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Pfarrer Jörg Michel im Interview

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auf der rechten Seite ist ein Mann abgebildet und auf der linken Seite ist ein Zitat von ihm

1993 kam Pfarrer Jörg Michel nach Hoyerswerda und fand sich direkt in einem alles und jeden prägenden Wandel wieder. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Wende machten der einstigen „Sozialistischen Großstadt“ zu schaffen. Mit Pfarrer Michel blicken wir auf den aktuellen laufenden Wandelprozess…
 
 
Herr Michel, Sie sind als Pfarrer unter anderem in der Gemeinde Mühlrose tätig. Mühlrose ist, so besagen es die derzeitigen Pläne, der letzte Ort, der dem Braunkohleabbau in Ostdeutschland zum Opfer fallen soll. Wie muss man sich die Situation in Mühlrose derzeit vorstellen? Wie sieht es im Ort aus?
 
Das Kerndorf ist in seiner ursprünglichen Struktur noch weitestgehend erhalten. Sehr emotional war allerdings der Abriss und die schnelle Beräumung der Gaststätte, die seit 100 Jahren das Dorfbild und das Dorfleben prägte. Anders sieht es schon mit manchen Außengehöften aus. Nur an manchen Bäumen kann man erkennen, dass sich hier größere Vierseitgehöfte befunden haben.
 
 
Nun hat dieses Schicksal, das die Bürger in Mühlrose ereilen soll bis spätestens Ende 2024, ja schon viele andere Orte vorher getroffen. Wenn man sich in diesen Gemeinden umgehört hatte, war die Stimmung durchaus ganz unterschiedlich ausgeprägt. Es gab diejenigen, die bis zuletzt bleiben wollten. Diejenigen, die möglichst schnell in ein neues Zuhause zogen. Es gab welche, die komplett der Region den Rücken gekehrt haben, um nicht ständig an Vergangenes erinnert zu werden.  Und es gab diejenigen, die intensiv um den Erhalt kämpften. Nehmen Sie das in Mühlrose nun ebenfalls so wahr? Welche Stimmung herrscht da vor?
 
Ich denke, Ihre Aufzählung schildert treffend auch die Stimmung in Mühlrose. Etliche sind schon verzogen in benachbarte Orte. Etliche freuen sich auf den Umzug nach Neu-Mühlrose, das als neuer Ortsteil von Schleife entsteht und später das alte Kriegerdenkmal sowie den Glockenturm aufnehmen soll. Andere sind in entferntere Regionen verzogen oder planen dies, so zum Beispiel in die Nähe der Kinder. Und einige hoffen natürlich, dass der Ort stehenbleiben kann. Inzwischen ist ja der Rechtfertigungsdruck gewechselt: Waren es in den letzten Jahren die Bewohner gewesen, die sich für ihren Kampf um einen Erhalt der Ortslage rechtfertigen mussten als Minderheit, müssen sich nun die LEAG und die staatlichen Kontrollinstanzen rechtfertigen, warum ein jahrhundertealter Ort weggebaggert werden muss, obwohl die Kohle darunter nicht mehr dem Erhalt von Arbeitsplätzen dient oder die Energiesituation unseres Landes retten wird. Deshalb hoffen Einwohner, in ihren Häusern bleiben zu können.
 
 
Die Menschen in den Tagebaurevieren Sachsens erleben nun in relativ kurzer Zeit erneut einen tiefen Einschnitt in ihrer Biographie. Damit verbunden ist naturgemäß die Sorge um die eigene Zukunft, auch ein Stück Identitätsverlust bisweilen. Wie gehen Sie als Pfarrer mit den Sorgen Ihrer Gemeindemitglieder um?
 
Für die anderthalb Jahre, in denen ich als Vakanzvertreter für das Kirchspiel Schleife als Pfarrer zuständig bin, hatte ich mir vorgenommen, in dieser besonders spannungsvollen Situation alle Mühlroser Bewohner zu besuchen. Noch habe ich ein halbes Jahr Zeit, bin aber guter Dinge, dieses Ziel zu erreichen. Wichtig ist für mich dabei: Da sein, zuhören, ausgesprochene Not und Schmerz mit aushalten. Aber auch beim Abschiednehmen helfen, gern auch Freude auf das Neue teilen. Eine Hilfe dabei ist gewiss, dass ich mich mit der Leidensgeschichte der sorbischen Minderheit seit etlichen Jahren intensiver beschäftige. Ein Zugang zur Sprache erleichtert die Beschäftigung mit Russisch (Schulzeit in der DDR), Polnisch und Tschechisch (VHS-Kurse). Ein Grundkurs in Obersorbisch im Sommer vergangenen Jahres konnte manches vertiefen. Und: Als mir meine Kollegin bei der Übergabe im Pfarramt einen Packen Bücher überreichte mit der örtlichen Geschichte, las ich zuerst die Sagen aus der Region. Wirklich da sein – das bedeutet nach meiner Meinung, sich auch Kultur, Sprache und Geschichte zu nähern.
 
 
Sie haben kürzlich in einem Interview erklärt, dass es Ihnen seit Jahren ein persönliches Anliegen ist, die Menschen dazu zu ermutigen, sich aktiv in Belange des Gemeinwohls einzubringen. Wenn man mal nach Hoyerswerda, für das Sie ebenfalls zuständig sind, schaut, dort haben SIe beispielsweise die “Initiative Zivilcourage Hoyerswerda“ mitgegründet und damit auch versucht, die jungen Menschen der Region zu erreichen. Was genau tun Sie da und wie schaffen Sie es, die junge Generation dafür zu begeistern, sich aktiv einzubringen?
 
Das ist natürlich ein Perspektivwechsel von einem kleinen sorbischen Dorf in die Großstadt Hoyerswerda, die nach dem ersten Strukturwandel Anfang der 90-er Jahre von 70.000 Einwohnern auf jetzt 30.000 geschrumpft ist, mit allen spannungsvollen Begleiterscheinungen. Das muss man durchaus etwas differenziert betrachten, da die Gegebenheiten unterschiedlich sind. Die ‚Initiative Zivilcourage‘, nach der Sie fragen, wurde 2006 nach einer großen rechtsextremistischen Kundgebung gegründet; aus dem Wunsch heraus, das Wirken der Stadtverwaltung und etlicher freier sozialer Träger mit zivilgesellschaftlichem Engagement zu ergänzen. Wir treffen uns regelmäßig einmal im Monat, tauschen uns über die aktuelle Lage aus und verabreden Projekte sowie Aktionen. Zwei Schwerpunkte haben sich in den letzten Jahren herausgebildet: „Tag & Nacht der Toleranz“ an einem Mittwoch im April und die „Interkulturelle Woche(n)“ im Herbst. Zu beiden Anlässen werden z.B. alle Schulen in der Stadt mit eingebunden und gemeinsame Aktivitäten koordiniert. Und daneben ergeben sich immer wieder Gelegenheiten, mit Jugendlichen gewisse Aktionen zu gestalten. So zum Beispiel das konsequente Entfernen von rechten Aufklebern, die auf Laternen Hetze gegen Minderheiten und gegen politisch Andersdenkende verbreiten oder sich eindeutig die ‚Segnungen‘ eines Dritten Reiches herbeiwünschen. Oder vor etlichen Jahren eine Aufklärungskampagne zu einem Laden in unserer Einkaufsmeile, dem Lausitz-Center, der auf den Vertrieb von Thor-Steinar-Textilien nicht verzichten wollte. Im letzten Sommer organisierten wir mit Jugendlichen eine Plakataktion gegen die von der AfD inszenierten Autokorso-Demos. Der Erfolg solcher Aktionen ermutigt Jugendliche für eine Mitwirkung und Mitverantwortung.
 
 
Hoyerswerda ist leider eine Stadt, die in den Nachwendejahren enorm an Bevölkerung verloren hat. Die Lausitz ganz generell treibt im Rahmen des Strukturwandels die Sorge um, dass man nach dem Kohleausstieg weiter Menschen an die Metropolen verlieren wird – vor allem junge Familien. Wir hören von vielen Seiten, dass es gelingen muss, die jungen Menschen in der Region zu halten. Wenn Sie sich in Ihren Gemeinden, speziell bei jungen Familien, umhören, was braucht es, damit diese Generation in der Lausitz bleibt und sie zukunftsfähig mitgestalten wird?
 
Ich denke, dafür sind zum einen die ‚harten‘ Faktoren relevant: Arbeitsplätze, Verkehrsanbindung, Infrastruktur wie Schulen, Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten. Aber ich erlebe, dass die sogenannten ‚weichen‘ Faktoren eine gleichgroße Rolle spielen: eine bunte Vereinslandschaft, ein breites kulturelles Spektrum, Natur und Erholungsmöglichkeiten. Und: Eine Region, die nicht im Selbstmitleid versinkt wegen ‚Randlage, Perspektivlosigkeit, tote Hose‘, sondern in der man ermutigt wird, sich einzubringen für das Gemeinwohl und damit selbst Nutznießer wird. Natürlich wird es unterschiedliche Ansatzpunkte geben zwischen einer großen Stadt wie Hoyerswerda und einer kleinen Gemeinde wie Mühlrose, um die Menschen in der Region zu halten. Was für einen kleinen Ort passt, kann in der Stadt verpuffen – und umgekehrt gilt das selbstverständlich auch.
 
 
Johannes Staemmler und sein Team der IASS, die sich seit Jahren intensiv mit dem Strukturwandel in der Lausitz beschäftigen, erklärten kürzlich in einem Podcast, dass die nachwachsende Generation sehr gemeinwohlorientiert denkt. Dass Themen wie Umwelt- und Naturschutz eine große Bedeutung haben, aber auch die Belange zum Thema Gesundheits- und Altersvorsorge ihrer Mitmenschen. Die Schwierigkeit bestünde eher darin, diese Gruppe an politische Themen heranzuführen, entsprechende Formate zu finden. Wie erleben Sie das in Ihren Gemeinden?
 
Eine erste Schwierigkeit: Ein Großteil der jüngeren Generation ist erstmal auswärts zu Ausbildung und Studium. In unseren Kirchengemeinden erleben wir diesen Schwund mit dem Kontaktabbruch ab den 16 – 18-jährigen. Auch da sind Formate gefragt z.B. an Wochenenden, um diese Zielgruppe für kirchliche Angebote zu begeistern. Die Jüngeren erleben Politik oft als ‚Parteien-Politik‘ – was manchmal nicht einladend für eine Mitwirkung erlebt wird. So zieht man sich eher ins Private, Überschaubare zurück. Ich denke, wir müssen in allen gesellschaftlichen Gruppen – sei es Kirche, Vereine, Parteien – neue, niedrigschwellige Formate für eine Mitbeteiligung gestalten. Und dieses demokratische ‚Einüben‘ sollte schon in der Schule beginnen. Aber Sie merken, ich habe auch keine Patentrezepte, sondern suche und probiere immer wieder neu …
 
 
Wir hatten im alten Jahr in einer kleinen Serie darüber berichtet, wie im Mitteldeutschen Revier vor Jahren die Emmauskirche nach Borna umgezogen ist. Der Glockenturm aus Mühlrose soll als Erinnerung an den letzten Ort, der in Ostdeutschland weggebaggert werden soll, in den Schleifer Ortsteil Neu-Mühlrose umziehen. Wie ist das geplant? Wann soll das stattfinden?
 
Im Glockenturm befindet sich die frühere Schulglocke. Es ist also keine kirchliche, sondern eine kommunale Verantwortung. Daher bin ich nicht die Planung involviert. Aber ich vermute, dass dies erst nach Abschluss der Umsiedlung Ende 2024 geschehen soll – so wie dann auch der Friedhof entwidmet wird und die Umbettungen vorgenommen werden. Aber: Wir befinden uns in einer schnelllebigen Zeit. Vor Jahren wurde in der Region auf großen Plakaten verkündet: „Vattenfall – die Zukunft der Lausitz“. Darüber ist schon der Staub der Geschichte hinweggeweht. Alle wissen, dass auch die LEAG nicht die Zukunft der Lausitz ist. Ich bin neugierig auf die nächsten Jahre, auf die nächsten Monate. Es würde mich nicht wundern, wenn der Glockenturm an seinem derzeitigen Standort verbleibt …
 
 
Sie sind nun seit 1993 in der Region tätig und haben viel erlebt in dieser Zeit. 2038 soll die letzte Kohle gefördert werden – vielleicht auch eher – danach die Lausitz dann ein anderes Gesicht haben. Wo sehen Sie die Lausitz nach dem Kohleausstieg? Was würden Sie sich für die Menschen, mit denen Sie dann über so viele Jahre gelebt und gearbeitet haben, wünschen?
 
Die Lausitz wird über Jahrzehnte mit der ‚Heilung‘ von den Bergbaufolgeschäden befasst bleiben. Die dramatische Rutschung von Nachterstedt 2009 hat auch die Entwicklung des ‚Lausitzer Seenlandes‘ um mehrere Jahre verzögert, da rekultivierte, freigegebene Flächen wieder gesperrt wurden. Noch 70 bis 80 Jahre lang wird mit einer ‚braunen Spree‘ gerechnet – dem Eintrag von Eisenoxid durch das Grundwasser. Es wird dauern, bis die Landschaft ein neues Gesicht bekommt. Und die prognostizierte (und erlebte) Wasserknappheit für die Region macht es nicht einfacher.
 
Ich wünsche den Lausitzern einen Enthusiasmus mit langem Atem à la ‚Yes, We Can‘. Und wer sich intensiv mit der Geschichte der Region beschäftigt – mit der sorbischen Prägung, mit der Zeit vor der Kohle, der Zeit vor der Teilung der Oberlausitz u.ä. – wird einen großen Reichtum entdecken und eine Liebe für diese Region, die einem Lebensfreude und Zuversicht schenken kann.
 
Wer sich mit der Thematik rund um Mühlrose und die sorbische Geschichte ein wenig intensiver auseinander setzen möchte, kann sich hierzu unseren Gottesdienst vom August des letzten Jahres aus Schleife anhören. Dass der MDR mit solch einem Format den Problemen der Region eine Öffentlichkeit ermöglicht, hat den Menschen gezeigt, dass man ihnen ein Ohr schenkt und ihre Sorgen und Ängste ernst nimmt. Das hilft auf diesem nicht ganz einfachen Weg.
 
 
 
Herzlichen Dank, Herr Michel, für das Gespräch.
 
 
Titelbild: Pfarrer Jörg Michel vor dem Gedenkstein „Protestantin“ in Mühlrose, 2021, Foto: Krischke