts, was wir von heute auf morgen umsetzen können.

 

 

Wie können diese Lösungen aussehen und ist das für Deutschland alleine realisierbar?

Vor etwa zehn Jahren haben wir den Ausstieg aus der Atomkraft vollzogen und wenn wir nun den Kohlestrom auch abschalten, brauchen wir definitiv zu den erneuerbaren Energien, die wir derzeit schon nutzen wie Wind und Sonne, Speicherkapazitäten und weitere neue Energien. Wasserstoff wird hier in meinen Augen eine entscheidende Rolle spielen. Es gibt ja die Berechnung des sogenannten Erdüberlastungstags. 1970 lag dieser noch beim 29. Dezember, 2000 war es der 23. September und in diesem Jahr war es der 29. Juli. Damit ist im Grunde alles gesagt: Wir müssen für den Klimaschutz agieren, aber Deutschland als Industrieland muss die Versorgungssicherheit gewährleisten und der Ausstieg aus der Kohle muss für die betroffenen Regionen sozialverträglich sein und darf zu keinem Strukturbruch führen.

 

 

Im Juni besuchte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier Weißwasser. Auch dort stand das Thema Strukturwandel auf der Agenda und er betonte, dass die verschiedenen Regionen voneinander lernen und miteinander in regen Austausch gehen sollen. Über die Lausitzrunde gibt es bereits ein zartes Band, aber wo würden Sie noch Potenzial sehen, um noch intensiver miteinander in Austausch zu gehen?

So wie ich eben das verbindende der Regionen Deutschlands gelobt habe, muss man künftig bei den Themen Energiegewinnung mehr als national denken. Wenn wir in Deutschland zeigen, dass es ohne Atomkraft und ohne Kohle geht, dann können wir hier eine Vorbildfunktion innerhalb Europas einnehmen. Wir wären weltweit wohl das erste Land, das diesen Absprung gewagt und geschafft hat. Wenn wir den Strukturwandel richtig machen, dann wird er zum Exportschlager, da bin ich mir sicher.

 

 

Vielen Dank für das angenehme Gespräch, Herr Frantzen.

 

Bild: Bürgermeister Jürgen Frantzen © Landgemeinde Titz

Vor gut 6 Wochen konnten wir der Urkundenübergabe an die Sieger des studentischen Wettbewerbs zu konkreten Gebäude- und Städtebauentwürfe für den BAFA-Campus in Weißwasser/Oberlausitz beiwohnen und uns von der Qualität der prämierten Entwürfe überzeugen.

Nach den Interviews mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und BAFA-Präsident Torsten Safarik hatten wir die Gelegenheit mit den Gewinnern der Kategorie Städtebau, Carlotta Ickert und Paul Gucinski, sowie Prof. Angela Mensing-de Jong (TU Dresden, Professur Städtebau) und Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch, über den künftigen BAFA-Campus und die Entstehungsgeschichte des Siegerentwurfs zu sprechen.

 

 

Musik: Anywhere © Frametraxx | Video/Bild: Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

Am 15. Juli 2021 besuchte Ministerpräsident Michael Kretschmer Hoyerswerda. Dem geplanten Treffen zur touristischen Entwicklung der Seenlandschaft rund um die Stadt, einer  Ansiedlung einer Bundesbehörde sowie dem Strukturwandel in der kernbetroffenen Region schloss sich ein Besuch des Scheibe-Sees an.

 

7.04 Uhr rollte der Tross um Ministerpräsident Michael Kretschmer am Alten Rathaus in Hoyerswerda vor und machte sich dann gleich auf den Weg zum Scheibe-See. Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh informierte dort mittels einem Drohnenflug und den Live-Luftbildern seinen Gast über den Stand der Entwicklungen des Hoyerswerdaer „Haussees“, der für die Region eine mittlere touristische Bedeutung hat. Diese soll in den kommenden Jahren weiter vorangetrieben werden. Bisher ist das Westufer als Strand und ein Rundweg für Radfahrer und Skater angelegt. Perspektivisch sind weitere Erschließung auch zur Übernachtung angedacht, um den Strukturwandel in der Region auch touristisch voran zu treiben. Allerdings gilt es hier, vor allem Hürden bezüglich des Hochwasserschutzes zu nehmen.

 

Im Anschluss stand eine Besichtigung mehrerer Grundstücke bzw. Immobilien zur Ansiedlung weiterer Bundesbehörden auf dem Programm. Unter anderem das Industriegebiet Zeißig mit über 100ha Gesamtfläche. Nach Abschluss aller notwendigen Arbeiten zur strukturellen Neu-Erschließung wäre dies die »größte zusammenhängende Industriegebietsfläche, die aktuell in Sachsen zur Verfügung stünde«, konstatierte Ministerpräsident Kretschmer.

 

Beim anschließenden Arbeitsfrühstück zum Thema Strukturwandel im Neuen Rathaus von Hoyerswerda, nahmen unter anderem  Vertreter der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung und auch Landrat Michael Harig teil. Dieser erklärte während des konstruktiven Austauschs: »Der Altkreis Hoyerswerda ist das vom Strukturwandel betroffene Kerngebiet und selbstverständlich hat die Stadt in den letzten 30 Jahren seit der Wende bereits einen enormen Strukturwandel vollzogen, aber jetzt muss es greifbar werden für die Menschen.« Dem schloss sich auch der Ministerpräsident an: »In Hoyerswerda muss etwas passieren, das steht außer Frage.«

 

Gemeint sein kann damit neben der Ansiedlung eines großen Forschungszentrums auch die Ansiedlung kleiner und mittlerer Unternehmen, die der Region Arbeitsplätze sichern und schaffen. Ein großes Thema hier könnte Carbon werden. Von der Grundlagenforschung bis hin zur Produktion und Umsetzung könnte das Thema eines der Lausitz werden. Bereits im September 2020 unterzeichnete Staatsminister Thomas Schmidt hierzu mit der LEAG in Boxberg eine Absichtserklärung und seit April 2021 entsteht als Pilotprojekt im Dorf Wurschen Sachsens erste Carbonbetonbrücke. Am Ende des Gesprächs konstatierte Ministerpräsident Kretschmer: »Als der Wecker so zeitig heute geklingelt hat, das war schon herausfordernd. Aber es hat sich auf alle Fälle gelohnt, dass wir uns hier getroffen haben – für alle Beteiligten.« Dem Oberbürgermeister der Stadt Hoyerswerda Ruban-Zeh sicherte er weitere Unterstützung zu, gerade auch im Hinblick auf die Ansiedlung weiterer Bundesbehörden in Hoyerswerda und bei der Überwindung aller Hürden zur Erschließung des Scheibe-Sees. »Das Treffen war in jeder Hinsicht konstruktiv und für uns in Hoyerswerda sehr wichtig«, äußerte sich Ruban-Zeh zum Ende des Treffens.

 

Bild: Stadtverwaltung Hoyerswerda

Am 21. April 2020 wurde Jörg Mühlberg vom sächsischen Staatsminister für Regionalentwicklung, Thomas Schmidt, zum Geschäftsführer der landeseigenen Strukturentwicklungsgeselschaft bestellt. Im Interview blickt er zurück auf das erste Jahr der SAS.

 

Herr Mühlberg, im April hatten Sie einjähriges Jubiläum bei der SAS, einem sehr jungen Unternehmen, das mit enorm wichtigen Aufgaben rund um den Strukturwandel Sachsens betraut worden ist. Mit welchen Gedanken schauen Sie auf Ihr erstes Jahr zurück?

Durchweg positiv. Dass es eine spannende Aufgabe ist, war mir bewusst. Für Sachsen und die Menschen hier ist es auch eine Sinn stiftende. Das macht uns natürlich etwas Druck, aber ist auch enormer Ansporn. Wir haben seit April des letzten Jahres neben der Bearbeitung der ersten Projekte des Strukturwandels auch noch ein Team für die SAS finden und formen müssen, das nun im zweiten Jahr komplett ist und sich den sich stellenden Aufgaben umfassend widmen kann. 

 

Klingt nach vielen Herausforderungen, die es im ersten Jahr zu bewältigen gab.

Das war mir bewusst und habe ich nie als Last empfunden. Um die vielfältigen Aufgaben des Strukturwandels in unseren beiden Braunkohletagebaugebieten angemessen bewältigen zu können, haben wir uns nun sehr gut aufgestellt, haben ein überaus motiviertes Team zusammengestellt, das sich mit großem Einsatz an die Sache gemacht hat. Als Letztes ist Anfang Mai mein Geschäftsführerkollege Prof. Dr. Norbert Menke mit an Bord gekommen. Über diese Unterstützung freue ich mich sehr.

 

Was bleibt Ihnen besonders aus diesem ersten Jahr in Erinnerung?

Wie alle anderen in Deutschland haben wir natürlich auch die Corona Pandemie gespürt. Ich bin es eigentlich gewöhnt, mit den Entscheidungsträgern in den Kommunen Auge in Auge zu sprechen. Bisher waren aber zumeist nur Videokonferenzen möglich. Das ist schon eine enorme Umstellung gewesen. Die direkten, persönlichen Gespräche sind qualitativ sicher nicht besser zu bewerten, als wenn wir über Videokonferenzen tagen. Aber es fühlt sich einfach anders an, wenn man mit einem Menschen direkt an einem Tisch sitzt und spricht. Da bin ich vielleicht etwas old-school, aber es gibt ja viele Menschen, die das ähnlich empfinden. 

 

Haben Sie den Eindruck, dass Corona den Strukturwandel ausgebremst hat?

Nein. Sicherlich hat die Pandemie die Prozesse nicht beschleunigt. Aber dass manches etwas länger gedauert hat, als sich der eine oder andere Projektträger das erhofft hat, daran hatte Corona nur unwesentlichen Anteil. Vielmehr muss man so ehrlich sein und sagen, dass ein so großes Gesamtprojekt, wie es der Strukturwandel ist, etwas Zeit braucht, um in Fahrt zu kommen. Zu Beginn unseres Engagements waren die ganzen Prozesse beispielsweise noch nicht klar definiert. Da sind wir heute wesentlich weiter als vor einem Jahr.

 

Sie spielen damit auf die neue Fördermittelrichtlinie an? 

Zum Beispiel. 2020 war der Ablauf nach dem Einreichen eines Projektes noch ein anderer, als wenn uns 2021 ein Projekt zur Prüfung der Förderfähigkeit und Förderwürdigkeit auf den Tisch gelegt wird. Auch die Frage nach dem “was kann überhaupt gefördert werden?” ist inzwischen klar definiert, sodass es für die Verantwortlichen in den beiden Revieren einfacher wird, Projekte entsprechend vorauszuwählen und auszuarbeiten. Zudem haben sich Ende April die beiden Begleitausschüsse konstituiert. Sie haben im Juni zum ersten Mal getagt und sich mit den aktuellen Projekten intensiv beschäftigt. Insgesamt konnten in den ersten beiden Sitzungen 58 kommunale Strukturwandelprojekte positiv beschieden werden.

 

Das klingt so, als würde der Strukturwandel nun an Fahrt aufnehmen?

Das hat er bereits. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir noch jede Menge Arbeit vor uns haben. Ich habe aber das gute Gefühl, dass wir hier etwas für die Zukunft Sachsens aktiv tun können. Ich sehe uns hierbei als Dienstleister der Kommunen, Landkreise und auch des SMR, um den Strukturwandel aktiv nach vorn treiben zu können. Wir alle arbeiten daran, dass die Menschen auch nach dem Kohleausstieg eine Perspektive haben und sich in Sachsen wohlfühlen können. Ich hoffe, wir werden schon in Kürze die ersten positiven Effekte erleben, wenn die allerersten Projekte, die nun sukzessive umgesetzt werden, fertiggestellt sind und ihre Wirkung entfalten können. Dann wird für die Menschen in den Regionen der Strukturwandel auch sicht- und greifbar und nicht bloß als ein Lippenbekenntnis wahrgenommen. 

 

Nehmen Sie eine Skepsis wahr unter den Bewohnern der Sturkturwandelregionen?

Ja, aber das ist doch verständlich. Es geht hier um weitreichende Entscheidungen mit großen Folgen für die beiden Reviere. Dass die Menschen da genau nachfragen, manchmal vielleicht auch skeptisch und ungeduldig sind, halte ich für vollkommen nachvollziehbar. Das ist das gute Recht der Menschen vor Ort. Da nicht jedes Projekt auch realisiert werden kann, wird es sicher oft zu Enttäuschungen kommen. Unterm Strich bin ich dennoch optimistisch, dass uns gemeinsam der Strukturwandel, wenn wir ihn mit Nachdruck, aber auch Umsicht und Vernunft gestalten, gelingen wird. Die derzeit vorherrschende Skepsis wird dann auch einer Zuversicht weichen. Im Übrigen ist die Skepsis auch ein Garant, nur wirklich den Strukturwandel tragende Projekte in die regionalen Begleitausschüsse zu bringen. Einfach Investitionsrückstau mit kommunalen Maßnahmen zu beseitigen, bringt keinen Strukturwandel. Insofern ist eine gesunde Skepsis zielführend.

 

Wenn Sie nach vorne schauen und Wünsche für das kommende, das zweite Jahr der SAS äußern dürften, welche wären das?

Ganz klar, dass wir die ersten Projekte auf die Bahn gesetzt haben und diese realisiert werden.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Mühlberg.

 

Bild: Portrait Jörg Mühlberg © Sächsisches Staatsministerium des Innern, Isabelle Starruß

»Der Strukturwandel in unserer Heimat kann nur gelingen, wenn wir alle an einem Strang ziehen«, erklärte Birgit Weber, Vorsitzende des Regionalen Begleitausschusses (RBA) der Lausitz und Beigeordnete des Landkreises Bautzen vor Beginn der Sitzung des RBA, der heute in Weißwasser getagt hat.

 

Nachdem sich das Gremium Ende April konstituiert hatte, ging es bei der heutigen Konferenz erstmals darum, konkrete Projekte in Augenschein zu nehmen und über deren Förderfähigkeit zu entscheiden. Dazu lagen den Mitgliedern in Weißwasser 40 kommunale Projekte aus allen Bereichen, von der Daseinsfürsorge über den Verkehr und die Kultur bis hin zum Tourismus, vor. »Wir haben alle Projekte ausführlich betrachtet und beurteilt. Ein jedes davon war qualitativ gut, entscheidend aber war für uns zu jeder Zeit der Fakt, dass die Projekte dem Strukturwandel in unserer Region dienen«, so Birgit Weber. Nach rund vier Stunden intensiven und konstruktiven Beratungen verabschiedete der RBA am Ende 38 Projekte mit einem Gesamtvolumen von etwa 130 Millionen Euro.

 

Nachdem vor fast genau einem Jahr Bundestag und Bundesrat den Weg für die Gesetzespakete zum Kohleausstieg und Strukturwandel freigemacht haben, ist mit den Sitzungen der Regionalen Begleitausschüsse in den beiden Sächsischen Braunkohlerevieren nun der Prozess zur Entscheidung und späteren Umsetzung vor Ort gestartet worden. »Die Lausitz ist eine unglaublich vielfältige Region mit Menschen, die engagiert sind, sich einbringen wollen. Wir haben über viele kreative Vorschläge und Projektideen gesprochen, die es nun zeitnah umzusetzen gilt«, so Weber.

 

Die durch den RBA positiv beschiedenen Vorhaben werden nun noch dem Freistaat Sachen und dem Bund zur endgültigen Entscheidung vorgelegt. Dann kann es vor Ort losgehen.

 

Hintergrund

Die 40 kommunalen Vorhaben, über die heute im Rahmen des RBA entschieden worden ist, sind nach der »Förderrichtlinie für Zuwendungen nach dem Investitionsgesetz Kohleregionen – RL InvKG« qualifiziert und priorisiert worden. Der Regionale Begleitausschuss hat hierbei die Kernaufgabe inne, am Projektauswahlverfahren mitzuwirken. Birgit Weber: »Wir befinden uns in einem lernenden und stets weiterlaufenden Prozess. Mit dem Tag heute endet zwar unsere erste Sitzung, nicht aber der Qualifizierungsprozess neuer Vorhaben. Ich weiß, dass bereits jetzt an weiteren Projekten gearbeitet wird, über die wir dann hoffentlich am 3. November bei unserer nächsten RBA-Sitzung sprechen und entscheiden können.«

 

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Aufzeichnung der Pressekonferenz nach der RBA-Sitzung

 

 

 

Bilder von der RBA-Sitzung im Lausitzer Revier

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v.l.: Landrat Bernd Lange (Landkreis Görlitz), Beigeordnete Birgeit Weber (Landkreis Bautzen), Jörg Mühlberg (SAS), Prof. Dr. Norbert Menke (SAS)

Bilder: Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

Der Regionale Begleitausschuss (RBA) des Mitteldeutschen Reviers unter Leitung seines Vorsitzenden, Landrat des Landkreises Leipzig, Henry Graichen, hat sich am heutigen Nachmittag erstmals zu einer Konferenz zusammengefunden, in der über konkrete Projekte für den Strukturwandel beraten worden ist.

 

Insgesamt lagen dem Ausschuss achtzehn kommunale Projekte vor, über die es zu befinden galt. In der über dreistündigen Sitzung wurden sämtliche Vorhaben eingehend geprüft und schlussendlich darüber befunden. „Wir hatten eine bunte Mischung aus allen Bereichen. Der Tourismus war genauso vertreten, wie die Daseinsfürsorge, der Verkehr oder auch die Kultur. Wir haben uns konstruktiv mit allen Projekten beschäftigt und ich freue mich für das Mitteldeutsche Revier, dass wir nun achtzehn hochwertige Vorhaben positiv verabschiedet haben“, erklärte Henry Graichen nach dem Ende der Konferenz.

 

Mit den achtzehn Vorhaben, die den RBA nun positiv durchlaufen haben, können Mittel von über 200 Millionen Euro in den Strukturwandel des Mitteldeutschen Reviers fließen. Graichen: „Mit dem heutigen Tag möchten wir den Menschen der Region ein deutliches Zeichen geben, dass wir den Strukturwandel aktiv angehen. Natürlich müssen die einzelnen Projekte nun noch abschließend durch das Sächsische Staatsministerium für Regionalentwicklung und den Bund geprüft werden, aber wir sind optimistisch, dass die Projektträger bald ihre Vorhaben in Angriff nehmen können.“

 

Im Rahmen des Strukturstärkungsgesetzes für die Braunkohleregionen aus dem Jahr 2020 sind die Weichen für den Strukturwandel auch in Sachsen gestellt worden. Um diesen Wandel zu unterstützen und aus den Braunkohlerevieren Zukunftsregionen zu entwickeln, hat die Bundesregierung den Regionen bis 2038 insgesamt 40 Milliarden Euro in Aussicht gestellt, von denen 14 Milliarden für Maßnahmen der Länder und Kommunen fließen sollen. Der Einsatz dieser Mittel wird über das Strukturstärkungsgesetz geregelt. Ehe die Projekte dem RBA zur Prüfung vorgelegt werden, durchlaufen sie unter anderem zur Qualifizierung eine Ressortprüfung mit abschließendem Scoringverfahren zur Priorisierung. Kernaufgabe der Regionalen Begleitausschüsse ist das Mitwirken am Projektauswahlverfahren. „Der Weg bis hierher war gewiss nicht einfach und hat einiges an Zeit und viele daran Beteiligte auch Nerven gekostet. Aber mit dem heutigen Tag haben wir eine Entwicklung angestoßen, die eine enorme Tragweite für die Region und ganz Sachsen hat. Der Dialog heute zeigt auch, dass es richtig ist, über den RBA die Menschen in den Regionen mit einzubeziehen. Nur so kann uns der Strukturwandel gelingen“, erklärte Graichen abschließend.

 

Für das Jahr 2021 ist am 10. November 2021 in Nordsachsen eine weitere Tagung des RBA im Mitteldeutschen Revier geplant, in dem dann weitere Projekte positiv beschieden werden sollen.

 

 

 

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Aufzeichnung der Pressekonferenz nach der RBA-Sitzung

 

 

Bilder von der RBA-Sitzung im Mitteldeutschen Revier

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v.l.: Landrat Henry Graichen (Landkreis Leipzig), Jörg Mühlberg (SAS) und Prof. Dr. Norbert Menke (SAS)

Bilder: Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

 

Birgit Weber ist seit 2013 Beigeordnete des Landkreises Bautzen und Vorsitzende des Regionalen Begleitausschusses im Lausitzer Revier. Noch vor der anstehenden ersten Sitzung des Ausschusses am Dienstag, den 29. Juni 2021, in Weißwasser, konnten wir mehr über die wandelerprobte Lausitz erfahren.

 

In der Lausitz steht Ende Juni die erste Sitzung des Regionalen Begleitausschusses (RBA), bei dem über konkrete Projekte für den Strukturwandel gesprochen wird, auf der Agenda. Sie, Frau Weber, haben für das Jahr 2021 den Vorsitz des RBA in der Lausitz inne. Welche Ziele haben Sie sich für diese Aufgabe gesetzt?

Nun, zunächst geht es ja nicht um mich, sondern um das Miteinander. Ich habe den Vorsitz des RBA als Mandat erhalten und insofern eine Aufgabe zu erfüllen. Dabei möchte ich ganz klar Fakten schaffen und nun die Projekte greifbar umsetzen, die die Menschen im Lausitzer Revier geplant haben.

 

Nach langem Ringen und vielen, vielen Beratungen sind in den letzten Monaten die Grundvoraussetzungen geschaffen worden, um den Strukturwandel nun aktiv nach vorne treiben zu können. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Wir stehen am Anfang eines Prozesses, der meiner Auffassung nach in Bezug auf den Zeitbedarf noch mal deutlich hinterfragt werden sollte. Ich finde, dass beispielsweise schon viel zu lange an den Regeln zu Prozessumsetzung gearbeitet wurde. Jetzt müssen wir einfach mal machen – so zügig wie möglich.

 

Wenn man in der Lausitz unterwegs ist und von Strukturwandel spricht, nimmt man nicht nur eine nachvollziehbare Zukunftsangst wahr, sondern auch eine gewisse Resignation. Es wird immer wieder darauf verwiesen, dass die Nach-Wende-Erfahrungen ernüchternd waren. Worin sehen Sie den Schlüssel, bei den Lausitzern Vertrauen schaffen zu können?

Woher kommt eigentlich diese negative Wahrnehmung einer frustrierten Region? Ganz ehrlich: Meines Erachtens ist dieses Bild über die Lausitzer falsch. Ich sehe in diesem Landstrich hauptsächlich eine aktive, engagierte Region.

Vertrauen schafft man natürlich in erster Linie durch Beteiligung. Die findet hier auf der Ebene der Städte und Gemeinden im Rahmen der kommunalen Parlamente statt. Erste Ansprechstelle für die Bürger sind die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Ihnen obliegt es, diese schwierige Aufgabe zu schultern. Wir unterstützen hier sehr gern, auch mit Erläuterungen, welche Möglichkeiten das Strukturstärkungsgesetz für die Kommunen bietet.

In dem Zusammenhang finde ich es bedauerlich, dass die etablieren Mitmach-Fonds für die zivilgesellschaftlichen Projekte leider nicht weiter umgesetzt werden.

Doch zurück zu Ihrer Frage: Ich erlebe hier in der Lausitz täglich motivierte Frauen und Männer, die immer wieder versuchen, die Rahmenbedingungen für sich zu nutzen und die sich mit Kraft und viel Herzblut für die Region einsetzen. Natürlich sind die auch sehr kritisch, aber immer an Lösungen interessiert und vor allem enorm kreativ. Und genauso sollten

wir an die Aufgaben herangehen, die vor uns liegen: kreativ, konstruktiv-kritisch und lösungsorientiert. Ich denke, die Lausitz hat da wirklich eine Menge zu bieten.

 

Gebürtig kommen Sie aus Westfalen – Lippe, einer Region, in der ehemals Steinkohle abgebaut worden ist. Haben Sie konkrete Erinnerungen an die Zeiten, als die Kohle der Motor ganzer Regionen war?

Wissen Sie, ich habe im Ruhrgebiet gelebt und studiert, als der Umbruch dort schon deutlich erkennbar war. Jetzt bin ich seit 30 Jahren in der Lausitz zu Hause. Diese Gegend ist mir Heimat geworden.

Und dann kann man Regionen ja nicht eins zu eins miteinander vergleichen. Die Ausgangssituationen sind deutlich andere. Jede Gegend ist für sich einzigartig. Und genau dieses Einzigartige gilt es herauszustellen.

Für die Lausitz sind das ganz klar ihre Vielfalt, ein starker Mittelstand, das eben erwähnte Engagement und die Kreativität ihrer Bürger sowie das gute Miteinander.

Ich denke, wir können stolz darauf sein, dass sich unsere Region nach dem Umbruch 1990 positiv entwickelt hat und sich heute so stark präsentiert. Damals standen innerhalb weniger Monate plötzlich weit mehr Menschen auf der Straße, als heute vom Strukturwandel betroffen sind. Der Umbruch, den wir heute erleben, ist geplant und wird von Politik und Gesellschaft begleitet. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch diesen Wandel gemeinsam meistern werden.

 

Nun ist der Strukturwandel kein Unterfangen, das in fünf Jahren erfolgreich beendet sein wird. Insgesamt sprechen wir derzeit von einem Zeitrahmen bis 2038, wobei einiges zügiger funktionieren, manches etwas länger brauchen wird. Wo aber sehen Sie ganz persönlich die Region konkret 2038, wenn Sie sich die Lausitz vor Ihrem inneren Auge vorstellen?

Entwicklung findet ja immer statt und wird auch nach 2038 stattfinden. Aber wenn wir diesen Zeitraum betrachten, sehe ich die Lausitz eindeutig an der Spitze der östlichen Bundesländer, sehe starke mittelständische Unternehmen und nach wie vor Bürger mit großem Gestaltungswillen. Das muss jedenfalls unser gemeinsames Ziel sein.

Dabei müssen wir aufpassen, dass keine Neiddebatten entstehen zwischen dem Nord- und dem Südraum oder zwischen Groß- und Kleinprojekten. Wir müssen Projekte in allen Bereichen als förderlich ansehen. So ist das Thema Energieversorgung ja nicht nur für Unternehmen relevant, sondern auch für jeden Privat-Haushalt. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die Herausforderungen stehen in allen Lebensbereichen an und müssen bewältigt werden.

Aber ich bin da optimistisch: Sehen Sie, die Lausitz hat zu jeder Epoche bewiesen, dass sie mit Wandel umgehen kann. Die Menschen und der Mittelstand haben schon immer die Anforderungen bewältigt, die die Geschichte an sie stellte. Ich nenne nur mal das Stichwort Via Regia. Oder denken Sie an den Bau der Eisenbahn im Zuge der Industrialisierung des Oberlandes. Das hat das Leben der Menschen auch erheblich verändert. Aber es hat die Region gleichfalls fit gemacht für das ausgehende 19. und das kommende 20 Jahrhundert. Da kann man durchaus viele Parallelen zum Breitbandausbau im 21. Jahrhundert entdecken.

Panta rhei, alles fließt, das wusste schon Heraklit. Der Strukturwandel in unserer Heimat kann nur gelingen, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

 

Vielen Dank, Frau Weber, für das Gespräch!

 

 

Bild: Portrait Birgit Weber © Landratsamt Bautzen

Am 28. Juni 2021 tagt in Neukieritzsch erstmalig der Regionale Begleitausschnuss des Mitteldeutschen Reviers. Den Vorsitz hat Henry Graichen, Landrat des Landkreises Leipzig, inne. Im Interview haben wir mit Ihm über die anstehende Sitzung sowie die Ziele und Chancen des Reviers gesprochen.

 

Herr Graichen, Sie sind Landrat des Landkreises Leipzig und Vorsitzender des Regionalen Begleitausschusses (RBA) im Mitteldeutschen Revier. Welche konkreten Ziele haben Sie sich für die Aufgabe des Vorsitzenden des RBA gesetzt?

Im Regionalen Begleitausschuss werden Investitionen bewertet und empfohlen, die dem Mitteldeutschen Braunkohlereviers beim Strukturwandel helfen sollen. Erstes Ziel dabei ist, die Wettbewerbsfähigkeit der Region nachhaltig zu verbessern. Meine Aufgabe ist es diesen Prozess zu steuern und gemeinsam mit den Mitgliedern des RBA die wirkungsvollsten Projekte für eine nachhaltige Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf den Weg zu bringen. Strukturwandel im Mitteldeutschen Revier kann nicht von Dresden aus organisiert werden. Dies zu kommunizieren und umzusetzen wird ebenfalls wichtiger Bestandteil der Aufgabe sein.

 

Bis zur Konstituierung des RBA war es ein langer, teilweise auch steiniger Weg. Es galt Gesetze zu gestalten und festzulegen. Wie haben Sie diesen Prozess wahrgenommen?

Der Prozess bis zum Start des RBA war deutlich zu bürokratisch! Nachdem im letzten Sommer die gesetzliche Grundlage durch den Deutschen Bundestag geschaffen war, startete der Freistaat Sachsen sehr schnell mit dem Handlungsprogramm und der Förderrichtlinie. Diese Dynamik gilt es aufrecht zu erhalten. Obwohl es ein Programm ohne Vorlage und Erfahrung ist, können wir aktuell von einer soliden aber sicher noch lernfähigen Struktur sprechen. Nach dem Durchlauf von mehreren Förderprojekten sollten wir evaluieren, was effizienter geht.

 

Der RBA dient unter anderem ja auch dazu, den Menschen in den Revieren über entsprechende Interessenvertreter eine aktive Beteiligung an den Projekten zu sichern. Welche Signale haben sie in den ersten Wochen von den Mitgliedern des RBA wahrgenommen? Wie liefen die ersten Beratungen?

Die kommunalen Vertreter und die Vertreter der Interessengruppen sind sehr engagiert und ambitioniert den Strukturwandel in Mitteldeutschland zu einem Erfolgsmodell zu machen. Viele spüren die historische Dimension des Prozesses und fühlen sich verpflichtet die Wirtschaftskraft der Region zu erhöhen und die Wirtschaftsstruktur nach dem Ende der Braunkohle zu diversifizieren. Die Konstituierung fand ausschließlich mit den beschließenden Mitgliedern statt. Die beratenden Mitglieder haben sich bisher nur digital verständigt. Beide Runden verliefen sehr sachlich und waren von einem ganzheitlichen Ansatz der Entwicklung der Region geprägt.

 

Nun steht Ende Juni die erste Sitzung des RBA an, in dem konkret über Projekte beraten und beschieden wird. Im Mitteldeutschen Revier stehen hierzu 18 kommunale Projekte auf der Agenda. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in diese Sitzung?

Ich freue mich auf diese erste Sitzung des RBA und erwarte eine sachliche und inhaltliche Diskussion, welche den Blick auf das Ziel nicht aus den Augen lässt. Ich erwarte auch ein regionales Verantwortungsgefühl und Selbstbewusstsein bei der Erfüllung der Aufgaben.

 

Der Strukturwandel wird die Menschen in den Revieren viele Jahre beschäftigen. Welche Etappenziele setzen Sie sich und wie wollen Sie die Menschen auf diesem Weg mitnehmen?

Die Menschen beschäftigen viele Fragen. Wie wird nach 2038 die Grundlast der Elektroenergiezeugung erfolgen? Wie werden, neben dem Sektor der Energiewirtschaft, die anderen Sektoren ihren Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgase leisten? Bleiben wir ein industriell attraktiver Standort und wie kann unser Wirtschaftskreislauf nachhaltig umgestellt werden. Sicher sind die meisten Fragen nicht regional zu beantworten, aber einen Beitrag werden wir im Strukturwandel für unser Mitteldeutsches Revier leisten können. In diesem Prozess wird es wichtig sein, dass die Akteure transparent agieren und die Projekte nach ihrer Wirkung ausgewählt werden.

 

Wenn Sie zu Gesprächen in Ihrem Landkreis unterwegs sind, sprechen Sie die Menschen oft auf das Thema „Strukturwandel“ an und was bewegt die Menschen am meisten? Ist es eher die existenzielle Angst, vor dem was kommt? Oder ist es vielleicht auch an vielen Stellen eine Trauer, dass ein großer Abschnitt enden wird – gar eine Art zumindest gefühlter Identitätsverlust, weil die Kohle jahrzehntelang den Puls der Region bestimmt hat?

Die Menschen im Landkreis Leipzig wissen, dass es eine „Tagebaugeneration nach 2040“ nicht geben wird. Dazu sind die Flächen in der dicht besiedelten Region nicht vorhanden. Insofern schauen die Menschen sehr hoffnungsvoll und positiv auf die Möglichkeiten des Strukturwandels und die neuen Chancen, welche sich ergeben. Dies bedeutet eben auch Verantwortung für uns, den Strukturwandel zu nutzen und unsere Region besser und wettbewerbsfähiger aufzustellen. Viele Menschen kennen noch die Situation aus 1990er-Jahren. Diese Zeit war ein regelrechter Strukturbruch. Binnen kurzer Zeit verschwanden fast 80.000 Industriearbeitsplätze in der Braunkohle, die Arbeitslosigkeit stieg weit über 20 Prozent und die Suizidquote in der Region Borna war die höchste im Freistaat Sachsen. An uns liegt es nun, einen erneuten Strukturbruch zu verhindern und einen wirklichen Strukturwandel zu gestalten.

 

Sie selbst sind in Borna geboren und haben sicherlich auch ganz spezielle Erinnerungen an den Tagebau mit all seinen Begleiterscheinungen. Welche ganz persönlichen Berührungspunkte hatten Sie in Ihrer Kindheit oder Jugend hierzu?

Ich habe die bergbauliche Veränderung der Region persönlich erlebt. Viele Bekannte und Verwandte arbeiteten und arbeiten in der Braunkohlewirtschaft. Dörfer, welche mir als Kind gut bekannt waren, gibt es heute nicht mehr. Eine neue Landschaft mit neuer Lebensqualität ist entstanden. Das Leipziger Neuseenland steht als eine positive Marke und ist positiv besetzt und national bekannt. Was die Menschen in der Region in den letzten Jahren geleitestet haben, und wie positiv sich das Bild gewandelt hat, macht mich stolz auf meine Heimat und die hier lebenden und arbeiteten Menschen!

 

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, den Strukturwandel nach Ihren eigenen Vorstellungen umzusetzen, wo würden Sie im Mitteldeutschen Revier ihre Schwerpunkte setzen?

Veränderungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Wir sollten aufgeschlossen für Veränderungen sein und diese in unserem Sinn steuern. Insofern ist es mein Hauptanliegen die Region wettbewerbsfähig auch für kommende Strukturänderungen aufzustellen. Dazu ist es wichtig, dass eine leistungsfähige öffentliche Infrastruktur existiert. Schnelle Anbindungen aus der Region nach Leipzig. Der Aufbau von Wissenschaft und Forschung wird helfen, diese Kompetenz in der Region zu stärken und der Wirtschaft mit den Unternehmen zur Verfügung zu stehen um neue Produkte und Dienstleistungen wirtschaftlich tragfähig zu entwickeln und Existenzgründungen erfolgreich zu begleiten.

 

2038 sind Sie knapp über 60 Jahre alt. Bestenfalls ist der Strukturwandel dann gelungen. Wie genau stellen Sie sich das Mitteldeutsche Revier 2038 vor, wenn Sie es vor Ihrem geistigen Auge sehen?

Das Mitteldeutsche Revier wird zum Ende des nächsten Jahrzehnts eine wirtschaftliche starke Region sein. Die Infrastruktur im Revier ist wettbewerbsfähig ausgebaut und ermöglicht eine wachsende Entwicklung. Der Tourismus ist als wirtschaftliche Basis wichtig und ermöglicht der Region ein dynamisches und positives Marketing. Das Mitteldeutsche Revier ist weiterhin ein attraktiver Standort für die Industrie und sichert damit gute Einkommen für die Menschen.

 

Wir bedanken uns für das Interview, Herr Landrat Graichen.

 

 

Bild: Portrait Henry Graichen, entnommen von: https://www.facebook.com/HenryGraichen/

Am Donnerstag, den 17.06.2021, haben Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, Ministerpräsident Michael Kretschmer sowie der Präsident des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), Torsten Safarik, in Weißwasser die Gewinner*innen der studentischen Wettbewerbe zu konkreten Gebäude- und Städtebauentwürfe für den BAFA-Campus ausgezeichnet. Peter Altmaier und Torsten Safarik standen uns nach dem Festakt Rede und Antwort zum Strukturwandel in der Lausitz sowie zum BAFA-Campus.

Das BAFA und die TU Dresden hatten die Wettbewerbe ausgerichtet. Jörg Mühlberg, Geschäftsführer der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS), durfte den Prozess als Jurymitglied begleiten.

 

 

Musik: Anywhere © Frametraxx | Video/Bild: Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

„Es geht nur zusammen“, war einer der ersten Sätze von Torsten Pötzsch. Als Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Weißwasser und Vorsitzender der Lausitzrunde eröffnete Pötzsch in der Hoyerswerdaer Lausitzhalle die 2. Konferenz zum Reviertransfer Lausitz.

Vor mehr als 50 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Interessenvertretern, Vertretern der zuständigen Ministerien aus Sachsen und Brandenburg und Pressevertretern der Region begrüßte auch Gastgeber Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh die Gäste und wandte sich mit emotionalen Worten an die Entscheidungsträger im Publikum: „Wir müssen ehrlich sein und dürfen den Menschen nicht Dinge versprechen, die sich am Ende nicht halten lassen.“ Allzu oft sei der Region und ihren Bewohnern eine rosige Zukunft versprochen worden und zu selten seien die Menschen auf diesem Weg mit einbezogen worden. Gerade deshalb hatte sich an diesem Tag die Lausitzrunde zusammen gefunden: Es sollte ein erster Rückblick auf die Monate nach dem Beschluss des Strukturstärkungsgesetzes gewagt werden, um für die Zukunft noch zielgerichteter den Strukturwandel nach vorne zu treiben und den Bedürfnissen der Bewohner des Lausitzer Reviers noch besser gerecht zu werden.

 

Knappe vier Stunden kamen Redner zu Wort, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln spezielle Eindrücke gaben in das Leben in der Lausitz, in die Anforderungen der Region und auch auf zahlreiche Probleme, die es zu bewältigen gilt. Gleichzeitig berichteten die Vertreter der beiden Landesregierungen Jörg Huntemann (Referat 32 des Sächsisches Staatsministerium für Regionalentwicklung) und Dr. Klaus Freytag (Lausitzbeauftragter des brandenburgischen Ministerpräsidenten) über den derzeitigen Stand der Strukturwandelprojekte in ihren Teilen der Lausitz. Beide betonten aber auch, dass der Weg des Strukturwandels nur gemeinsam beschritten werden kann und ein langer Weg werden wird. Huntemann: „Wir befinden uns in einem lernenden Prozess und wir werden immer wieder diesen Prozess verändern, wenn uns Dinge auffallen, die es zu verbessern gilt.“ Dabei sei aber klar, dass alle Vorhaben zwingend dem Revier dienen sollen.

 

Einer, der auch zu Wort kommen sollte, musste wegen einer Autopanne auf der Fahrt nach Hoyerswerda leider passen: Der ehemalige Ministerpräsident Brandenburgs und Vorsitzende der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung (KWSB) Matthias Platzeck. Er hatte sich bereits vor der Konferenz in diversen Medien zum Thema Strukturwandel geäußert und betont, dass die Lausitz „Anfassbares“ brauche. Die Enttäuschungen der 90er Jahre und daraus resultierende gesellschaftliche Verwerfungen säßen noch tief, die Menschen in der Lausitz hätten bereits in der Vergangenheit mit Wucht erlebt, was Strukturwandel bedeute. Die jetzige Gesetzgebung biete der Region eine riesige Chance, Vertrauen bei den Menschen zurück zu gewinnen.

 

Auch in den beiden Vorträgen der Vertreterinnen der KWSB gingen Christine Herntier und Gunda Röstel intensiv auf ihre Erfahrungen der letzten Monate ein und betonten die enorme Bedeutung des Strukturwandels für die Region. „Der Strukturwandel ist für alle Lausitzer existenziell“, erklärte Herntier, die nicht nur Bürgermeisterin der Stadt Spremberg ist, sondern ebenfalls im Vorstand der Lausitzkommission sitzt. Sie dankte in ihrem Redebeitrag vor allem den drei Ministerpräsidenten Kretschmer, Woidke und Haseloff für ihren Einsatz um den Strukturwandel: „Erst der Einsatz der drei Herren für den Strukturwandel hat Bewegung in die Gesetzgebung gebracht und unseren Forderungen Nachdruck verliehen. Wir mussten zwar lange auf die Gesetzgebung warten, aber sind jetzt in der Umsetzung und das macht Hoffnung“. Gunda Röstel legte überdies in ihrem Wortbeitrag Wert darauf, die Lausitz als eins zu betrachten: „Wir müssen die Lausitz gemeinsam denken – ohne Grenzen zwischen Brandenburg und Sachsen. Wir müssen Infrastrukturen entwickeln und damit meine ich nicht nur die verkehrstechnischer Art, sondern auch soziale Infrastrukturen. Diese sind bedeutsam für die Menschen.“

 

Beleuchtet wurde im Speziellen der Wandel der Region in den Bereichen Wasser, Energie und Ernährung. Über Jahrzehnte war die Steinkohle Braunkohle der Motor und das Herz der Region. Nun gilt es, neue Antriebe zu finden und diese anzukurbeln, um die Versorgungssicherheit der Lausitz dauerhaft zu gewährleisten. Der Erschließung neuer Energien folgen im günstigsten Fall Produktionsstätten. „Wenn wir in Brandenburg die Tesla Produktionsstätte am Start haben, sollten wir überlegen, wie wir mit Themen wie der Batterieherstellung oder dem Recycling der Altbatterien umgehen und auch hierfür nach Lösungen suchen und Vorhaben umsetzen. Wir müssen uns mit dem Thema der seltenen Erden beschäftigen und schauen, wie wir in der Lausitz innovative Mobilität verankern“, erklärte Röstel. Dabei stellte sie ihre vier Grundleitlinien vor, um die Versorgungssicherheit der Lausitz zu gewährleisten. Darin spielen Themen wie beispielsweise die Wasserstoffentwicklung oder auch die medizinische Versorgung eine elementare Rolle.

 

Da nicht nur die Lausitz einem Strukturwandel in den kommenden Jahren unterliegen wird und auch ein Blick in andere Strukturwandelregionen lohnenswert ist, kamen auch Vertreter aus dem Mitteldeutschen und dem Rheinischen Revier zu Wort. Marcel Schneider, Bürgermeister der Stadt Teuchern, und Sascha Sollbach, Bürgermeister der Stadt Bedburg, gaben Einblicke in den Entwicklungsstand ihrer Regionen. Solbach meldete sich per Webkonferenz zu Wort und berichtete von seinen Erfahrungen, schließlich ist das Rheinische Revier der Lausitz durchaus einige Jahre voraus. Aber er machte Mut, dass der Strukturwandel gelingen kann, wenn kluge Konzepte umgesetzt werden: „Wir spüren sicher alle die Herausforderung, aber eben auch die Jahrhundert-Chance.“

 

Schlussendlich war nach fast vier Stunden intensivem Erfahrungsaustausch einmal mehr allen Anwesenden klar, an welch großer, aber eben auch sinnstiftender Aufgabe sie beteiligt sind und dass es essentiell ist, die Menschen der Lausitz auf diesem Weg nie aus den Augen zu verlieren.

 

Bild: (v.l.) Tortsen Ruban-Zeh, Christine Herntier, Tortsen Pötzsch © Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

Nach den konstituierenden Sitzungen der beiden Begleitausschüsse Ende April in Bautzen und Markkleeberg wurden in den vergangenen beiden Tagen die beratenden Mitglieder der zahlreichen Interessengruppen über die Geschäftsordnung des Regionalen Begleitausschusses, die neue Förderrichtlinie und den künftigen Prozessablauf gemäß der Förderrichtlinie informiert.

In zwei digitalen Infoveranstaltungen haben auf Einladung der Vorsitzenden der Regionalen Begleitausschüsse das Sächsische Staatsministerium für Regionalentwicklung (SMR) und die Sächsische Agentur für Strukturentwicklung (SAS) die beratenden Mitglieder umfassend informiert und auf die im Juni anstehenden ersten Sitzungen der Ausschüsse vorbereitet.

 

Interessenvertreter*innen im Mitteldeutschen Revier sind: Martin Lebrenz (Industrie- und Handelskammer Leipzig), Daniel Knorr (DGB Region Leipzig-Nordsachsen), Daniel Frank (Katholisches Büro Sachsen), Konstanze Morgenroth (Landesfrauenrat Sachsen e.V.), Beate Schücking (Universität Leipzig), Sandra Brandt (Sächsisches Burgen- und Heideland e.V.), Joachim Schruth (BUND), Mario Müller (BDEW e.V.), Tilo Bischoff (Agrargenossenschaft Hohenprießnitz), Andreas Berkner (Regionaler Planungsverband Leipzig-Westsachsen), Annedore Bergfeld (LAG Südraum Leipzig), Norbert Hanisch (Servicestelle Kinder- und Jugendbeteiligung Sachsen) und Leon Huff (Landesverband Nachhaltiges Sachsen e. V.).

 

Interessenvertreter*innen im Lausitzer Revier sind: Frank Großmann (Industrie- und Handelskammer Dresden), Dana Dubil (Deutscher Gewerkschaftsbund Ostsachsen), Christoph Seele (Evangelisches Büro Sachsen), Julia Gabler (Netzwerk “F wie Kraft”), Ursula Staudinger (TU Dresden), Joachim Mühle (Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien), Christian Steinke (Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e. V.), Mario Müller (BDEW e. V.), Andreas Stummer (Sächsischer Landesfischereiverband e. V.), Wolfgang Zettwitz (Regionaler Planungsverband Oberlausitz-Niederschlesien), Ralf Brehmer (NEISSELAND e.V.), Aniko Popella (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung Sachsen) und Günter Thiele (Bürgerregion Lausitz)

 

Am 28. Juni 2021 ab 13 Uhr wird für das Mitteldeutsche Revier der Regionale Begleitausschuss unter dem Vorsitz des Landrats des Landkreises Leipzig, Henry Graichen, in Neukieritzsch stattfinden. Einen Tag später, am 29. Juni 2021, wird ebenfalls ab 13 Uhr in Weißwasser unter der Vorsitzenden Birgit Weber, Beigeordnete des Landkreises Bautzen, der Begleitausschuss der Lausitz tagen.

 

Bild: Geschäftsführer Jörg Mühlberg während der Online-Infoveranstaltung © Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

Auf Bestreben des Sächsischen Staatsministeriums für Regionalentwicklung (SMR) und der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung (SAS) haben sich in Bautzen (29.04.2021) und Markkleeberg (30.04.2020) zwei regionale Begleitschüsse konstituiert. Sie gewährleisten den beiden sächsischen Braunkohleregionen eine beratende, wie auch empfehlende Beteiligung an den strategischen und operativen Strukturwandelprozessen.

 

Beide Ausschüsse setzen sich aus einer Vielzahl von Institutionen, Vertretern aus den Landkreisen und Kommunen, unterschiedlicher Vereine und Verbände zusammen und sollen die Basis eines stetigen Austausches zwischen Landesregierung und den Revieren gewährleisten. Henry Graichen, Landrat des Landkreises Leipzig und Vorsitzender des Begleitausschusses für das Mitteldeutsche Revier: »Für uns als Strukturwandelregion ist es wichtig, alle Maßnahmen, die wir in den kommenden Jahren ergreifen werden, auf eine breite Basis zu stellen. Der Strukturwandel im Revier wird nur gelingen wenn die Region entscheidend daran mitwirkt.«

 

Ähnlich sieht es auch Birgit Weber, Beigeordnete des  Landkreises Bautzen und Vorsitzende des Begleitausschusses des Lausitzer Reviers: »Wir wissen, dass der Strukturwandel in unserer Region bis zum endgültigen Braunkohleausstieg 2038 ein wesentliches und andauerndes Thema sein wird. Mit der Gründung des Regionalen Begleitausschusses ist ein wichtiger Meilenstein für den Prozess der Projektförderung im Rahmen des Strukturwandels geschaffen worden. Der Begleitausschuss ermöglicht darüber hinaus eine breite Beteiligung verschiedenster Interessensvertreter.«

 

Beide Begleitausschüsse werden bereits im Juni ihre Arbeit aufnehmen. Die ersten Sitzungen finden am 28.06.2021 im Mitteldeutschen Revier und am 30.6.2021 in der Lausitz statt. »Als Agentur beraten und begleiten wir die Kommunen und Landkreise bei der Beantragung und Umsetzung förderfähiger Projekte und freuen uns auf den direkten Austausch mit den Stakeholdern vor Ort. Derzeit haben wir rund 150 Projekte in der Prüfung, was man durchaus als Beleg dafür nehmen kann, dass das Thema Strukturwandel in Sachsen an Fahrt aufnimmt«, erklärt Jörg Mühlberg, Geschäftsführer der SAS

 

Die Bandbreite der rund 150 Projekte ist breit gefächert – von Verkehr, öffentlicher Fürsorge über Tourismus bis hin zu Klima- und Umweltschutz sind dabei alle Bereiche vertreten.

 

Galerien zu den konstituierenden RBA-Sitzungen

Bilder von der RBA-Sitzung im Lausitzer Revier

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Sitzungssaal im Landratsamt Bautzen

Bilder von der RBA-Sitzung im Mitteldeutschen Revier

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Gruppenbild der RBA-Mitglieder

Bilder: Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH

Prof. Dr. Norbert Menke wird ab dem 1. Mai 2021 Geschäftsführer der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung GmbH (SAS). Er war zuvor Holdingchef der LVV Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft und bekleidete verschiedene Führungspositionen in Unternehmen mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit, Infrastruktur und Wirtschaft.

 

Norbert Menke wird gemeinsam mit dem bereits amtierenden Geschäftsführer, Jörg Mühlberg, die SAS führen. Die SAS fungiert als zentrale Koordinierungsstelle des Strukturwandels im Lausitzer und Mitteldeutschen Revier. Die Gesellschaft hat ihren Sitz in Weißwasser und Büros in Borna und Dresden.

 

„Ich freue mich über das Vertrauen der Gesellschafter, dem Sächsischen Staatsministerium der Finanzen und der Sächsischen Aufbaubank, mir gemeinsam mit Jörg Mühlberg die Verantwortung für die Führung der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung zu übertragen. Ich bin überzeugt, dass wir einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltige regionale Entwicklung leisten werden“, so Norbert Menke.

 

„Mit Prof. Dr. Menke konnten wir einen hochqualifizierten Geschäftsführer für diese verantwortungsvolle Aufgabe gewinnen, der umfangreiche Kenntnisse im Themenbereich Energie, Mobilität und Umwelt sowie langjährige Erfahrungen aus kommunalen Infrastrukturunternehmen mitbringt“, betont Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende der Sächsischen Aufbaubank – Förderbank –. „Diese Mischung macht ihn zusammen mit seinem Geschäftsführerkollegen Jörg Mühlberg zum wichtigen Ansprechpartner für die vielfältigen Akteure in den Strukturwandelregionen im Lausitzer und Mitteldeutschen Revier.“

 

„Es ist eine gute Nachricht, dass trotz der besonderen Herausforderungen dieser Zeit der nächste Schritt für den erforderlichen Aufbau der Gesellschaft vollzogen werden konnte. Damit sind die Weichen für eine erfolgreiche Begleitung beider Regionen im Strukturwandel gestellt“, betont Thomas Schmidt, Staatsminister für Regionalentwicklung und Vorsitzender des Aufsichtsrates der SAS.

 

Die geplante umfassende Strukturentwicklung dieser Regionen ist eine außerordentlich bedeutsame und zugleich komplexe Aufgabe. Die Herausforderung besteht darin, zukunftsfähige und nachhaltige Perspektiven für die Wirtschaft, Gesellschaft und Menschen zu schaffen. Um diesen Prozess zu begleiten, hat der Freistaat Sachsen im Jahr 2019 die Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH (SAS) gegründet. Gesellschafter der SAS sind mit 51% der Freistaat Sachsen und mit 49% die Sächsische Aufbaubank (SAB).

 

Bild: Portrait Norbert Menke © Sächsische Agentur für Strukturentwicklung GmbH